Armer Stoff, reiche Gefühlslage
Die Legende ist zu schön und muss erzählt werden: Noah hatte beim Bau seiner Arche an alles gedacht. Nur nicht daran, dass der Weg lang und die Innenausstattung seines Schiffes sehr unbequem sein würde. Die harten Holzplanken
plagten die Knochen von Mensch und Tier. Gott zeigte Erbarmen, polsterte den Boden der Arche mit Schafwolle. Die Tiere stampfen, schwitzten, die Menschen schwitzten mit – nach vierzig Tagen war aus dem flockigen Bodenbelag ein dichter Teppich geworden, wärmend, wasserfest. Der erste Filz der Geschichte war demnach ein gemeinsames Werk von Menschen, Tieren und einer göttlichen Instanz.
plagten die Knochen von Mensch und Tier. Gott zeigte Erbarmen, polsterte den Boden der Arche mit Schafwolle. Die Tiere stampfen, schwitzten, die Menschen schwitzten mit – nach vierzig Tagen war aus dem flockigen Bodenbelag ein dichter Teppich geworden, wärmend, wasserfest. Der erste Filz der Geschichte war demnach ein gemeinsames Werk von Menschen, Tieren und einer göttlichen Instanz.Wer weder an Geschichten noch an die Bibel glaubt, wird kaum auf wissenschaftliche Fakten zum Werkstoff Filz treffen. Jeder kennt Filz, hat sicherlich starke Assoziationen mit dem Hautgefühl, dem Geruch – doch die historischen Wurzeln von Filz sind schwer zu greifen. Was an seinem größten Haken liegt: Filz will gelebt und gepflegt werden – die meisten Grabbeigaben aus archäologisch relevanter Zeit sind aber verrottet. Hinweise auf den Gebrauch von Filz bei unseren Urahnen projizieren Wissenschaftler bereits in die Mittelsteinzeit. Seit 10.000 Jahren kennt der Mensch also den Werkstoff Filz – nach den Tierhäuten das zweite Naturmaterial, das uns vor den lebensbedrohlichen Einwirkungen gerade dieser Natur schützen sollte.
Filz ist das älteste von Menschen geschaffene Textil.
"Filz ist das älteste von Menschen geschaffene Textil."
Uralte, aber gut erhaltene Prachtstücke fanden russische Wissenschaftler 1929 in den Feldern von Pazyrik in Sibirien. Die Kälte hatte durch die Zeit konservierend gewirkt – und offenbarte der Nachwelt nun, dass Filz für die Menschen im Altai eine der wertvollsten Grabbeigaben war. Dort also steht die Wiege des Filzes, bei den Völkern der Steppe. Die ihn in allen Formen und Größen nutzten – und nutzen.
Wer sich traut, kann eine Übernachtung in einem mongolischen „Ger“ buchen, einer Jurte, dem traditionellen Zelt der Nomaden in West- und Zentralasien. Es gibt glaubhafte Berichte, wonach diese Erfahrung selbst die Hartgesottensten unter den westlichen Managern nachhaltig verändert hat. In einem Ger ist man komplett von Filz umgeben, die Luft schwingt anders, die Akustik verändert sich. Diese Art der Geborgenheit muss man aushalten können. Klingt irritierend, befremdlich und mystisch – trifft aber eine seit Jahrtausenden unveränderte Kette an Assoziationen im Zusammenhang mit dem Material Filz.
Erstaunlich, was Filz alles vermag: Er dient als Schutz vor Kälte, verändert – stärker als jeder andere bekannte Stoff – unser akustisches Umfeld. Filz dämmt, polstert, poliert. Die Automobilindustrie setzt noch immer auf schwer entflammbare, geformte Filz-Elemente zur akustischen Verfeinerung in Motorraum wie Fahrgastzelle. In den 1950er und 60er Jahren erweiterte sich das Spektrum der Verwendungsmöglichkeiten mit der Einführung der Nadelfilztechnik. Deren Anfänge reichen bis ins Jahr 1870, aber erst mit dem Aufschwung der Chemiefaser kam der Durchbruch. Heute kann man durch Einlagerung von Metallsalzen die Entflammbarkeit deutlich verringern. Emulsionen machen resistent gegen Bakterien, die elektrostatische Aufladung lässt sich ausgrenzen. Filz verbessert das Crashverhalten, reduziert das Wagengewicht und ist vollständig recycelbar.
"Filz verbessert das Crashverhalten, reduziert das Wagengewicht und ist vollständig recycelbar."
Die Ökobilanz glänzt.
Zeitsprung an die Quelle: Die Nomaden nutzten Filz als Schutz wie auch als Schmuck. Von der Satteldecke über den Wandbehang bis zum Rangabzeichen aus Filz. Über Ungarn drang das Wissen um die Filzfertigung nach Westen vor. In Pompeji findet sich die älteste Darstellung einer Filzproduktion an der Außenwand einer Werkstatt. Die Unterschiede zwischen damals und heute sind beim Wollfilz (siehe gegenüberliegende Seite) überschaubar. Was unsere Ahnen noch von Hand leisten mussten, wird heute in der gewerblichen Herstellung Maschinen anvertraut, die verschiedene Wollarten und Tierhaare mischen, zerkleinern und zugleich grobe Verschmutzungen entfernen. Beim „Krempeln“ richtet eine Maschine die einzelnen Wollfasern
Interview //
Dr. Karl Borromäus Murr: „Stoffliches Widerlager zu einer entfremdeten Welt“
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in eine Vorzugsrichtung aus. Das eigentliche Filzen beginnt danach. Je nach Wunsch-Dicke und -Gewicht der Filze werden Vliese in verschiedenen Stärken und Längen übereinandergelegt, „gekreuzt“, und dann unter Einwirkung von Feuchtigkeit, Wärme und Druck kreisförmig verdreht – die schuppenartige Struktur der Wollfasern wird ineinandergeschoben. Das Hauptziel: Die Schuppen der obersten Haarschicht sollen sich unauflösbar miteinander verketten. Wer es selbst versuchen will: Warmes Wasser und Seife helfen. Hinzu kommt das unabdingbare mechanische Moment: Durch Walken durchdringen sich die einzelnen Fasern, die aufgestellten Schuppen verkeilen sich unlösbar ineinander. Aber: Was man feucht sieht, ist nicht das, was am Ende des Prozesses herauskommt – Filz schrumpft beim Trocknen je nach Wollart unterschiedlich stark.
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Dr. Karl Borromäus Murr: „Stoffliches Widerlager zu einer entfremdeten Welt“
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in eine Vorzugsrichtung aus. Das eigentliche Filzen beginnt danach. Je nach Wunsch-Dicke und -Gewicht der Filze werden Vliese in verschiedenen Stärken und Längen übereinandergelegt, „gekreuzt“, und dann unter Einwirkung von Feuchtigkeit, Wärme und Druck kreisförmig verdreht – die schuppenartige Struktur der Wollfasern wird ineinandergeschoben. Das Hauptziel: Die Schuppen der obersten Haarschicht sollen sich unauflösbar miteinander verketten. Wer es selbst versuchen will: Warmes Wasser und Seife helfen. Hinzu kommt das unabdingbare mechanische Moment: Durch Walken durchdringen sich die einzelnen Fasern, die aufgestellten Schuppen verkeilen sich unlösbar ineinander. Aber: Was man feucht sieht, ist nicht das, was am Ende des Prozesses herauskommt – Filz schrumpft beim Trocknen je nach Wollart unterschiedlich stark.Die Hauptlieferanten des Ausgangsmaterials Wolle sind Schafe. Experten unterscheiden hier äußerst exakt: Ihrer Erfahrung nach stammt gute Filzwolle von Landschafen – man spüre hier, sagen sie, den Unterschied zu der Wolle von Fleischrassen, die weniger elastisch und eher wie Watte sei. Das Endprodukt bestimmt also entscheidend die Wahl der Wolllieferanten. Unter Kennern besonders hoch gehandelt: Merinowolle, Bergschafwolle vom Steinschaf sowie die Wolle des Gotlandschafes.
Wer eine authentische, geradezu rustikale Filzfertigung erleben will, muss in die Mongolei reisen. Dort ist Filzmachen eine kollektive Stammesangelegenheit. Alle kommen zusammen und schlagen mit Weidenruten auf die geschorene Wolle ein. Was die Fasern auflockern soll und die Schuppen der obersten Haarschicht öffnet. Für die Verarbeitung der Wolle von 200 Schafen braucht es zehn Menschen und drei Tage.
"Für die Verarbeitung der Wolle von 200 Schafen braucht es zehn Menschen und drei Tage."
Ein „Mutterfilz“ wird als Basis unter den frischen Wollflocken ausgelegt und befeuchtet. Ein wunderbar archaischer Gedanke: Ein bestehender Filz wird zum Mantel, zum Kokon des neuen Frühjahrs-Filzes. Alter und neuer Filz werden ineinandergerollt, ein dünnerer Baumstamm in der Mitte stabilisiert einen großen Spieß. Nun kommen die Pferde und Reiter des Stammes zum Zug. Im Wortsinn. An Seilen ziehend schleifen sie das Bündel über das frische Steppengras, kilometerweit. Das Arbeitsergebnis – Zelte, Kleidungsstücke, Pferdedecken – entsteht in der Gemeinschaft und wird in der Gemeinschaft geteilt. Soziologen sehen auch hierin eine in uns allen verwurzelte Botschaft des Materials Filz: Es taugt – bis heute, bis hinein in die westlichen Gesellschaften – nicht zur sozialen Abgrenzung. Filz kann Bekleidungsstoff für Könige wie für Bettler sein.
Keiner hat diese Doppelrolle und zugleich die archaischen Wurzeln von Filz stärker in unserem Bewusstsein verankert als Joseph Beuys
. Die Filz-Installationen von Beuys wirken heute in manchen Museen wie ein kühl-ästhetischer, theoretischer Diskurs. Die Botschaft geht jedoch tiefer, ist wärmer. 1943 stürzte Beuys während eines Einsatzes auf der Krim mit dem Flugzeug ab. In biografischen Aufzeichnungen berichtet er davon, dass ihn einheimische Nomaden fanden und mit einem Schlitten in ihr Zeltlager brachten. Dort wurde er mit Filzdecken gewärmt und mit Fett ernährt. 1969 entstand das vielleicht persönlichste Werk des Künstlers – „The Pack“, das Rudel. Ein alter VW-Bus mit geöffneter Heckklappe steht 22 neuen Schlitten gegenüber. Ein Schlitten scheint aus dem VW zu kriechen. Auf jedem Schlitten: ein Klumpen Fett, eine Stablampe – und eine Rolle grauen Filzes. Bus und Schlitten bewegen sich in gegensätzliche Richtungen – womit Beuys auch die Subbotschaft zweier unterschiedlicher Lebensweisen transportierte: Die Welt der Naturvölker und die der westlichen, technologisierten Welt streben auseinander.
. Die Filz-Installationen von Beuys wirken heute in manchen Museen wie ein kühl-ästhetischer, theoretischer Diskurs. Die Botschaft geht jedoch tiefer, ist wärmer. 1943 stürzte Beuys während eines Einsatzes auf der Krim mit dem Flugzeug ab. In biografischen Aufzeichnungen berichtet er davon, dass ihn einheimische Nomaden fanden und mit einem Schlitten in ihr Zeltlager brachten. Dort wurde er mit Filzdecken gewärmt und mit Fett ernährt. 1969 entstand das vielleicht persönlichste Werk des Künstlers – „The Pack“, das Rudel. Ein alter VW-Bus mit geöffneter Heckklappe steht 22 neuen Schlitten gegenüber. Ein Schlitten scheint aus dem VW zu kriechen. Auf jedem Schlitten: ein Klumpen Fett, eine Stablampe – und eine Rolle grauen Filzes. Bus und Schlitten bewegen sich in gegensätzliche Richtungen – womit Beuys auch die Subbotschaft zweier unterschiedlicher Lebensweisen transportierte: Die Welt der Naturvölker und die der westlichen, technologisierten Welt streben auseinander.Der Filzanzug (1970) spitzt die Botschaft zu: Ein klassisch geschneiderter Herrenanzug hängt auf einem Bügel an der Wand. Wer mit ihm im Bankenviertel von Frankfurt auftaucht, wirkt seltsam bis lächerlich, starr in den Bewegungen. Man muss sehr genau hinschauen, will man den zarten Stempelabdruck über der Brusttasche erkennen. Beuys nannte ihn den „Hauptstromstempel“. Überaus simpel interpretiert: Die magischen Runen und das Material Filz sollen den Menschen von seiner seelischen Isolation heilen. Filz als Transformationhilfe – weg von dem, für das der Werkstoff steht: Isolation, Schutz. Das Absurde dabei: Beuys formte so aus dem armen Material das weltweit teuerste Stück Filz. Der Galerist René Block hat den Filzanzug als „Multiple“ in 100 Exemplaren multipliziert. Der heutige Wert pro Exemplar liegt im sechsstelligen Euro-Bereich. Die meisten Filzanzüge hängen in den großen Museen zeitgenössischer Kunst, inklusive MoMa, New York. Hoffnung für betuchte Interessenten: Dann und wann taucht einer der Anzüge aus Privatbesitz in freien Galerien zum Kauf auf.
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