Die Haut des Baumes
Das Geheimnis liegt in den sogenannten „Mutterzellen“. Die bei anderen Bäumen irgendwann der Lethargie anheimfallen, bei der Korkeiche aber ständig und ohne Unterlass neue Zellen produzieren. Ein Trick, ein Ausrutscher, eine Besonderheit von Mutter Natur. Weil sich eine Untergruppe der Zerreichen vor 30 Millionen Jahren genetisch verwandelte. Der Auftrag: robust sein gegen den Wechsel von Kälte- und Wärmeperioden. Mit dem Ende der Eiszeit eroberte der Baum seinen heutigen, mediterranen Verbreitungsraum. Vor 10.000 Jahren begann die Ausbreitung der Korkeiche auf einer Fläche von 2,2 Millionen Hektar. Ihr größter Vorteil liegt darin, sich nach Belieben an- und ausziehen zu können und dabei dennoch ein nutzbares Lebensalter von über 200 Jahren zu erreichen. Vor 1.800 Jahren machten sich die ersten Bauern mit wirtschaftlichen Absichten und Schneideäxten dazu auf, die Zellschicht zwischen Epidermis und Rinde abzuziehen. Ein archaischer Vorgang, dessen Spielregeln sich bis heute kaum verändert haben: Ein Mann steht einer Korkeiche
gegenüber – mit der Axt in der Hand und dem seit Generationen übermittelten Fachwissen. Der Job ist schweißtreibend und sensibel: Der Stamm selbst darf nicht verletzt werden; wie in die Schale einer Orange schlägt man zuerst Längsschlitze in den Kork, der dann mit der scharfen Schneide oder dem Stiel der Axt herausgehebelt wird. Im Idealfall liegen vor dem Korkbauern nach rund zehn Minuten Arbeit mannshohe, und -breite Korkschalen. Erfahrene Korkschneider können bis zu 600 Kilogramm Kork pro Tag sammeln. Nach der Ernte wird jeder Baum mit einer Nummer gekennzeichnet, um die letzte Schälung zu dokumentieren. Neun Jahre dauert es, bis die Korkrinde wieder nachgewachsen ist.Geerntet wird im Sommer. Jedes Jahr im Mai beginnen die Korkbauern mit ihrer Arbeit. Ein Industriezweig, der vor allem in Portugal ganze Landstriche ernährt. 99 Prozent des weltweiten Korkbedarfs stammen aus dem erweiterten Mittelmeerraum, ein Drittel davon aus Portugal. Geschätzt verlässt pro Jahr Kork im Wert von 900 Millionen Euro das Land, 3,5 Prozent des gesamten Exportwerts. In einigen Dörfern ist Kork die Lebensgrundlage von 80 Prozent der Bevölkerung. Und nicht nur der Menschen: Der World Wildlife Fund lobt bewusst die Form der Korkernte und ihrer Nutzung im Mix innerhalb einer Infrastruktur aus Land-, Wald- und Weidewirtschaft. Die Tiervielfalt blüht, selbst eine der weltweit seltenen Großkatzen, der Iberische Luchs, ist dort zu Hause.
und der menetekelnden Zahlenspiele. Tatsächlich hält die Nachfrage nach Kork ungebrochen an. Eine Nachfrage, die auf biologische Grenzen stößt und nach Meinung der Kritiker auch schlechte Kork-Qualität in den Weinhandel bringt. Um dem Boom zu begegnen, sind die Spielregeln nicht flexibel genug. Denn eine Korkeiche kann erst im Alter von 25 Jahren das erste Mal beerntet werden. Die Zeitspanne bis zur Bildung einer neuen, erntefähigen Hülle beträgt dann im Schnitt neun Jahre, bei einem Ertrag von 60 Kilo Kork pro Baum. Wer einen Korkeichenwald betreut, muss also ein mathematisch- biologisch-ökonomisches Vorzeigeunternehmen führen. Das in seiner Komplexität wohl selbst für den Forstwirtschaftshauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 - 1714), den Erfinder unseres heutigen Nachhaltigkeitsbegriffes, die maximale Kür darstellen würde. Nebenbei: Eine Korkeiche, die regelmäßig geschält wird, bindet bis zu viermal so viel Kohlendioxid wie eine „ungenutzte“. Der Deutsche Kork-Verband rechnet vor: Die weltweiten Korkeichenwälder vereinnahmen jährlich über 14 Millionen Tonnen CO2. Allein die Korkeichen Portugals nehmen auf der Fläche von 736.000 Hektar in einem Jahr 4,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid auf – umgerechnet ist das der Jahresausstoß von 1,6 Millionen Autos.
in Deutschland? In einem Land, das gar keine Korkproduktion unterhält? Korrekt. Denn Deutschland ist (nach Frankreich, den USA und Spanien) weltweit der Korkabnehmer Nummer vier. Was eine direkte Bruderschaft zwischen dem deutschen und dem portugiesischen Kork-Verband heraufbeschworen hat. Man kennt sich, liebt sich, steht in direktem Abhängigkeitsverhältnis zueinander: 1.400 Tonnen Rohkork und bis zu 40.000 Tonnen Korkprodukte importiert Deutschland jährlich – ein Volumen, das direkt gekoppelt ist an 12.000 Arbeitsplätze in der portugiesischen Industrie und 6.500 in der portugiesischen Forstwirtschaft.
: Getrunken wird immer, rund 75 Prozent des Rohstoffes werden zu Flaschenkorken verarbeitet. Was man bei der Diskussion um Schraubverschlüsse, Glas- und Kunst-Korken nicht vergessen darf: Hier geht es nicht nur um die bessere Alternative für den Wein, sondern auch um einen Milliardenmarkt. Der hart umkämpft ist. Laut der ehrenwerten Agentur Nielsen liegt Naturkork in diesem Segment mit 70 Prozent vorn – bezogen auf einen globalen Absatz von 16 Milliarden Flaschen. Mit drei Milliarden Naturkorken der weltweit größte Hersteller ist Amorim, ein international verflochtener Großkonzern mit Sitz in Mozelos, Portugal. Stolze 140 Jahre alt und noch immer in Familienbesitz. Sein Umsatz in den wichtigsten Weltmärkten stieg bis Mitte 2011 um 22 Prozent. Von der Nachfrage wird auch die Konkurrenz getragen: Die Hersteller synthetischer Korkverschlüsse verzeichneten im ersten Halbjahr 2011 gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von 10 Prozent. Mit Luft nach oben – aktuell erreichen sie mit ihren Schraub-, Glas- und Synthetikverschlüssen nur einen Weltmarktanteil von 30 Prozent. Naturkork ist nach wie vor das Maß der Weintrinker-Dinge.
