Glanz, Glaube, Gier
Kein Stoff auf der Welt reagiert so sensibel auf Emotionen.
"Kein Stoff auf der Welt reagiert so sensibel auf Emotionen."
So licht Gold schimmert, so hoch es von vielen Menschen geschätzt wird: Gold ist immer auch das Metall der Angst. Menschen flüchten in den Besitz von Gold. Der aktuelle Boom des Goldpreises begann mit dem Anschlag vom 11. September 2001. Fort Knox selbst wurde ebenso aus einer Angst heraus gegründet. Die Weltwirtschaftskrise trieb die Menschen zum Gold, der US-Wirtschaft entschwanden die Ressourcen. Unter Franklin D. Roosevelt wurde 1933 jeder Goldbesitz über einem Wert von 100 Dollar verboten, alles private Gold wurde vom Staat aufgekauft – und in Fort Knox eingelagert. Das Verbot hielt 40 Jahre, einzig Schmuck war ausgenommen.
Wer ist heute der größte Abnehmer von Gold? Die Schmuckindustrie okkupiert 75 Prozent der Jahresförderung – stolze 2.000 Tonnen. Das Land mit der höchsten Goldschmucknachfrage ist Indien. Nirgendwo wird so heftig in Gold
investiert. Wenn die Hochzeits-Saison beginnt, explodiert der weltweite Goldpreis, wie hierzulande die Spritpreise zum Beginn der Sommerferien. 800 Tonnen Gold importiert Indien jährlich – um seine Bräute auszustaffieren. Familien verschulden sich hoffnungslos, um eine Mitgift aufzutürmen. Der Mix aus Glauben und sozialem Druck wird von Goldanalysten bereits als „wahnhaft“ umschrieben. Die indischen Börsenexperten raten ihren Landsleuten immer lauter zu Goldbarren oder Optionsscheinen. Vergebens: Das sichtbare Statussymbol zählt.
investiert. Wenn die Hochzeits-Saison beginnt, explodiert der weltweite Goldpreis, wie hierzulande die Spritpreise zum Beginn der Sommerferien. 800 Tonnen Gold importiert Indien jährlich – um seine Bräute auszustaffieren. Familien verschulden sich hoffnungslos, um eine Mitgift aufzutürmen. Der Mix aus Glauben und sozialem Druck wird von Goldanalysten bereits als „wahnhaft“ umschrieben. Die indischen Börsenexperten raten ihren Landsleuten immer lauter zu Goldbarren oder Optionsscheinen. Vergebens: Das sichtbare Statussymbol zählt.Diese Spielregeln gelten seit Jahrtausenden. Kein anderes Metall hat eine so starke Verbindung zu Archaik und Religion. Für die alten Ägypter war Gold das Geschenk des Sonnengottes – eine Inkarnation. Die nur den herrschenden Pharaonen vorbehalten blieb und deren ewigem Leben dienen sollte. Normalsterbliche kamen im alten Ägypten mit Goldschmuck nie in Berührung. Außer als Grabräuber. Worauf jedoch die Todesstrafe stand. Die Pharaonen hingegen konnten in Gold schwelgen. Die Vorkommen in ihrem Machtbereich waren gewaltig. In frühindustriellem Maßstab schickten die Pharaonen Sklaven in den Bergbau – aus einer Tonne Gestein wurden fünf bis zwanzig Gramm Gold gewonnen. In seiner Blüte gewann das Reich eine Tonne Gold jährlich, Eroberungsfeldzüge in Nubien verdoppelten die Aus- beute. Während unsere direkten mitteleuropäischen Vorfahren in Sachen Goldbesitz eher Hungerleider waren. Die nutzbaren Goldvorkommen hierzulande waren verschwindend gering. Was die mythische Wirkung des Metalls noch steigerte. Der jüngste Sensationsfund zeigt es vorbildlich: Die „Himmelsscheibe von Nebra“ half den Menschen der Bronzezeit bei der Raum-Zeit- Vorstellung ihrer Welt. Sonne, Mond und Sterne erschienen als Goldapplikationen auf Bronze. Nur wer die weltliche wie göttliche Macht besaß, durfte die Himmelsscheibe – erschaffen 2.600 Jahre vor Christus und absolut singulär – beherbergen und lesen. Dagegen häufiger anzutreffen: riesige Goldhüte, entstanden um 1000 vor Christus. Ein besonders gut erhaltenes Exemplar ist im „Neuen Museum“ von Berlin zu bewundern, nur 490 Gramm schwer, aber 74 Zentimeter hoch. Unser Ahnen haben das seltene Metall auf ein Maximum ausgedehnt – die Hülle ist dünn wie Papier und trägt in ihren Prägungen das gesamte astrologische Wissen der Zeit auf einer Wandstärke von 0,6 Millimetern.
Der weitere archaische Faktor: Gold korrodiert nicht. Bis heute sehen wir in dem Glanz des Goldes
auch ein Zeichen für Beständigkeit. Für unsere Urahnen war Gold damit ein Abbild des ewigen Lebens. Die Goldmaske des Agamemnon, der Goldsarg des Tutanchamun sind die berühmtesten Kunstwerke. Bis heute schmieden wir unsere Eheringe aus Gold, in der Hoffnung, dass auch Beziehungen ewig halten mögen.
auch ein Zeichen für Beständigkeit. Für unsere Urahnen war Gold damit ein Abbild des ewigen Lebens. Die Goldmaske des Agamemnon, der Goldsarg des Tutanchamun sind die berühmtesten Kunstwerke. Bis heute schmieden wir unsere Eheringe aus Gold, in der Hoffnung, dass auch Beziehungen ewig halten mögen.Gold täuscht, Gold blendet, Gold macht gierig. Für den englischen Ökonomen John Maynard Keyes (1883 - 1946) war Gold schlicht „ein barbarisches Metall“. Der Ur-Konflikt wird bereits in der Bibel angelegt. Während Moses vom Berg herabsteigt mit den Zehn Geboten auf Steintafeln, tanzt sein abtrünniges Volk um das Goldene Kalb. Das gemeißelte Wort Gottes tritt gegen ein Götzenabbild an, das Unvorstellbare gegen den blendenden, verblendenden Glanz von Gold.
Tausende Jahre später reisten mit dem Segen der katholischen Kirche die spanischen Konquistadoren nach Südamerika und setzten alles daran, das legendäre Eldorado zu finden. Ein Land, in dem Gottkönige in Gold baden – angeblich. Eine schöne Legende, die Hunderttausenden Ureinwohnern das Leben kostete. Der nächste große Goldrausch schwemmte Glückssucher an den Fluss Klondike, in eine Region zwischen Kanada und Alaska. Die dortigen indianischen Ureinwohner verstarben nicht durch offene körperliche Gewalt der neuen Herren, sondern durch eingeschleppte Krankheiten wie simple Erkältungen. Der Goldrausch von 1896 brachte auch eine Figur in die Welt, in der wir heute den Archetyp des goldsüchtigen Gierhalses sehen: Dagobert Duck gründet der Überlieferung nach all sein Vermögen auf einen legendären Goldfund am Klondike.
Kann man, wie Dagobert Duck, in Gold baden? Natürlich, aber die sportliche Herausforderung kennt Grenzen. Denn die Gesamtmenge allen jemals geförderten Goldes reicht gerade dazu aus, zwei Olympia-Schwimmbecken zu füllen. Tatsächlich schwimmen alle Menschen im Gold, wen sie in einen Ozean steigen. Meerwasser enthält 0,02 Milligramm Gold pro Kubikmeter. Zu wenig, um eine wirtschaftlich sinnvolle Gewinnung zu starten.
So schön das romantische Bild auch sein mag: Gold
wird heute nicht mehr mit Hacke, Sieb und Waschpfanne gewonnen. Der Weltmarkt teilt sich in eine offizielle industrielle Goldgewinnung und eine graue Zone. Problematisch sind sie beide. In den ärmsten Ländern kommt ein böser Stoff zum Einsatz: Zyanid ist hochgiftig, aber effektiv darin, Gold aus Gestein zu lösen. Das Verfahren lohnt sich bereits bei einem Goldgehalt von nur einem Gramm pro Tonne. Übrig bleiben 99,9999 Prozent – ein giftiger Schlammmix, oft angereichert mit Schwermetallen wie Blei und Quecksilber. Gegen die Umweltzerstörung durch die größte Goldmine Südamerikas im Norden Perus kämpft seit Jahren der katholische Priester Peter Marco. Er steht unter Personenschutz, seine Mitstreiter verschwinden, ein System rächt sich, Polizei und Militär schützen die Interessen der Minengesellschaft. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ spricht Keith Slack, Ko-Direktor der Initiative „No Dirty Gold“, offen aus: „Wir sind besonders besorgt, dass es ganz klar doppelte Standards gibt. In Europa und den USA würden die Firmen nie tun, was sie sich in Entwicklungsländern herausnehmen, und sie kommen damit durch.“ Seiner Analyse zufolge produziert ein einzelner Ehering 20 Tonnen Giftmüll. „Wir versuchen, mit großen Juwelieren und Minenunternehmen zusammenzuarbeiten, um zertifiziertes Gold einzuführen, das nach höheren Umwelt- und Menschenrechtsstandards produziert worden ist. So ähnlich wie man heute Biowaren oder Produkte aus fairem Handel kaufen kann. Bislang gibt es so etwas noch nicht.“
wird heute nicht mehr mit Hacke, Sieb und Waschpfanne gewonnen. Der Weltmarkt teilt sich in eine offizielle industrielle Goldgewinnung und eine graue Zone. Problematisch sind sie beide. In den ärmsten Ländern kommt ein böser Stoff zum Einsatz: Zyanid ist hochgiftig, aber effektiv darin, Gold aus Gestein zu lösen. Das Verfahren lohnt sich bereits bei einem Goldgehalt von nur einem Gramm pro Tonne. Übrig bleiben 99,9999 Prozent – ein giftiger Schlammmix, oft angereichert mit Schwermetallen wie Blei und Quecksilber. Gegen die Umweltzerstörung durch die größte Goldmine Südamerikas im Norden Perus kämpft seit Jahren der katholische Priester Peter Marco. Er steht unter Personenschutz, seine Mitstreiter verschwinden, ein System rächt sich, Polizei und Militär schützen die Interessen der Minengesellschaft. Im Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ spricht Keith Slack, Ko-Direktor der Initiative „No Dirty Gold“, offen aus: „Wir sind besonders besorgt, dass es ganz klar doppelte Standards gibt. In Europa und den USA würden die Firmen nie tun, was sie sich in Entwicklungsländern herausnehmen, und sie kommen damit durch.“ Seiner Analyse zufolge produziert ein einzelner Ehering 20 Tonnen Giftmüll. „Wir versuchen, mit großen Juwelieren und Minenunternehmen zusammenzuarbeiten, um zertifiziertes Gold einzuführen, das nach höheren Umwelt- und Menschenrechtsstandards produziert worden ist. So ähnlich wie man heute Biowaren oder Produkte aus fairem Handel kaufen kann. Bislang gibt es so etwas noch nicht.“Was kümmert uns eine Goldmine
in Peru? Doch das Gift ist näher, als wir denken: Im Frühjahr 2000 flutete Tauwetter das Auffangbecken des Gold- und Silberbergwerkes im rumänischen Baia Mare. Die Beckenwand brach. Geschätzte 100.000 Kubikmeter Zyanid-Lauge vergifteten den Fluss Theiß. Ein gewaltiges Fischsterben setzte ein und wirkte bis tief nach Ungarn. Der hohe Goldpreis macht selbst kleinere Vorkommen wieder attraktiv. Im rumänischen Rosia Montana kauft gerade eine Minengesellschaft eine gewaltige Fläche für den geplant größten offenen Tagebau Europas. Vier Berge sollen pulverisiert werden, wieder ist Zyanid als Lösungselement im Spiel.
in Peru? Doch das Gift ist näher, als wir denken: Im Frühjahr 2000 flutete Tauwetter das Auffangbecken des Gold- und Silberbergwerkes im rumänischen Baia Mare. Die Beckenwand brach. Geschätzte 100.000 Kubikmeter Zyanid-Lauge vergifteten den Fluss Theiß. Ein gewaltiges Fischsterben setzte ein und wirkte bis tief nach Ungarn. Der hohe Goldpreis macht selbst kleinere Vorkommen wieder attraktiv. Im rumänischen Rosia Montana kauft gerade eine Minengesellschaft eine gewaltige Fläche für den geplant größten offenen Tagebau Europas. Vier Berge sollen pulverisiert werden, wieder ist Zyanid als Lösungselement im Spiel.Wer nicht auf Zyanid zugreifen kann, nutzt Quecksilber. Illegale Schürfer roden den Regenwald in Peru, Quecksilber ist dabei das Mittel der Armen. Goldhaltiger Sand oder Schlamm wird mit Quecksilber vermischt. Ein Amalgam entsteht. Wer es unter Hitze setzt, regt das Quecksilber zum Verdampfen an. Übrig bleibt konzentriertes Rohgold. Die hochproblematische Seite: Die illegalen Goldschürfer atmen die Dämpfe ein, das Nervengewebe wird gestört, Nieren und Leber werden geschädigt, der Tod kommt still, nach Monaten, Jahren. Branchenkenner schätzen, dass zwischen 20 und 30 Prozent des Goldes weltweit durch nicht industrielles Schürfen gewonnen werden.
Ein Fazit? Es fällt so schwer wie das Metall selbst. Gold ist kein unschuldiges, kein neutrales Material. Es zwingt uns, Farbe zu bekennen – ob nun als Schmuckträger, Abenteurer oder Investor.
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