Interview // Piero Lissoni — „Das Design ist wie eine Katze. Es hat sieben Leben“

Der Designer

Piero Lissoni

Als Art Director ist er das öffentliche Gesicht seiner Kunden. Als Architekt macht er Firmengebäude unverwechselbar. Als Produktgestalter beweist er Weitsicht. Ganz klar: dem italienischen Desing gibt er den Ton vor. Starallüren sind Piero Lissoni dennoch fremd. Still vollzieht sich bei ihm Evolution im Detail.

Interview // Piero Lissoni „Das Design ist wie eine Katze. Es hat sieben Leben“
von Norman Kietzmann

 

Er entwirft Möbel, Gebäude, Kataloge, Anzeigen, Messestände, Hotels, Apartments und Showrooms. Als wäre dies nicht schon genug, findet er die Zeit, seine freien Wochenenden in Berlin zu verbringen: Piero Lissoni über gestalterische Holzwege, unternehmerische Verantwortung und die Definition von Innovation.
Piero Lissoni entwirft Produkte von zeitloser Eleganz, die eine minimalistische Formensprache mit sinnlichen Qualitäten in Einklang bringen. Viele seiner Arbeiten gelten deshalb schon heute als Klassiker von morgen.

 

pure: Herr Lissoni, Sie entwerfen nicht nur für renommierte Unternehmen wie Alessi, Kartell oder Flos, sondern steuern als Art Director der Firmen Boffi , Cassina, Glas Italia, Porro, Living Divani, Lema oder Matteograssi zugleich deren gesamten Firmenauftritt einschließlich aller Neuentwicklungen. Wie schaffen Sie das alles?
 
Lissoni: Ich muss ein wenig schizophren sein. (lacht) Natürlich ist es eine große Verantwortung, da ich alle Entscheidungen der Unternehmen zu treffen habe und zugleich ihr öffentliches Gesicht bin. Dafür ist es wichtig, sich in die einzelnen Firmen hineinzudenken und zu verstehen, worin ihre Stärken liegen und in welche Richtung sie sich entwickeln wollen. Gleichzeitig birgt jede Entscheidung, sei es für ein neues Produkt oder einen neuen Designer, immer ein hohes Risiko. Das verlangt von beiden Seiten eine große Portion Vertrauen. Denn wenn man auf die Projekte anderer neidisch ist, weil man selbst nicht auf die Idee gekommen ist, oder jemandem etwas missgönnt, sollte man besser Angeln gehen oder Bergsteigen. Art Direction ist vor allem Teamarbeit.
 
pure: Inwieweit unterscheidet sich die Arbeit für die einzelnen Unternehmen? Ist es denn nicht schwierig, zwischen all den Firmen überhaupt den Überblick zu behalten?
 
Lissoni: Nein, denn die einzelnen Unternehmen sind immer Individuen. Sie sind wie Personen. Nehmen Sie zum Beispiel Cassina oder Living Divani. Von außen betrachtet sehen beide Firmen gleich aus, denn sie produzieren hauptsächlich Sofas. Doch in Bezug auf ihre Verarbeitung, ihre Position am Markt wie auch ihren Vertrieb sind sie vollkommen unterschiedlich. Denn hinter jedem Unternehmen stecken Menschen, die ein eigenes Bewusstsein einbringen und ganz automatisch zu unterschiedlichen Produkten führen – selbst dann, wenn sie auf den ersten Blick nicht immer erkennbar sind. Ich halte es hier mit Mies van der Rohe: „Gott steckt im Detail.“
 
pure: Sie haben allein für den Polsterhersteller Living Divani über zwanzig Sofas entworfen. Kommen einem denn da noch innovative Ideen? Im Grunde gibt es doch schon fast alles …
 
Lissoni: Es hängt davon ab, wie man Innovation auffasst. Ich habe noch nie an vollkommen neue Dinge geglaubt, sondern immer an eine kontinuierliche Evolution. "Ich habe noch nie an vollkommen neue Dinge geglaubt, sondern immer an eine kontinuierliche Evolution." Die Produkte, die ich entwickle, erfinden das Sofa oder den Stuhl nicht neu. Doch sie geben ihm immer eine kleine Veränderung mit auf den Weg. Im Jahr darauf modifizieren wir den Entwurf wieder ein wenig und geben ihm erneut eine kleine Evolution hinzu. Diese Art zu arbeiten gilt für alle meine Kunden. Denn ein kreativer Akt ist ein langfristiger Prozess und kein Schnellschuss. Ich werfe keine Skizze auf den Tisch und sage: „Ich bin ein Genie!“ Ich bin ein Arbeiter und Teil eines präzise funktionierenden Systems. Kreativsein der Kreativität wegen ist ein sehr einfacher Weg. Die Herausforderung besteht darin, an kleinen Details und Veränderungen zu arbeiten. Design ist für mich immer eine Art der Reinterpretation.
 
pure: Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass sie vorbei ist, die Zeit der großen Veränderungen wie etwa noch in den Sechzigerjahren, als neue Technologien und Materialien die Gestaltung revolutionierten. Worin liegt der Grund für diese Vorsicht?
 
Lissoni: Man darf nicht vergessen, dass es in den Sechzigerjahren wesentlich einfacher war, etwas zu verändern. Damals wurden ja nicht nur neue Technologien erschlossen und damit auch neue Märkte, es gab auch deutlich weniger Konkurrenz. Ende der Sechziger haben gerade einmal zehn Hersteller das Design bestimmt, darunter Cassina, C&B (heute B&B Italia, Anmerkung d. Red.), Flos, Kartell, Artemide, Tecno, Herman Miller, Knoll International oder Fritz Hansen. Und zwar weltweit. Heute sind es Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Firmen. Und sie alle kämpfen um einen Markt , in dem die Kuchen längst verteilt sind. Hinzu kommt die Größe: Obwohl Cassina in den Sechzigerjahren als einer der kreativsten Hersteller galt, lag der Umsatz bei umgerechnet gerade einmal sechs bis sieben Millionen Euro. Heute erwirtschaftet dieselbe Firma einen Umsatz von 125 Millionen Euro im Jahr, und das auf einem Markt, auf dem der Druck enorm zugenommen hat. Denn die Herstellungskosten – zumindest wenn in Europa und nicht in China produziert wird – sind derart gestiegen, dass kaum Spielraum bleibt. Als Designer müssen wir daher realistisch sein und können nicht vollkommen am Markt vorbeizielen.
 
pure: Haben sich nicht auch die Bedürfnisse der Kunden verändert? Wie es scheint, stehen heute doch eher zeitlos gestaltete und damit auch langlebige Produkte im Mittelpunkt …
 
Lissoni: Ja absolut, aber auch die Qualität spielt eine andere Rolle. Schließlich kaufen wir uns nicht in jedem Jahr neue Möbel. Der rote Kunststoffstuhl hier in meinem Büro wurde von einem Institut in der Schweiz getestet, ob er der Belastung von über 200.000 Schlägen standhält. Das hat vor 20 Jahren niemand gemacht, weil auch die Erwartungen der Kunden anders waren. Wenn ein Stuhl kaputt war, dann hat man sich eben einen neuen gekauft. Kein Kunde, der heute für einen Stuhl viel Geld bezahlt, ist mehr bereit, das zu akzeptieren.
 
pure: Also hat das Experiment im Möbeldesign ausgedient? 
 
Lissoni: Nein, denn wir sind heute sogar freier als zuvor. Neben den industriellen Entwürfen gibt es schließlich die Kunst-Editionen, die ganz bewusst als Einzelstücke oder in Kleinserien produziert werden. Ich denke, man muss die unterschiedlichen Spielarten der Gestaltung kombinieren. Das Design ist wie eine Katze. Es hat sieben Leben.
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