Die Haut des Baumes

Interview

António Rios de Amorim //
„Das volle Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft“

Gut möglich, dass der Korken, den Sie heute Abend aus der Rotweinflasche ziehen, dem Machtbereich von António Rios de Amorim entstammt. Der CEO des portugiesischen Kork-Riesen und weltweiten Marktführers Amorim über persönliches Glück, spannende Entwicklungen und gesunde Bodenhaftung.

Die Haut des Baumes
von Andreas Günther

Wir haben die Schattenseiten gesucht. Und nicht gefunden: Kork ist das Wundermaterial der Nachhaltigkeit – es wächst nach, ist recycelbar, leicht, vielfältig nutzbar. Selbst das Image vom spießig-korrekten Bodenbelag legt die Branche ab.

Viele von uns kennen Kork noch unter anderen Vorzeichen. In unserer Jugend erlebte der Stoff als Bodenbelag seinen ersten weltweiten Popularitätsschub jenseits der Weinflasche. Ein Boom, der dem Kork-Image später eher schadete. Damals „schmückte“ das Naturprodukt jedes zweite deutsche Jugend- und Kinderzimmer. Denn unsere Eltern folgten dem an sich richtigen Gedanken, dass Kork in Platten leicht zu verlegen sei, zudem ökologisch korrekt und fußwärmend. (Der dadurch angerichtete Schaden am ästhetischen Bewusstsein einer ganzen Generation beschäftigt wohl noch heute Scharen von Diplom-Psychologen.) Mitte der 80er Jahre wurde es dann still um den Kork-Fußboden. Er trat den Rückzug an. Inzwischen sind rund 30 Jahre vergangen, in denen sich der Werkstoff neu definieren konnte. Ohne die ästhetischen Lasten – aber mit den gleichen Verkaufsargumenten, auf die die Kork-Industrie nach wie vor setzt: Kork ist leicht, ein perfekter Dämmstoff, formbar. Vor allem: Kork wächst nach – er ist das ideale Abbild dessen, was wir unter Nachhaltigkeit verstehen. Mit einer genetischen Sonderstellung: Die Korkeiche ist der einzige Baum, der immer wieder eine neue, vollständige Rinde bilden kann.

Das Geheimnis liegt in den sogenannten „Mutterzellen“. Die bei anderen Bäumen irgendwann der Lethargie anheimfallen, bei der Korkeiche aber ständig und ohne Unterlass neue Zellen produzieren. Ein Trick, ein Ausrutscher, eine Besonderheit von Mutter Natur. Weil sich eine Untergruppe der Zerreichen vor 30 Millionen Jahren genetisch verwandelte. Der Auftrag: robust sein gegen den Wechsel von Kälte- und Wärmeperioden. Mit dem Ende der Eiszeit eroberte der Baum seinen heutigen, mediterranen Verbreitungsraum. Vor 10.000 Jahren begann die Ausbreitung der Korkeiche auf einer Fläche von 2,2 Millionen Hektar. Ihr größter Vorteil liegt darin, sich nach Belieben an- und ausziehen zu können und dabei dennoch ein nutzbares Lebensalter von über 200 Jahren zu erreichen. Vor 1.800 Jahren machten sich die ersten Bauern mit wirtschaftlichen Absichten und Schneideäxten dazu auf, die Zellschicht zwischen Epidermis und Rinde abzuziehen. Ein archaischer Vorgang, dessen Spielregeln sich bis heute kaum verändert haben: Ein Mann steht einer Korkeiche gegenüber – mit der Axt in der Hand und dem seit Generationen übermittelten Fachwissen. Der Job ist schweißtreibend und sensibel: Der Stamm selbst darf nicht verletzt werden; wie in die Schale einer Orange schlägt man zuerst Längsschlitze in den Kork, der dann mit der scharfen Schneide oder dem Stiel der Axt herausgehebelt wird. Im Idealfall liegen vor dem Korkbauern nach rund zehn Minuten Arbeit mannshohe, und -breite Korkschalen. Erfahrene Korkschneider können bis zu 600 Kilogramm Kork pro Tag sammeln. Nach der Ernte wird jeder Baum mit einer Nummer gekennzeichnet, um die letzte Schälung zu dokumentieren. Neun Jahre dauert es, bis die Korkrinde wieder nachgewachsen ist.Geerntet wird im Sommer. Jedes Jahr im Mai beginnen die Korkbauern mit ihrer Arbeit. Ein Industriezweig, der vor allem in Portugal ganze Landstriche ernährt. 99 Prozent des weltweiten Korkbedarfs stammen aus dem erweiterten Mittelmeerraum, ein Drittel davon aus Portugal. Geschätzt verlässt pro Jahr Kork im Wert von 900 Millionen Euro das Land, 3,5 Prozent des gesamten Exportwerts. In einigen Dörfern ist Kork die Lebensgrundlage von 80 Prozent der Bevölkerung. Und nicht nur der Menschen: Der World Wildlife Fund lobt bewusst die Form der Korkernte und ihrer Nutzung im Mix innerhalb einer Infrastruktur aus Land-, Wald- und Weidewirtschaft. Die Tiervielfalt blüht, selbst eine der weltweit seltenen Großkatzen, der Iberische Luchs, ist dort zu Hause.

Was den WWF zu einem Imperativ veranlasst: Kauft mehr Wein mit Korkverschlüssen! Wenn die Plastik- und Drehverschlüsse weltweit immer weitere Marktanteile erobern, könnte dies das Ende der Korkeichenwälder provozieren – und damit das Ende eines einzigartigen Kultur- und Naturerbes. Nicht zuletzt ist Kork nahezu unbrennbar – schwinden die Korkeichenwälder, nimmt auch die Waldbrandgefahr zu.
 
Alles Unsinn. Sagen manche Kritiker des Weinkorkens und der menetekelnden Zahlenspiele. Tatsächlich hält die Nachfrage nach Kork ungebrochen an. Eine Nachfrage, die auf biologische Grenzen stößt und nach Meinung der Kritiker auch schlechte Kork-Qualität in den Weinhandel bringt. Um dem Boom zu begegnen, sind die Spielregeln nicht flexibel genug. Denn eine Korkeiche kann erst im Alter von 25 Jahren das erste Mal beerntet werden. Die Zeitspanne bis zur Bildung einer neuen, erntefähigen Hülle beträgt dann im Schnitt neun Jahre, bei einem Ertrag von 60 Kilo Kork pro Baum. Wer einen Korkeichenwald betreut, muss also ein mathematisch- biologisch-ökonomisches Vorzeigeunternehmen führen. Das in seiner Komplexität wohl selbst für den Forstwirtschaftshauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 - 1714), den Erfinder unseres heutigen Nachhaltigkeitsbegriffes, die maximale Kür darstellen würde. Nebenbei: Eine Korkeiche, die regelmäßig geschält wird, bindet bis zu viermal so viel Kohlendioxid wie eine „ungenutzte“. Der Deutsche Kork-Verband rechnet vor: Die weltweiten Korkeichenwälder vereinnahmen jährlich über 14 Millionen Tonnen CO2. Allein die Korkeichen Portugals nehmen auf der Fläche von 736.000 Hektar in einem Jahr 4,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid auf – umgerechnet ist das der Jahresausstoß von 1,6 Millionen Autos.
Alles Sonnenschein? Gibt es wirklich keine negative Seite beim Thema Kork? Nicht bei der Rohstofferzeugung. Aber bei der Weiterverarbeitung kann es kritisch werden. Wer Korkprodukte aus Billig-Produktion anschafft, muss damit leben können, dass unlautere Bindemittel verwendet wurden. Kork wird in der Regel über Folgeprodukte der chemischen Öl-Industrie verarbeitet. Eben zu Platten gepresst und verklebt. Das Magazin ÖKO-TEST ging vor einigen Jahren einem Problemfall nach – und fand das Bindemittel Phenol. Es steht im Verdacht, das Erbgut zu schädigen. ÖKO-TEST sagt aber auch: „Die früheren Anhaltspunkte auf eine Krebs erzeugende Wirkung konnten in neueren Versuchen nicht erhärtet werden.“ Doch keine Entwarnung: „Gerade auf ein Gemisch flüchtiger Lösemittel können sensible Menschen mit Kopfschmerzen und Unwohlsein reagieren.“ Der Königsweg könnte hier das Kork-Logo des Deutschen Kork-Verbandes sein, der auf chemische und technologische Unbedenklichkeit prüft.
 
Es gibt einen Kork-Verband in Deutschland? In einem Land, das gar keine Korkproduktion unterhält? Korrekt. Denn Deutschland ist (nach Frankreich, den USA und Spanien) weltweit der Korkabnehmer Nummer vier. Was eine direkte Bruderschaft zwischen dem deutschen und dem portugiesischen Kork-Verband heraufbeschworen hat. Man kennt sich, liebt sich, steht in direktem Abhängigkeitsverhältnis zueinander: 1.400 Tonnen Rohkork und bis zu 40.000 Tonnen Korkprodukte importiert Deutschland jährlich – ein Volumen, das direkt gekoppelt ist an 12.000 Arbeitsplätze in der portugiesischen Industrie und 6.500 in der portugiesischen Forstwirtschaft.
 
Was Kork so attraktiv macht – neben seiner herausragenden Ökobilanz: Er ist ein nicht zu kopierender Hightech-Werkstoff der Natur. Jeder Kubikzentimeter besteht aus bis zu 40 Millionen Zellen mit hochelastischer Membran. Die wabenförmige Struktur, die darin eingeschlossenen Gase verleihen Kork drei verlockende Eigenschaften: leicht, isolierend und vibrationsdämmend. Seine harzähnliche Substanz Suberin feit ihn zudem gegen Wasser und Feuer. Nach sechs Monaten Lagerung wird der Kork verarbeitet – gekocht, getrocknet, gehärtet. Die Rinden werden zerschnitten, zerkleinert, gepresst. Im Idealfall sollte guter Kork ungebleicht sein und keinerlei Chemikalien und Füllmittel enthalten.
 
Korkböden sind mittlerweile auch frei von den Altlasten der eingangs erwähnten Jugendzimmer-Ästhetik. Ein gerade in Deutschland starker Industriezweig hat sich auf die Verfeinerung von Korkböden spezialisiert. Sieht nicht wie Kork aus, trägt aber allen Nutzwert – beispielsweise die hohe Isolierfähigkeit und die Elastizität, die Gelenke schont und Trittschall schluckt. Verlegt wird Kork heute auch nicht mehr nur klebend und in kleinen Quadraten, sondern nach dem etablierten Stecksystem – kein Unterschied zu Fertigparkett und Laminat. Fünf Millionen Quadratmeter Korkfußboden haben die Deutschen im Jahr 2010 unter Füße und Bürostühle gelegt. Ein guter Wert – angesichts einer weltweiten Kaufzurückhaltung, dem Nachbeben der Weltwirtschaftskrise. Aber insgesamt nur der kleinere Teil der Kork-Umsätze.
 
Die eigentliche Bank der Branche ist der Flaschenverschluss : Getrunken wird immer, rund 75 Prozent des Rohstoffes werden zu Flaschenkorken verarbeitet. Was man bei der Diskussion um Schraubverschlüsse, Glas- und Kunst-Korken nicht vergessen darf: Hier geht es nicht nur um die bessere Alternative für den Wein, sondern auch um einen Milliardenmarkt. Der hart umkämpft ist. Laut der ehrenwerten Agentur Nielsen liegt Naturkork in diesem Segment mit 70 Prozent vorn – bezogen auf einen globalen Absatz von 16 Milliarden Flaschen. Mit drei Milliarden Naturkorken der weltweit größte Hersteller ist Amorim, ein international verflochtener Großkonzern mit Sitz in Mozelos, Portugal. Stolze 140 Jahre alt und noch immer in Familienbesitz. Sein Umsatz in den wichtigsten Weltmärkten stieg bis Mitte 2011 um 22 Prozent. Von der Nachfrage wird auch die Konkurrenz getragen: Die Hersteller synthetischer Korkverschlüsse verzeichneten im ersten Halbjahr 2011 gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von 10 Prozent. Mit Luft nach oben – aktuell erreichen sie mit ihren Schraub-, Glas- und Synthetikverschlüssen nur einen Weltmarktanteil von 30 Prozent. Naturkork ist nach wie vor das Maß der Weintrinker-Dinge.
 
Wie überall wäre es aber auch in der Korkverarbeitungs-Branche riskant, sich nur auf ein Erfolgsmodell zu kaprizieren. Deshalb streckt gerade Branchenprimus Amorim die Fühler aus. Der mächtige Presidente Américo Amorim hat sich in die Idee verliebt, aus Kork einen idealen Werkstoff für Designer und Inneneinrichter zu machen. Mit Erfolgen. Der größte davon: In Barcelona wandeln die Besucher der berühmten Sagrada Família in der Krypta nun über Korkfußboden von Amorim. Und für alle Anlageberater, die das finanzielle Potenzial des Werkstoffs Kork noch immer verkennen: Américo Amorim (geschätztes Vermögen vier Milliarden Dollar) gilt als der betuchteste Mann Portugals und belegt auf der Forbes- Liste der weltweit reichsten Unternehmer immerhin Platz 212.
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