Klassik trifft Moderne
Der „Adjustable Table“ von Eileen Gray dürfte eines der meistkopierten Möbel der Designgeschichte sein – das Original lässt ClassiCon
in perfekter Qualität und umweltverträglicher Verchromung in Norditalien produzieren. Oder das legendäre „Day Bed“ und der unvergleichliche Sessel „Bibendum“, der „Menton“-Tisch mit seiner raffinierten Klappmechanik – was wäre die Möbelwelt ohne die Entwürfe von Eileen Gray, die viele auch für die Gestalterin des letzten Jahrhunderts halten. ClassiCon lässt ihre wichtigsten Schöpfungen wieder lebendig werden. Ebenso wie „Usha“, den wohl berühmtesten Schirmständer der Welt aus einem verchromten Flachstahlband, das sich anmutig in die Höhe schraubt. Eckart Muthesius hat ihn 1932 entworfen. Der Garderobenständer „Nymphenburg“ von Otto Blümel aus dem Jahre 1908 genießt Kultstatus.
Sergio Rodrigues
ist vielleicht auf dem besten Wege dahin, schließlich lässt ClassiCon jetzt seine wichtigsten Entwürfe aus den 50er und 60er Jahren wieder produzieren und nimmt ihn damit in die „Hall of Fame“ der Klassiker auf. Mit seiner Leidenschaft für Holz und Leder ist der brasilianische Architekt und Möbeldesigner das Gegenstück zur kühlen Stahlrohr-Funktionalität des Bauhauses. Kann ein Sessel einladender sein als „Mole“, den Rodrigues 1961 entworfen hat? ClassiCon lässt das Gestell aus massivem Eukalyptusholz fertigen, das selbstverständlich aus kontrolliertem Anbau stammt. Sogar die Spanngurte sind aus vollem Kernleder, die opulente Lederpolsterung macht ihn unverwechselbar. Das Museum of Modern Art hat den Sessel schon vor Jahrzehnten in seine permanente Designsammlung aufgenommen.
Auch Konstantin Grcic ist mit seiner Leuchte „Mayday“ bereits im MoMA vertreten. Zu den Klassikern kann der 1965 geborene Industriedesigner freilich noch nicht gerechnet werden – wohl aber zur zeitgenössischen Avantgarde. Für ClassiCon hat er seit den 90er Jahren so unverwechselbare Möbel wie den Barschrank „Pandora“, den Sekretär „Orcus“ oder den eingangs erwähnten „Pallas“-Tisch geschaffen. Und natürlich Stühle wie „Mars“ und „Venus“ oder „Chaos
Chaos
“, eine Kreuzung aus Stuhl, Sessel und Thron mit der Aura des Einzigartigen.
Bei ClassiCon firmiert Grcic unter „Contemporary“. Wie auch Christoph Böninger, der als Diplomarbeit den ersten Laptop der Welt entworfen hat und für ClassiCon ganz aktuell den aufklappbaren Sekretär „Zelos“. „Contemporary“ sind zudem Edward Barber und Jay Osgerby, die mit ihrem „Loop Table“ ins MoMA aufgenommen wurden und beispielsweise den skulpturalen Garderobenständer „Saturn“ beisteuern. Oder das Designer-Trio ForUse, das für ClassiCon den frechen Lounge-Sessel „Satyr“ entworfen hat. Oder Clemens Weisshaar (32) als jüngster „Contemporary“ mit seinem Barhocker „Triton“.
Ohne Oliver Holy
Interview //
Oliver Holy: Ist Design Kunst?
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und ClassiCon wären all die zeitgenössischen Designer nicht das, was sie heute sind – und ohne sie wäre ClassiCon nicht eine der innovativsten Möbelmarken, die dieses Land zu bieten hat. Dabei ist Holy sozusagen „branchenfremd“, er kommt aus einer schwäbischen Mode-Dynastie, der Labels wie Windsor oder Strellson gehören. Dass er heute nicht Sakkos und Hosen schneidern lässt, ist dennoch kein Zufall, sondern Ausdruck eines frühzeitig ausgeprägten Interesses an Architektur, Kunst und Design. Die Corbusier-Möbel zuhause, der erste Eileen-Gray-Sessel, den sein Vater noch aus den USA importieren musste – das alles hat Oliver Holy schon früh beeindruckt. Holy will schließlich Design studieren, kommt aber zur Auffassung, dass es einflussreicher wäre, an den Schalthebeln zu sitzen, als selbst Produkte zu entwerfen. Er studiert Jura: „Das war kein Vergnügen, hat mir aber geholfen, Aufgaben differenziert zu beleuchten und anzugehen.“ Fast zehn Jahre leitet Oliver Holy jetzt ClassiCon, und wenn er für sich eine Zwischenbilanz zieht, dann fallen Sätze wie: „ClassiCon ist kein Fußball-Bolzplatz, sondern ein feines Spielfeld für Designer.“ Entscheidend für den Erfolg sind seiner Überzeugung nach klare Spielregeln: „Was ich mache, muss das Potenzial zum Klassiker haben – sonst kann ich es bleiben lassen.“
Qualität wird unter dieser Maßgabe zur Selbstverständlichkeit. Auf umweltverträgliche Produktionsverfahren "Die Verpackung kommt bei ClassiCon inzwischen fast ohne Stryropor aus, Transportwege werden zusammengelegt, um Energie zu sparen, bei Hölzern ist kontrollierter Anbau Bedingung." angesprochen, erwidert Holy fast schon entrüstet: „Wir sind ein deutsches Unternehmen, wir lassen ausschließlich dort produzieren, wo wir die Rahmenbedingungen exakt kennen.“ Nachhaltigkeit sei nur erreichbar, wenn man die Kausalitätskette kenne, also sämtliche Vorlieferanten – und das sei bei einer Produktion in China schlicht und einfach nicht möglich. Holy: „Ein Hersteller kann ja nicht Holz, Stahl und Textilien gleichzeitig verarbeiten, er kann nicht zugleich verchromen und pulverbeschichten. Sie haben es also stets auch mit Vorlieferanten zu tun.“
Die Verpackung kommt bei ClassiCon inzwischen fast ohne Stryropor aus, Transportwege werden zusammengelegt, um Energie zu sparen, bei Hölzern ist kontrollierter Anbau Bedingung. Holy: „Ebenso wichtig sind für mich aber die arbeitsrechtlichen Bedingungen, die bei uns verhindern, dass 18 Stunden am Tag und ohne Schutzkleidung gearbeitet wird, wie das in Asien teilweise üblich ist.“ Was genau zeichnet nachhaltige Möbel aus? Oliver Holy antwortet mit einer Gegenfrage: „Gibt es nachhaltigere Möbel als etwa USM? Die halten eine Ewigkeit, die können Sie vererben.“ Langlebigkeit sei außerdem gleichbedeutend mit einem langfristig akzeptierten Design und abhängig vom Recycling: „Unser Orcus
besteht zum Beispiel aus Holz, Leder und Stahl – und sonst nichts. Das können Sie eines Tages problemlos recyceln – aber wer wird das schon wollen?“
Das neue Firmengebäude hat Oliver Holy im Münchner Osten direkt hinter der neuen Messe in kompromisslos klarer Ästhetik erbauen lassen – quasi als architektonisches Pendant zu den Designikonen. In einem gesichtslosen Gewerbegebiet, in dem sich ansonsten nur belanglose Zweckbauten aneinanderreihen, zeigt das ClassiCon-Gebäude zur Straßenseite nur Sichtbeton, öffnet sich dafür aber nach Süden mit einer 30 Meter breiten Glasfront: Sträucher, Bäume, Grün und am Horizont der Alpenblick bei Föhn. Transparente Schauräume in einem Betonrahmen geben den Eingang frei: Willkommen in der Welt des Designs!
Monolithisch und puristisch steht das Haus da. Es kommt ohne Klimaanlage aus, stattdessen hat es einen doppelten mechanischen Sonnenschutz – innen wie außen. Fenster sowie Dachflächenfenster lassen die Luft zirkulieren, das Flachdach enthält einen Wassermantel, der die Temperatur zusätzlich ausgleicht. Drinnen sorgen Schichtholz- Fensterrahmen als Kontrast zum Sichtbeton für eine gewisse Grundwärme. Architekt Joachim Jürke hat das Gebäude konsequent nach den Bedürfnissen des Bauherrn entwickelt: Schwarze USMRaumteiler schaffen Arbeitsinseln, gleich ums Eck sitzt Oliver Holy, für alle erreichbar. Ein Unternehmen mit klaren Vorstellungen und Weitblick.
Wie entstehen neue Entwürfe? Gehen die Designer auf ihn zu oder kommen die Anregungen von ClassiCon? Holy "Einen japanischen oder chinesischen Designer kann ich mir in Zukunft gut zusätzlich vorstellen." : „Das ist unterschiedlich, viele Ideen entstehen in Gesprächen oder auf Messen.“ Gibt es einen Designer, den er gerne zusätzlich hätte? „Jetzt bin ich erst mal glücklich mit Rodrigues, das ist die perfekte Ergänzung zu Stahlrohr und Lack“, sagt Holy. Und räumt dann, den Blick durch die Glasfront weit in die Ferne gerichtet, doch ein: „Einen japanischen oder chinesischen Designer kann ich mir in Zukunft gut zusätzlich vorstellen.“
