Antonio Citterio
Als Minimalist bezeichnet zu werden, wäre ihm sicher ein wenig unangenehm. Mit modischen oder gar trendigen Begriffen konnte Antonio Citterio schließlich noch nie etwas anfangen. Minimalistisches Design macht der 1950 im norditalienischen Meda geborene Gestalter indessen seit seinen Anfängen in den frühen Siebzigerjahren – zu einem Zeitpunkt, als dieser Terminus noch gar nicht existierte.
„Ich weiß nicht, ob ich einen Stil habe“
„Ich weiß nicht, ob ich einen Stil habe“
, sagte Citterio und beschreibt auf diese Weise seine Arbeit recht präzise. Das Design ist für ihn weit mehr als reine Formenspielerei oder selbstverliebter Starkult. Seine Entwürfe sind klar, funktional und doch keinesfalls banal. Sie treten auf mit der Diskretion eines englischen Butlers: Sie sind da, wenn sie gebraucht werden, und bleiben ansonsten ganz selbstverständlich im Hintergrund.
Die Methode der Reduktion beschreibt jedoch nur einen Teil von Citterios Arbeit. Denn in dem Augenblick, wo die Form in den Hintergrund tritt, sind es vor allem die Details und die verwendeten Materialien, die über die Qualität eines Produktes entscheiden. Antonio Citterio hat diesen Zusammenhang früh verstanden und seine Entwürfe stets mit hochwertigen, haptischen Werkstoffen ausgestattet.
Auch hier bleibt er keiner verbindlichen Sprache treu, sondern sucht nach objektbezogenen Lösungen. Traditionelle Materialien wie Holz oder Leder treffen ganz selbstverständlich auf neue Kunststoffsorten oder progressive Fertigungsmethoden – je nachdem, was für die Art des Objektes und dessen späteres Umfeld richtig erscheint. Dass er die Dinge nicht isoliert betrachtet, sondern stets aus ihrem Kontext heraus entwickelt, offenbart zugleich seinen eigenen Werdegang.
Wie alle italienischen Designer seiner Generation nimmt auch Antonio Citterio
den Weg über die Architektur. Nach seinem Architekturstudium am Mailänder Politecnico eröffnet er 1972 zusammen mit seinem Studienkollegen Paolo Nava sein erstes Büro in Lissone, einem Vorort nördlich von Mailand. Es ist nicht nur jene Zeit, in der das italienische Design mit den Entwürfen Achille Castiglionis oder Joe Colombos weltweit für Aussehen sorgt. Es ist auch die Phase eines rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs in Italien, der dem jungen Büro bald Aufträge beschert.
den Weg über die Architektur. Nach seinem Architekturstudium am Mailänder Politecnico eröffnet er 1972 zusammen mit seinem Studienkollegen Paolo Nava sein erstes Büro in Lissone, einem Vorort nördlich von Mailand. Es ist nicht nur jene Zeit, in der das italienische Design mit den Entwürfen Achille Castiglionis oder Joe Colombos weltweit für Aussehen sorgt. Es ist auch die Phase eines rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs in Italien, der dem jungen Büro bald Aufträge beschert.Mit seinen Entwürfen, die in den folgenden Jahren für Unternehmen wie B&B Italia, Flos, Kartell, Maxalto, Flexform, Hans Grohe oder Vitra entstehen, macht sich Citterio schnell einen Namen in der Branche und wird wegen seines technischen Sachverstands geschätzt. Vor allem im Design von Polstermöbeln findet er seine Stärke. Seine Sofaprogramme „Diesis“ (1979), „Solo“ (1999) oder „Sity“ (1986), die allesamt für B&B Italia entstehen, überzeugen durch ihre frappierend leichte Erscheinung und werden zigfach kopiert.
1987 wird Antonio Citterio für das Programm „Sity“ die höchste italienische Designauszeichnung „Compasso d‘Oro“ – zu Deutsch „Goldener Zirkel“ – verliehen. Ein weiteres Mal gewinnt er den Preis 1995 für das rollbare Containersystem „Mobile“, das 1994 für Kartell entsteht. Gefertigt aus transluzentem Kunststoff vermeidet es die klobige Wirkung, die vergleichbare Produkte auf dem Markt entfalten, und lässt zudem einen Blick auf das zu, was sich in den Schubladen des Containers befindet.
Innovativ zeigt sich auch der Bürodrehstuhl „T-Chair“ für Vitra 1994. Entgegen dem damaligen Trend, ergonomische Gestaltung durch eine möglichst technische Formensprache zu kommunizieren, versteckt Citterio die sichtbaren Funktionselemente der Rückenlehne hinter einem abnehmbaren Überzug aus Stoff. Innovation wird hier nicht nach außen gestellt, sondern in eine vertraute und beinahe unscheinbare Erscheinung integriert. Sie bildet keinen Fremdkörper in ihrer Umgebung, sondern fügt sich stattdessen subtil in sie ein. Es gibt keinen Grund, vor ihr Angst zu haben.
Obgleich das Design die ersten Jahre in seiner Karriere bestimmt, wendet sich Citterio ab 1981 – knapp neun Jahre nach der Gründung seines Designbüros – ebenso der Architektur zu. Zusammen mit seiner Frau Terry Dwan macht er sich von 1987 bis 1996 mit einem eigenen Büro in Mailand unabhängig. Zu ihren gemeinsam verwirklichten Projekten gehören die Hauptquartiere von Esprit in Amsterdam, Antwerpen und Mailand, ein Bürokomplex in Seregno, ein Fabrikgebäude für Vitra in Neuenburg sowie Privathäuser in Italien und Japan. 1999 gründet Citterio zusammen mit der Architektin Patricia Viel ein neues Büro unter dem Namen „Antonio Citterio & Partners“. Mit seinen 45 Mitarbeitern bezieht er im Jahr 2000 einen von ihm entworfenen Neubau in der Via Cerva in Mailand.
Das Zusammenspiel aus Architektur und Design verbindet Citte rio fortan immer wieder mit denselben Auftraggebern. So entwirft er 1995 in Meda das Firmengebäude des Möbelherstellers Flexform, für den er ebenso als Designer tätig ist. Gleiches gilt für den Sportgerätehersteller Technogym
Run Personal
, für den er 2002 nicht nur dessen Hauptquartier im norditalienischen Cesena plant, sondern zudem eine eigene Linie von Sportgeräten konzipiert.
Run Personal
, für den er 2002 nicht nur dessen Hauptquartier im norditalienischen Cesena plant, sondern zudem eine eigene Linie von Sportgeräten konzipiert.Auch der Bereich der Innenarchitektur gewinnt ab der Jahrtausendwende zunehmend an Bedeutung. Vor allem Kunden aus dem Modebereich wie Cerruti, Emanuel Ungaro, Valentino, Stefanel oder der Diamantenhändler De Beers wissen seine zurückhaltende Designsprache für ihre Showrooms zu schätzen. Für den Herrenschneider Ermenegildo Zegna entwirft Citterio im Jahr 2000 dessen Flagship- Store in Los Angeles und 2008 die neue Firmenzentrale in Mailand. Mit den Interieurs der Bulgari-Hotels in Mailand und Bali stellt er unter Beweis, dass sich Schlichtheit wunderbar mit Komfort und Wohnlichkeit verbinden lässt.
Als Vielreisender findet Citterio seine Ideen häufig noch immer, indem er mit der Hand in seine Skizzenbücher zeichnet und die Resultate anschließend mit seinem Team weiterentwickelt. Auch hier ist er pragmatisch genug, um Gestaltung als Teamarbeit anzuerkennen. „Wir leben nicht mehr in der Welt Leonardos. Wir brauchen Spezialisten“, gesteht er die Abkehr vom Universalgenie ein. Der Designer nicht mehr als Star, sondern als Dienstleister, der die passenden Lösungen für seine Kunden zu finden hat? Als Art Director für Unternehmen wie Arclinea und B&B Italia ist er sich der Verantwortung seines Berufes bewusst.
Sein Plädoyer für Bescheidenheit – und damit auch gegen die Selbstdarstellung vieler prominenter Kollegen – hat ihm mitunter den Ruf eines Langweilers eingebracht. Doch während es um jene Pop-Designer erstaunlich ruhig geworden ist in diesen Tagen, ist Citterio mit seinen Entwürfen gefragter denn je. Sie scheinen gegenüber flüchtigen Entwicklungen einfach resistent zu sein.
Was er gerne einmal machen würde? „Gebäude, die nicht von kommerziellen Aspekten kontaminiert sind.“ Citterio versteht darunter vor allem öffentliche Bauten wie Museen oder Kirchen. Ob diese auch das Potenzial hätten, zeitlose Ikonen zu werden wie seine Möbelentwürfe? Vielleicht, doch Antonio Citterio selbst würde so eine Behauptung wohl kaum über die Lippen kommen. Wozu auch? Seine Arbeit spricht für ihn.
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