Schnittstellen zum Leben

Der Designer

Alessandro Mendini

Alessandro Mendini hat das Design ähnlich revolutioniert wie Andy Warhol die Kunst. Anstatt die Gestaltung einer elitären Gruppe vorzubehalten, bringt der Mailänder Architekt, Designer und Theoretiker sie dorthin, wo sie hingehört – nahe ans Leben.

Interview

Alessandro Mendini //
„Eine Flasche Wein zu öffnen ist wie ein Ballett“

Design-Denker Alessandro Mendini über tanzende Korkenzieher, Räume als Theater und die Seele der Objekte.

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Schnittstellen zum Leben
von Norman Kietzmann

Alessandro Mendini hat das Design ähnlich revolutioniert wie Andy Warhol die Kunst. Anstatt die Gestaltung einer elitären Gruppe vorzubehalten, bringt der Mailänder Architekt, Designer und Theoretiker sie dorthin, wo sie hingehört – nahe ans Leben.

Zugegeben, auf den ersten Blick wirken die Arbeiten von Alessandro Mendini nur bedingt so, als würden sie die Kriterien von Nachhaltigkeit erfüllen. Statt mit zurückhaltender Geste und zeitlosen Formen zu arbeiten, gestaltet er seine Entwürfe so farben- froh verspielt, als seien sie Utensilien aus einem Kinderzimmer. Ohne ihre Funktion zu verlieren, bringen sie eine betont humorvolle Seite ins Spiel – die mitunter die Grenze zum Kitsch auslotet. Was all dies mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Sehr viel sogar.

 

Der kindliche Charme, der Mendinis Arbeiten stets umgibt, folgt einem alles andere als seichten Programm. Als Vordenker des postmodernen Designs ist Mendini sich der Wirkung seiner Entwürfe genau bewusst. Die Dinge des täglichen Gebrauchs sind für ihn immer auch Zeichen, die auf unterschiedliche Weise codiert und gelesen werden können. Sein Design geht in diesem Sinne über die eigentliche Funktion der Objekte hinaus und bezieht auch jene Aspekte mit ein, die strenge Puristen gewöhnlich in Angst und Schrecken versetzen: die Oberfläche und mit ihr das Ornament. Dass die Oberfläche keineswegs oberflächlich sein muss, beweisen Entwürfe wie der Sessel „Poltrona di Proust “ aus dem Jahr 1978. Mendini erwarb in einem Antiquitätengeschäft einen opulent-verschnörkelten Sessel, um ihn anschließend derart mit bunten Farbtupfern zu übersäen, dass es scheint, als hätten die Meister des Pointillismus selbst zum Pinsel gegriffen. Das leicht angestaubte Sitzmöbel wird auf diese Weise zu einem hybriden Wesen, in dem Zitate aus unterschiedlichen Epochen, Kunstströmungen und Orten zu einem neuen Objekt verschmelzen.
 
„Redesign“ nennt Alessandro Mendini seine Methode und sieht darin – anders als die Industrie, die unter dem Begriff Redesign immer neue Modifikationen bestehender Produkte auf den Markt bringt – vor allem eine Form von Kritik. Selbst vor Designikonen wie dem „Zig Zag“-Stuhl von Gerrit Rietveld macht er nicht halt: Er verwandelt die Rückenlehne in ein hölzernes Kreuz. Bissig kommentieren seine Arbeiten die Gestaltung des Bauhauses und der Moderne. Seine Botschaft: Die puristischen Formen, die in den Siebzigerjahren noch immer als Synonym für gutes Design und guten Geschmack galten, werden entweder fast schon religiös überhöht oder sind bereits mausetot.
 
Alessandro Mendini und seinen Wegbegleitern – unter ihnen die Mitglieder des 1976 gegründeten „Studio Alchimia“ sowie die 1980 von Ettore Sottsass ins Leben gerufenen Gruppe „Memphis“ – geht es weniger um ein neues ästhetisches Programm als schlichtweg um die Demokratisierung des Designs. Indem sie mit ihren poppig-bunten Entwürfen dem vorherrschenden Funktionalismus den Krieg erklären, rehabilitieren sie nicht nur das Handwerk, sondern auch all jene historischen oder persönlichen Objekte, die von den Modernisten zuvor als „primitiv“, „kitschig“ oder „rückwärtsgewandt“ aus den Wohnungen verbannt wurden. „Alles ist Design“ lautete damals die Botschaft, die Alessandro Mendini nicht nur als Gestalter entscheidend prägte. Der 1931 geborene Mailänder machte sein Abitur an einer deutschen Schule und studierte an- schließend am Mailänder Politecnico Architektur. Von 1970 bis 1976 war er als Herausgeber und Chefredakteur der Architektur-Zeitschrift „Casabella“ tätig, 1977 gründete er das Magazin „Modo“. Auch heute noch verfasst er regelmäßig Beiträge für die Design- Bibel „Domus“, die von 1979 bis 1985 unter seiner Leitung stand. Dem noch jungen postmodernen Design lieferte Mendini gerade während der turbulenten Gründungsjahre den notwendigen theoretischen Hintergrund und trug damit maßgeblich zum Erfolg der neuen Bewegung bei.
 
„Objekte mit Seele“, nennt Mendini seine Entwürfe, die in Abgrenzung zur kalten Industrieform der Moderne mit ihrem Benutzer nicht nur kommunizieren, sondern ihn auch für den Gebrauch sensibilisieren. Dass Entwürfe wie der Korkenzieher „Anna G Anna G. “ (1994) die Form einer tanzenden Figur annehmen oder wie das Kellnermesser „Parrot“ an einen Papagei erinnern, ist nicht dem Zufall geschuldet, sondern einer präzisen Beobachtung der Funktion. So gleichen die Hebel eines gewöhnlichen Korkenziehers beim Öffnen einer Figur, die ihre Arme aus Freude in die Luft schlägt. Und der Schnapphebel eines Kellnermessers erinnert selbst in seiner technisch klarsten Ausführung unweigerlich an den Schnabel eines Papageien. Diese beiläufigen Ähnlichkeiten verdichtet Mendini zu kleinen Geschichten, die zwischen den Nutzern und ihren Objekten eine Verbindung erzeugen. „Wenn ein Gegenstand dazu führt, dass die Menschen darüber nachdenken, wie sie mit ihm umgehen, dann wird die Handlung zu einem Ritual“, erklärt Alessandro Mendini die Wirkung seiner Entwürfe. Nicht trotz, sondern wegen ihrer verspielten Formensprache bilden sie einen Gegenpol zu schnelllebigem Konsum und Wegwerfmentalität. Schließlich werden tagtägliche Handlungen wie das Öffnen einer Weinflasche in bewusste Taten übersetzt, die Mendini mit „Szenen in einem Theater“ vergleicht.
 
Von einer verbindlichen Gültigkeit, wie sie noch Entwürfe der Moderne bestimmte, ist keine Spur. „Von meinen Objekten kann man nur ein einziges im Haus haben und nicht mehrere“, sagt Mendini,und beweist so, dass auch für ihn der Purismus nicht ausgedient hat. Schließlich ist die eklektische Attitüde des postmodernen Designs so offen, dass sie selbst ihr minimalistisches Gegenüber mit einschließt. „Es geht nicht um ein Entweder-oder. Beide Seiten gehören zusammen.“ Damit nimmt Mendini Kritikern den Wind aus den Segeln, die ihm nicht selten unterstellen, er wolle mit seinen Entwürfen die visuelle Umwelt vermüllen.
 
Der Spagat zwischen Elite und Masse zeigt sich auch in der Bandbreite von Mendinis Arbeiten. Während er hochpreisige Einzelstücke wie die mit goldenen Mosaiken überzogenen Skulpturen der Serie „Mobili per Uomo“ (1997-2008) für Bisazza entwirft, werden seine Küchenobjekte für Alessi oder Armbanduhren Alessi Lu ... für Swatch in hohen Stückzahlen produziert. Sowohl für Alessi als auch für Swatch übernimmt Alessandro Mendini die Einrichtung von Geschäften rund um den Globus. Mit dem Kunstmuseum in Groningen (1988-1994), einer Bushaltestelle in Hannover (1994), dem „Paradise Tower“ in Hiroshima (1989) oder der Dependance der Mailänder Triennale im südkoreanischen Incheon (2009) überträgt Mendini seinen eklektischen Stil bis in den Maßstab der Architektur. Doch auch hier bleibt seine Arbeitsweise offen genug, um andere Architekten wie Michele De Lucchi, Ettore Sottsass oder Coop Himmelb(l)au in seine Projekte zu integrieren.
 
Alles ein Hut von gestern? Nicht ganz. Denn auch wenn die Postmoderne in den vergangenen dreißig Jahren so manchen Grausamkeiten den Weg geebnet hat, war die durch sie erreichte Öffnung des Designbegriffs entscheidend. Gestaltung, die über den Tellerrand der Industrie hinausdenkt, daneben Schnittstellen zur Kunst schafft und auch das Handwerk wieder gezielt in die Produktion einfließen lässt – das ist das Ergebnis von Alessandro Mendinis praktischen und theoretischen Arbeiten. Was gutes Design ist und was nicht, bestimmen heute weder Designer noch Hersteller noch Medien, die ihre Vorgaben zu einem verbindlichen Trend erklären. Es sind die Konsumenten selbst, die nun entscheiden, mit welchen Gegenständen sie leben möchten – seien diese nun alt oder neu, schön oder hässlich, teuer oder günstig. Die Schnittstelle zur Nachhaltigkeit liegt genau in diesem Zugang. Denn Lieblingsdinge halten bekanntlich länger.