Der lange Weg an die Spitze
Fast hätte es die deutsche TV-Vorzeigemarke
vor einigen Jahren doch noch erwischt. Es war am Übergang vom Röhren- zum Flachbildschirm- Zeitalter. Plötzlich waren Röhrenfernseher nicht mehr gefragt, auch keine technisch hochwertigen – und damit war das Kerngeschäft von Loewe unmittelbar betroffen. Vorausgegangen war noch dazu ein verlustreiches Engagement auf dem amerikanischen Markt – schon fiel der Aktienkurs fast ins Bodenlose. War Loewe noch zu retten? Oder hatte das Loewe-Konzept der hochwertigen Technik in zeitlos schöner Verpackung sogar ausgedient, weil Flachbildschirme generell ziemlich schick aussehen? War die neue Panel- Technik zu kompliziert, die Umstellung zu teuer für einen mittelständischen Hersteller in Oberfranken?
Die Kreisstadt Kronach
ist die Geburtsstadt des Renaissance-Malers Lucas Cranach des Älteren. Nach Nürnberg und damit zum nächsten Flughafen sind es gut 80 Kilometer, eine gute halbe Autostunde führt dabei über die hügeligen Landstraßen des einsetzenden Frankenwaldes. Vor der Wende waren es von Kronach nur wenige Kilometer bis zum „Eisernen Vorhang“ und damit bis zum damaligen Ende der westlichen Welt. Knapp 20 000 Einwohner zählt die oberfränkische Kreisstadt, Loewe ist der größte Arbeitgeber vor Ort. Gegründet hatte Dr. Siegmund Loewe das Unternehmen in Berlin, der erste Fernseher der Welt war ein Loewe und in den 30er Jahren fuhr der Pionier noch mit einem Fernsehwagen durch Berlin, um das neue Medium populär zu machen. Dann, nach dem Krieg, der Neubeginn in Kronach, auch hier war Loewe schnell seiner Zeit voraus – der erste Nachkriegsfernseher war bereits 1951 und damit zwei Jahre vor der ersten Fernsehübertragung fertig.
Heute steht Loewe stärker da denn je: Die Marktanteile mehr als verdoppelt, über Jahre die am schnellsten wachsende Marke auf dem deutschen Flachbildschirm-Markt, vom rasanten Preisverfall in diesem Segment nur bedingt betroffen. Wie konnte Loewe nach der Existenzkrise der Jahre 2003 und 2004 so schnell auf die Erfolgsspur zurückfi nden? Welches Geheimnis verbirgt sich hinter dem Wunder von Kronach? Sharp war eingestiegen und hatte den Oberfranken viel LCD-Know-how mitgebracht. Das war hilfreich, aber nicht entscheidend – schließlich ist Loewe nach wie vor selbstständig und kauft seine LCD-Panels bei verschiedenen Herstellern in Fernost ein. Die Personalkosten wurden signifi kant gesenkt. Einerseits durch den Wegfall von 300 Arbeitsplätzen, andererseits durch einen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte ziemlich einzigartigen Sanierungstarifvertrag, der bei den Mitarbeitern beachtlichen Urlaubs-, Lohnund Gehaltsverzicht vorsah – und im Gegenzug die Rückzahlung in Form einer Erfolgsbeteiligung an späteren Gewinnen. Die Rückzahlung ist 2007 erfolgt – und zwar mit 25 Prozent Verzinsung. Im Jahr darauf konnte sich die Loewe-Belegschaft über eine weitere außerordentliche Erfolgsprämie freuen.
So sieht nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung in der Praxis aus. Als börsennotiertes Unternehmen bewegte sich Loewe mit dem praktizierten Ansatz der werteorientierten Unternehmensführung in einem stetigen Spannungsfeld der Interessen. Die Anteilseigner erwarten eine langfristige Wertsteigerung des Unternehmens, die Mitarbeiter sichere Arbeitsplätze, die Kunden werthaltige, langlebige Produkte, die Öffentlichkeit eine hohe Verantwortung für die Region – und die Umwelt umfassende Schutzmaßnahmen sowie schonenden Umgang mit den Ressourcen. Diesem Interessenausgleich hat sich das Management in Kronach längst verschrieben, auch in der Überzeugung, dass langfristiger Erfolg am Markt nur unter dieser Maxime möglich ist. Stakeholder- statt reiner Shareholder- Politik, wie es inzwischen so treffend heißt.
Entscheidend für den Wiederaufstieg war aber, dass sich Loewe auch in der Flachbildschirm-Ära auf das besonnen hat, was die Marke schon in den Jahrzehnten zuvor ausgezeichnet hatte, als das große Sterben unter den deutschen TV-Herstellern begann: Einen Mehrwert bieten, der die Produkte aus dem Konkurrenzumfeld heraushebt, eine Alleinstellung schaffen, die wiederum die vergleichsweise höheren Preise rechtfertigt, die der Produktionsstandort Deutschland notwendig macht. Der Weg zur Premiummarke für Flachbild- Fernseher führt immer über den Kunden. Loewe-Sprecher Dr. Roland Raithel: „Wir müssen unsere Kunden begeistern durch Produkte mit zeitloser Ästhetik und exklusiver Individualität, mit sinnvoller Technik und einfacher Bedienung.“ „Wir müssen unsere Kunden begeistern durch Produkte mit zeitloser Ästhetik und exklusiver Individualität, mit sinnvoller Technik und einfacher Bedienung.“ Das setzt wiederum klare Markenwerte voraus, die Raithel wie folgt zusammenfasst: „Minimalistische Formensprache, sinnvolle Innovation und exklusive Individualität sind charakteristisch und wegweisend für unsere Produkte.“
Nach diesem Erfolgsrezept wurde aus dem Fernsehhersteller Loewe Opta vor Jahren das, was man eine Premiummarke nennt – Loewe mit einem dicken, quadratischen Punkt zum Abschluss. War der Art1 1986 die wegweisende Designikone der Marke, sozusagen der Startschuss für den Premiumanspruch, so gelang 2005 mit dem Individual der entscheidende Schritt zum Premium-Flat-TV-Anbieter. Ein massives Gehäuse aus Vollaluminium in Grautönen oder Schwarz sowie die Option, die seitlichen Intarsien in den unterschiedlichsten Farben und Materialien dem persönlichen Geschmack respektive gezielt der Wohnungseinrichtung anzupassen. Der erste individualisierbare Flachbild-Fernseher der Welt war geboren. Gestaltet hat den Individual Tom Schönherr, einer der renommiertesten Produktdesigner Deutschlands (Phoenix Design). Es war nicht sein erster Entwurf für Loewe, aber ein ganz wesentliches gestalterisches Ausrufezeichen, belegt das Design der Individual-Linie
Loewe Ind ...
doch nachhaltig, dass nicht alle Flachbildschirme gleich und verwechselbar aussehen müssen. An der zentralen Aufgabenstellung habe sich im Vergleich zur Bildröhre nichts geändert, betont Schönherr: „Mit dem Flachbildschirm sind sogar neue Freiheiten und Möglichkeiten gekommen, weil wir jetzt Materialien wie Glas und Aluminium umfassender einsetzen können.“ Flexibilität kommt als weiterer Designaspekt hinzu, denn auch hier geht Loewe mit dem Individual-Konzept neue Wege: Ob auf dem Sideboard oder auf dem Boden stehend, ob an der Wand oder drehbar zwischen Boden und Decke verspannt: Der Individual bietet schier grenzenlose Vielfalt. Und wenn sich Vorstellungen, Einrichtungsstil oder Location ändern, lässt sich der Individual eben den neuen Anforderungen anpassen. Auch das belegt einmal mehr, dass gutes, langlebiges Design und Nachhaltigkeit letztlich nur zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind.
Die Individualität beschränkt sich aber nicht auf Äußerlichkeiten und Aufstellvariationen – auch technisch betrachtet bietet Loewe einen maßgeschneiderten Fernseher: Empfangsteile für bestmögliche digitale Bildqualität (selbstverständlich auch HDTV) sind für Kabelanschluss (DVB-C) sowie Antenne (DVB-T) bereits an Board, wer Satellitenfernsehen bevorzugt, ordert den entsprechenden DVBS- Tuner einfach mit. Die Vorteile der integrierten Lösung liegen auf der Hand: Zusätzliche Settop-Boxen und Fernbedienungen erübrigen sich, die Bedienung erfolgt schlüssig und komfortabel mit einem Gerät. Auf Wunsch ist auch ein moderner Festplatten-Recorder bereits integriert. Loewe nennt diese Option DR+ (für Digital Recording), weil dadurch einzigartige Features möglich werden – zum Beispiel eine Highlight-Funktion, mit der sich Szenen auf Knopfdruck auch um 30 Sekunden rückwirkend aufzeichnen lassen. Und unter ökologischen Gesichtspunkten nicht zu vergessen: Sind Tuner und Recorder bereits integriert, hängt nur ein einziges Gerät mit einer einzigen Standby-Schaltung am Netz. Wie war das noch mit den klar formulierten Markenwerten?
Inzwischen ist die Loewe-Produktfamilie rund um den Individual beträchtlich gewachsen. Der Connect spricht mit avantgardistischem Design (unter anderem auch ganz in Weiß) und seiner Vernetzungsfähigkeit technikaffi ne Zielgruppen an, der Art spielt die Rolle des etablierten Klassikers, während der Reference
Loewe Ref ...
formal und technisch sämtliche Register zieht – inklusive Internet-Radio und bis hin zu hauchdünnen elektrostatischen Lautsprechern im System, die ebenso fl ach wie der Art selbst an der Wand hängen können und dennoch gewaltige Klangkulissen zaubern. Spätestens jetzt wird deutlich, dass Loewe längst kein Fernseh-Hersteller mehr ist, sondern Home- Entertainment-Lösungen anbietet. Mit individuell konfi gurierbaren Soundsystemen, DVD- und BluRay-Player, iPod-Integration, Multiroom- Lösungen sowie maßgeschneiderten Racks.
Passend zur Ausweitung der Produktfamilie mit immer größeren Bildschirmformaten hat Loewe eine neue Fertigungslinie eingerichtet, die prädestiniert ist für individuelle Konfi gurationen. Aber auch ergonomisch setzt das neue Band Maßstäbe mit seiner variablen Arbeitshöhe und seiner Rundum-Zugänglichkeit. Großzügige Verglasung sorgt für Tageslicht, resorbierende Zwischendecken bieten optimalen Schallschutz, energieeffi ziente Strahlungswärme wärmt selektiv den Arbeitsplatz.
Dass Loewe Designpreise am laufenden Band einheimst, ist nicht weiter verwunderlich – zuletzt wurden gleich sieben Produkte mit dem red dot design award 2009 ausgezeichnet. Groß war die Freude in Kronach über den international renommierten AARP-Award, der für ausgezeichnete Personalpolitik vergeben wird. Als eines von drei deutschen Unternehmen wurde Loewe als „International Innovative Employer“ gewürdigt. Als Antwort auf den verstärkten demografi schen Wandel betreibt Loewe aktiv eine altersorientierte Personalpolitik und bildet gleichzeitig kontinuierlich mit hoher Quote aus. Loewe fi nanziert „Jugend forscht in Oberfranken“, ist Pate der Faust-Festspiele in Kronach und aktiv im Regionalmarketing. Und Vorstandsvorsitzender Frieder C. Löhrer ist auch in der bayerischen Landeshauptstadt ein politisch gefragter Mann – beispielsweise als Mitglied der Projektgruppe „Zukunft soziale Marktwirtschaft“, die Ministerpräsident Horst Seehofer letztes Jahr einberufen hat. Eine werteorientierte Unternehmensführung eben. Oder mit den Worten von Roland Raithel: „Bei uns ist alles echt. Auf Aluminium getrimmten Kunststoff müssen Sie bei uns nicht befürchten“.
