Piero Lissoni
Es herrscht angenehme Stille in diesem Raum – und das, obwohl schon in wenigen Wochen die Mailänder Möbelmesse beginnt. Neben dem Tisch, der unter Bergen an Büchern fast verschwindet, stehen die Prototypen zweier Stühle. Mit weichem Bleistift wurden gerade eben letzte Änderungen auf ihrem hellen Holz markiert. Von der Hektik dieser Tage ist bei Piero Lissoni nichts zu spüren. Das würde auch nicht zu ihm passen. Ihn scheint nichts aus der Ruhe zu bringen.
Auf der Mailänder Möbelmesse wird Lissoni auch diesmal prominent vertreten sein. Und das nicht nur mit dem guten Dutzend eigener Entwürfe, die er teils allein, teils mit seinem Team entwickelt hat. Er wäre auf der weltgrößten Designschau auch dann präsent, wenn er überhaupt kein eigenes Produkt vorzustellen hätte. Denn als Art Director der Firmen Boffi, Cassina, Porro, Lema, Living Divani, Matteograssi sowie Glas Italia zieht er die gestalterischen Fäden einiger der prominentesten Designschmieden. Jedes Stück, das bei ihnen produziert werden soll, muss zuvor seinem kritischen Blick standgehalten haben.
„Freilich ist die Verantwortung enorm“, sagt Piero Lissoni, für den Design immer eine Frage des Teamworks ist. Eine flüchtige Zeichnung auf den Tisch werfen und nach einem halben Jahr das fertige Produkt begutachten – wie es so mancher berühmte Designerkollege macht – kommt für ihn nicht in Frage. „Ich bin ein Arbeiter und Teil eines präzise funktionierenden Systems.“ Klare Worte, die auch zeigen, dass er sich keine Illusionen macht über die Mechanismen des Designs. Denn der allgemeine Preisdruck hat in den letzten Jahren auch den Flagschiffen dieses Bereichs mächtig zugesetzt.
Innovation versteht Lissoni als ständige Weiterentwicklung. Neues schafft er durch Verändern oder Hinzufügen kleiner Details. Seine Möbelentwürfe sind klar, zurückhaltend. Der Glastisch „Oscar“ für Glas Italia verfügt über eine derart schlanke Silhouette, dass er sich optisch beinahe auflöst. Beim Sessel „Sdraio“ für Living Divani dient lediglich ein eingespanntes Stück Leder als schwebendes Polster. Spröde oder blutleer sind seine Designstücke aber mitnichten. Sinnlichkeit verleiht er ihnen durch den Einsatz warmer, haptisch angenehmer Materialien, die zugleich einen interessanten Gegenpart zur ihren minimalistischen Formen bilden.
Seiner Zeit voraus war Piero Lissoni vor allem in Bereichen, mit denen sich andere Gestalter zunächst kaum beschäftigt haben: Als Chefdesigner von Boffi verwandelte er die Küche vom funktionalen Arbeitsraum zur eleganten Hightechinsel. Dass Männer heute weit häufiger am Herd zu finden sind, dürfte sicher auch ein Stück weit das Verdienst von Piero Lissoni sein, der die Küche mit Entwürfen wie „Zone“ schließlich endgültig zur minimalistischen Skulptur erklärte. Auch beim Badezimmer, das seine Kollegen lange Zeit fast völlig links liegen ließen, erkannte er schon früh das gestalterische Potenzial. Weitsichtig verordnete er dem zuvor allein auf Küchen spezialisierten Hersteller Boffi bereits Ende der Neunzigerjahre eine eigene Badkollektion, um mit raffinierten Gestaltungslösungen auch in diesen Bereich vorzudringen. Mut bewies Piero Lissoni, als er 1999 die aus massivem Stein gearbeitete Badewanne „i fiume tevere“ von Claudio Silvestrin ins Programm von Boffi nahm und damit die Basis für einen grundlegend neuen Typus von monumentalem Badmobiliar legte.
So elegant, wie es ihm gelang, Küchen- und Baddesign zu verbinden, so klug ließ er wohnliche Elemente in die Bürogestaltung einfließen. Für den Möbelhersteller Porro entwickelte er zum Beispiel eine Kollektion von Büromöbeln, die die Kühle früherer Office-Lösungen bewusst hinter sich ließ. Durch Verwendung hochwertiger Hölzer und feines Austarieren von Proportionen verwandelte er zuvor nüchtern-neutrale, rein funktionale Arbeitsumgebungen in Räume mit angenehmer und damit auch kreativitätsfördernder Atmosphäre. Umgekehrt entwarf er Schreibtische, die in Wohnräumen nicht mehr als Fremdkörper auffallen, sondern einen integralen Bestandteil bilden.
Für seine Kunden entwickelt Piero Lissoni aber keineswegs nur Produkte oder betreut Projekte. Er plant auch ganze Firmensitze wie etwa die von Living Divani, Boffi oder Matteograssi und gibt dabei mit seiner architektonischen Handschrift den einzelnen Unternehmen ein Gesicht, das zu ihren Produkten passt. Warum auch bei ihm Architektur und Design Hand in Hand gehen, erklärt er vor dem Hintergrund seiner Architekturausbildung am Mailänder Politecnico: „Nach Mailänder Tradition ist man als Architekt zugleich auch Ingenieur oder Designer – also in der Lage, einen Löffel, aber auch eine ganze Stadt zu entwerfen.“ Das beste Beispiel eines gestalterischen Multitalents ist Lissoni selbst, der natürlich auch sämtliche Messestände und Showrooms seiner Kunden entwirft und sogar auf die Gestaltung von Katalogen, Anzeigen oder Einladungskarten ein waches Auge hat.
Piero Lissonis Erfolg ist aber keineswegs selbstverständlich in einer Branche, wo Eigenvermarktung oft mehr gilt als die Qualität der Entwürfe. Von der Starattitüde eines Philippe Starck, der im Privatjet um die Welt saust und Kundenmeetings gerne in der Warteposition auf dem Rollfeld abhält, ist Piero Lissoni weit entfernt. Sie wäre auch nicht authentisch für seine Arbeiten, bei denen Minimalismus nicht Trend ist, sondern Einstellung. Derzeit setzen etliche Designer, die zuvor mit lauten, schrillen Entwürfen auf sich aufmerksam gemacht haben, plötzlich auf jene klaren, puristischen Formen, die Piero Lissonis Entwürfe bereits seit 25 Jahren aufweisen.
Die Verflechtung zwischen Architektur und Design macht Lissoni auch im Detail sichtbar. So ließ er etwa für den Firmensitz von Matteograssi in Giussano ein ungewöhnliches Fassadenmaterial verwenden: Transparenten und semitransparenten Kunststoff in Sandwichbauweise, der wie eine Linse Tageslicht in das Innere des Gebäudes lenkt. Die Fassade wird so zu einem großformatigen Fenster, während der Wärmeverlust dank der der guten Isoliereigenschaften dieser Bauweise um 40 Prozent gesenkt werden kann. Entwickelt wurde das Fassadenmaterial in Piero Lissonis Studio, wie er stolz betont. „Wir profitieren hier von unserer doppelten Erfahrung: Bei manchen Lösungen sind wir als Architekten mehr Designer und umgekehrt.“
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