12 Uhren für die Ewigkeit

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12 Uhren für die Ewigkeit
von Gisbert L. Brunner

Offiziell sind es drei Dinge, die eine Uhr wertvoll machen: ihr Innenleben, der Markenname und ihre Seltenheit. Inoffiziell ist es ganz simpel die Liebe zu einem Mikrokosmos der Feinmechanik. Pure präsentiert die zwölf besten Uhren der Gegenwart – und ihre Geschichten.

Beim Immobilienkauf gibt es bekanntlich drei entscheidende Kriterien: erstens die Lage, zweitens die Lage und drittens nochmal die Lage. Anders die Kriterien im Universum der feinen Zeitmessung, welche bei echten Connaisseurs natürlich nur auf rein mechanischem Weg erfolgen darf. Elektronisch angeregte Schwingquarze sind nicht diskutabel. Ganz ohne Frage genießt der Markenname erste Priorität. Dann stellt sich die Frage nach der Provenienz des tickenden Innenlebens und nach seiner Verarbeitungsqualität. Bleibt schließlich das Mengenkriterium. Hier zählt, was Marcus Tullius Cicero schon vor Jahrtausenden postulierte: „Omnia praeclara rara.“ Für Nicht-Lateiner: „Alles Vorzügliche ist selten.“

 

Wenn es um mittel- und langfristigen Werterhalt geht, spielen diese drei Faktoren eine wesentliche Rolle. Als spekulative Anlageobjekte zur kurzfristigen Gewinnmaximierung taugen Armbanduhren aus aktueller Produktion erfahrungsgemäß nicht Als spekulative Anlageobjekte zur kurzfristigen Gewinnmaximierung taugen Armbanduhren aus aktueller Produktion erfahrungsgemäß nicht. . Alles, was sich vom Fachhandel mehr oder minder schnell beschaffen lässt, kann beim Verkauf mit sehr viel Glück allerhöchstens den Einstandspreis bringen. Bei perspektivischer Betrachtung sehen die Dinge etwas anders aus. Allein schon wegen steigender Lohn- und Materialkosten werden Uhren mit schöner Regelmäßigkeit teurer. Beredtes Beispiel ist die legendäre Referenz 3970 von Patek Philippe, ein Handaufzugs-Chronograph mit ewigem Kalendarium, welches bei regelmäßigem Tragen bis Ende Februar 2100 keiner manuellen Korrektur bedarf. 1986 kostete der aus 350 Teilen zusammengefügte, von einem Gelbgoldgehäuse umfangene Mikrokosmos umgerechnet rund 34.000 Euro. Schnell Entschlossene konnten damals sogar noch über einen stattlichen Rabatt verhandeln. Als Patek Philippe 2004 die etwas größere Nachfolgereferenz 5970 auf den Markt brachte, kosteten die letzten Exemplare der 3970 rund 65.500 Euro. Und selbst dafür ist diese Armbanduhr heute kaum mehr zu haben. 
 
Gut 100 Prozent Rendite in 20 Jahren entlocken abgebrühten Investmentbankern nur ein müdes Lächeln. Gleichwohl blicken die Cleveren während des Tages öfter auf ihr Handgelenk als in den Spiegel. Sie wissen nämlich sehr genau um die Qualität des dort tickenden Investments. Speziell über den Wert und das Prestige einer Marke lässt sich ausgiebig diskutieren. Unbestritten genießt Rolex den höchsten Bekanntheitsgrad. Unbestritten genießt Rolex den höchsten Bekanntheitsgrad. Weniger bekannt ist der Hintergrund des Namens, den sich Firmengründer Hans Wilsdorf 1908 in London schützen ließ. Der gebürtige Oberfranke wollte einen kurzen, prägnanten und vor Verballhornungen weitgehend sicheren Terminus. Des Rätsels Lösung erzählte Wilsdorfs Witwe Anfang der 1990er Jahre beim Nachmittagstee: Weil der Schweizer Lieferant die begehrten Zeitmesser fürs Handgelenk fortlaufend in großen Stückzahlen nach England versandte, sprach der Gatte vom „rolling export“. Einer der vielen Wilsdorf’schen Geistesblitze machte daraus das Kürzel Rolex. Die Tatsache, dass der Global Player im Eigentum der Wilsdorf-Stiftung einen überragenden Ruf als Mechanik-Manufaktur genießt, welche seit 2000 ausnahmslos eigene Uhrwerke verbaut, ist riskantem Handeln zu verdanken: In den 1970er Jahren, als Schwingquarze die Uhrenwelt eroberten, konnte Rolex nicht mithalten. Der Traditionalist hatte die Entwicklung verschlafen. Nolens volens entschied sich das Management auf Gedeih und Verderb, letztlich aber erfolgreich fürs eiserne Festhalten an der überlieferten Mechanik aus eigener Manufaktur. 
 
Apropos Manufaktur: Dieses Wort gehört in der Branche zu den meistmiss-brauchten. In vollkommener Handarbeit, und genau das suggeriert der Begriff, entsteht kein einziges Uhrwerk mehr. Maschinen sind aus dem Geschäft nicht wegzudenken. Erst die zeitaufwendige Feinarbeit und Montage verlangen manuelles Tun. Die ungeschriebenen Gesetze der eidgenössischen Uhrmacherkunst meinen aber auch etwas gänzlich anderes: Manufaktur ist, wer die tragenden Teile mindestens eines Kalibers, also Werktyps, unter dem eigenen Dach fertigt. Zu den klassischen Schweizer Manufakturen gehörten bis zur Quarz-Krise allein Audemars Piguet, Girard-Perregaux, IWC, Jaeger-LeCoultre, Patek Philippe, Piaget, Rolex und Zenith. Ab den 1990er Jahren erkannten mehr und mehr Marken den Wert eigener Uhrwerke, was die rasch wachsende Zahl echter Manufakturen erklärt: Breguet, Breitling, Bulgari, Chopard, Eterna, Frédérique Constant, Roger Dubuis, Hublot, Maurice Lacroix, Montblanc, Parmigiani, TAG Heuer, Ulysse Nardin und Vacheron Constantin sind nur einige Beispiele. In Deutschland gesellen sich A. Lange & Söhne, Glashütte Original und Nomos dazu.
Damit stellt sich die Frage nach Firmen wie beispielsweise Blancpain, Cartier, Corum, Ebel, Omega oder Panerai. Sie alle werben mit Eigenem. Und damit haben sie auch nicht Unrecht. Aber das Eigene besitzt vorwiegend exklusiven Charakter, denn die Fertigung elementarer Rohteile wie Platine, Brücken und Kloben liegt in externen Händen. 
Die überwiegende Mehrheit aller Uhrenmarken gehört zum Kreis der sogenannten Etablisseure. Sie verwenden mehr oder minder individualisierte Standardkaliber Die überwiegende Mehrheit aller Uhrenmarken gehört zum Kreis der sogenannten Etablisseure. Sie verwenden mehr oder minder individualisierte Standardkaliber. – unter anderem die des zur Swatch Group gehörenden Rohwerkegiganten Eta. 
 
Zurück zu den Namen. Spätestens seit dem 150. Geburtstag im Jahre 1989 und einer fulminanten Jubiläumsauktion mit gigantischen Zuschlagpreisen ist Patek Philippe in aller Munde. Die Genfer Nobelmanufaktur steht wie kaum eine andere für uhrmacherische Exzellenz und Wertsteigerung. Besonders begehrte Modelle wie die sportliche, mittlerweile 35 Jahre alte Stahl-„Nautilus“ erfordern daher geduldiges Warten, weil die Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt. Im Faktum, dass die Zeit nichts respektiert, was ohne sie geschaffen wurde, zeigt sich die Achillesferse klassischer Uhrmacherei. Unter ähnlichen Problemen leiden im Grunde genommen alle Manufakturen. So auch A. Lange & Söhne in Glashütte. Die Sachsen halten es mit dem überlieferten Prinzip, jedes Uhrwerk nach der Vormontage wieder zu zerlegen und dann nochmals zusammenzubauen. Glücklich, wer sich 1994 für eines der nur 50 Platin-Tourbillons „Pour le Mérite“ entschied. Mit umgerechnet 73.000 Euro war Mann dabei. Heute geht am Second-hand-Markt unter 200.000 Euro gar nichts mehr. Zeitgenossen mit schmälerem Portefeuille schwören auf die Uhr-Ikone „Lange 1“, welche 1994 mit etwa 13.000 Euro zu Buche schlug, heute deren 21.500 kostet und Mann von Welt immer noch vorzüglich kleidet. 
 
Bei Rolex schwört natürlich alles auf den stählernen „Daytona“-Chronographen. Einen zu bekommen, verlangt nach mehr als nur guten Beziehungen zum Fachhändler des Vertrauens. Als Investment ist „Submariner“, die 1954 vorgestellte Mutter aller professionellen Taucheruhren, ebenfalls fast so sicher wie pures Gold. Allein zwischen 1990 und 2009 verdoppelte sich der offizielle Publikumspreis von umgerechnet rund 2.000 auf circa 4.000 Euro. Schon dadurch machte sich die Ausgabe für eine Armbanduhr bezahlt, welche niemals wirklich unmodern werden dürfte. Und gut angezogen ist Mann damit in allen Lebenslagen, wie einst schon James Bond eindrucksvoll belegte.
Eine Panerai am Handgelenk wirkt wie ein Augen-Magnet. Original „Radiomir“- oder „Luminor“-Modelle aus den 1930er bis 1950er Jahren sind mittlerweile schier unbezahlbar. Selbst die mit relativ schnöder Eta-Mechanik ausgestattete Erst-Edition der stählernen „Luminor“ nach der Übernahme durch den Richemont-Konzern im Jahre 1997 ist heute bereits mehr als doppelt so teuer. Viele der aktuellen Modelle glänzen durch exklusives Innenleben und stellen potenzielle Kunden auf die Geduldsprobe. 
Der unangefochtene Leader von Audemars Piguet heißt „Royal Oak“. Beim Lancement im Jahre 1972 kostete die stählerne Automatik rund 2.000 Euro und damit mehr als eine Lederband-Golduhr. Das gleiche Royal-Oak-Modell mit dem ultraflachen Kaliber 2121 liegt inzwischen bei knapp 14.000 Euro. Und es sieht nicht so aus, als ob diese Armbanduhr innerhalb der nächsten Jahre vom Markt verschwinden würde. 
 
Bei Jaeger-LeCoultre feiert die „Reverso“ im kommenden Jahr ihren 80. Geburtstag. Trotz oder wegen ihres Alters ist die für Polospieler im fernen Indien kreierte Wendeuhr aktueller und erfolgreicher denn je. Ohne ihre „Reverso“ wären die große Manufaktur aus dem Vallée de Joux und die Liebhaber außergewöhnlicher Armbanduhren um vieles ärmer. Im Gegensatz zu 1931, als LeCoultre mangels eigener Kaliber beim Mitbewerber Tavannes einkaufen musste, steckt heute in jeder „Reverso“ hundertprozentige Manufakturarbeit. 
Ähnliches gilt auch für den „Navitimer Breitling ... “ von Breitling. Der Chronograph mit ausgeklügelten Rechenfunktionen auf dem Zifferblatt debütierte 1952. An eigene Uhrwerke dachte das Familienunternehmen damals noch nicht einmal im Traum. Seit dem 125. Geburtstag im Jahr 2009 hat sich das Blatt gewendet. Als echte Mechanik-Manufaktur hat Breitling den gesuchten „Navitimer“ beträchtlich aufgewertet. 
Zu den zeitschreibenden Glanzleistungen unserer Tage zählt auch der „Speedmaster Professional“ von Omega. Nach ausgiebigen Tests begleitete der Stopper 1969 die ersten Menschen zum Mond. Seitdem schwören eingefleischte Chronographen-Freaks auch ohne Manufaktur-Kaliber auf diese Handaufzugs-Armbanduhr. Sie können sich aber damit trösten, dass die Swatch Group das bewährte Innenleben nur noch intern verwendet. 
Bei IWC stand 2010 im Zeichen der markanten „Portugieser“. Schon bei der Premiere in den späten 1930er Jahren tickte im Gehäuseinneren ein großes Taschenuhrwerk. Diese Maxime gilt bei den Schaffhausern auch heute noch: opulente Handaufzugs-Mechanik aus eigener Manufaktur. 
Unübersehbar kleiner, aber nicht minder schlicht präsentiert sich die „Tangente Nomos Tan ... “ von Nomos. Ihre Optik stützt sich auf Bauhaus-Designs der 1930er Jahre. 1991, nach der Wiederbelebung des Namens „Nomos“, avancierte die Handaufzugs-„Tangente“ zu einem anerkannten und vor allem bezahlbaren Klassiker. 2005 brachte die Manufaktur-Automatik „zeta“ auch ohne Preisexplosion eine deutliche Aufwertung. 
Das Zifferblatt-Design der „Classique Mondphase“ von Breguet geht schon auf den Firmengründer Abraham-Louis zurück. Seine Nachfolger haben es ans Handgelenk gebracht. Und dort ist das elegante Ensemble aus Zeigern für Stunden, Minuten, Datum und Gangreserve sowie ausgenfälliger Mondphasenindikation seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Hause. Ein schnörkelloser Hingucker mit Potenzial. 
Bleibt last but not least Cartier, dem die vom Taschenuhr-Outlook emanzipierte Armbanduhr zu verdanken ist. 1904 entwickelte der geniale Louis Cartier für seinen Freund Alberto Santos-Dumont die quadratische „Santos“. Kein anderes Uhrendesign hat den Zeitläufen seit mehr als 100 Jahren ohne gravierende Änderungen widerstanden. Mehr noch: Durch neue, exklusive Cartier-Kaliber und größere Gehäusedimensionen ist die Santos im 21. Jahrhundert aktueller denn je. 
 
Bleibt wie immer die Qual der Wahl. Aber selbige plagt glücklicherweise nicht nur Liebhaber mechanischer Armbanduhren, deren sanftes Ticken den Herzschlag der menschlichen Kultur verkörpert.
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