Interview // Leo Lübke — „Der Bauch spielt immer eine große Rolle“
pure: Herr Lübke, Sie leiten das Familienunternehmen interlübke in der dritten, COR in der zweiten Generation. Was machen Familienunternehmer anders als externe Manager?
Lübke: Ich glaube, die Kontinuität macht einen Unterschied. Der kurzfristige Erfolg ist nicht so ein großes Thema. Erfolgreich müssen natürlich beide sein, der Manager und der Familienunternehmer. Aber sie denken in unterschiedlichen Zeiträumen.
Vielleicht geht man als Familienunternehmer mit mehr Herzblut an die Produkte heran. Ich bin schließlich schon als kleiner Junge mit den Möbeln und den Mitarbeitern aufgewachsen. Das Prinzip der Langlebigkeit ist da schon angelegt.
Andererseits gibt es wahrscheinlich viele Manager, die kompetenter wären als ich. Die besser und länger studiert, mehr Kurse belegt haben. Wenn ich mich normal bewerben müsste, gäbe es vermutlich andere, die bessere Abschlussnoten mitbrächten. Das kompensiere ich durch die andere Betroffenheit, die engere Verbindung. Als Familienunternehmer hat man die Aufgabe, die Grundidee des Unternehmens zu verkörpern.
pure: Was ist die Grundidee von COR?
Lübke: Es ist einerseits die hohe Qualität, andererseits der moderne, zeitgenössische Lebensstil. Wir machen Möbel für Menschen von heute. Wir vermeiden Rückgriffe auf Ideen von früher. Natürlich kommen viele Ideen aus der Vergangenheit, aber wir fragen immer: Was ist das richtige Möbel für das Leben von heute? Das bedeutet manchmal auch, den Mut zu haben, Dinge zu tun, die vielleicht am Markt vorbeigehen. Die zu weit gehen oder auch danebenliegen. Ein externer Manager kann sich das nicht so ohne Weiteres erlauben. Der muss ja Gesellschaftern Rede und Antwort stehen. Ich hingegen kann sagen: Das machen wir, da habe ich Spaß dran.
pure: Verlassen Sie sich bei Entscheidungen mehr auf Ihr Bauchgefühl oder auf Marktforschung?
Lübke: Marktforschung betreiben wir nur dahin gehend, dass wir fragen: Gibt es so ein Möbel bereits? Gibt es eine Zielgruppe für diese Idee? Wie sind die Preislagen? Wie reagiert der Handel auf diese Art von Programm? Aber der Bauch spielt immer eine große Rolle.
pure: Was braucht ein Möbelstück, um zu einem Bestseller wie „Conseta
Conseta
“ zu werden, das COR seit über 40 Jahren im Programm führt?
Conseta
“ zu werden, das COR seit über 40 Jahren im Programm führt? Lübke: Normalerweise würde ich sagen: Es muss ganz markant sein, eigenständig, unverwechselbar. Bei Conseta ist fast das Gegenteil der Fall. Es sieht aus wie ganz viele Sofas. Es ist von den Proportionen her ein bisschen besser, ein bisschen feiner. Mittlerweile hat fast jede Firma eine Art Conseta im Programm, es ist schon fast zu einem Gattungsbegriff geworden. Ich glaube das Geheimnis ist, dass COR dahintersteht. Die Qualität. Der Service. Das es schon so lange am Markt ist, ist eine Qualität an sich. Conseta ist ein integratives Möbel, es passt überall hinein. Wir haben lange gebraucht, um das zu verstehen. Lange dachten wir: Ein Bestseller muss charakteristisch sein, unverwechselbar. Dabei ist Conseta so archetypisch, das ich selbst schon in Möbelhäusern stand und mich gefragt habe: Ist das hier nun ein Conseta oder ein Modell der Konkurrenz?
"Lange dachten wir: Ein Bestseller muss charakteristisch sein, unverwechselbar. Dabei ist Conseta so archetypisch, das ich selbst schon in Möbelhäusern stand und mich gefragt habe: Ist das hier nun ein Conseta oder ein Modell der Konkurrenz?"
Da gibt es ein paar kleine Unterschiede, an denen ich es doch erkenne. Und da ist das Qualitätsversprechen, das den Unterschied macht.
pure: Wie wichtig ist die Marke?
Lübke: Es klingt oft so, als ob der Erfolg von der Marke käme. Aber woher kommt denn die Marke? Die entsteht ja nicht, weil man viel Werbung gemacht hat, sondern weil man mit einer Marke etwas verspricht. Man sagt dem Kunden: Für diese Eigenschaften steht die Marke. Und wenn man das immer wieder erfüllt, stärkt es die Marke. Das geht aber nicht andersrum, auch wenn es viele immer meinen. Wenn überhaupt, dann nur eine kurze Zeit lang, bis die Menschen enttäuscht davon sind, dass Versprechungen nicht gehalten worden sind.
pure: Wie wichtig ist bei der Marke COR das Thema Nachhaltigkeit?
Lübke: Sehr wichtig. Als ich 1994 zu COR kam, wollte mein Vater den Chefschreibtisch räumen und nur noch Sonderaufgaben übernehmen. Er wurde Öko-Manager bei COR und führte uns als erstes Möbel-Unternehmen Deutschlands durch ein Öko-Audit nach EU-Norm. Eine ökologisch orientierte Grundhaltung hat für COR aber immer schon gegolten.
pure: Was hat das Öko-Audit für das Unternehmen gebracht?
Lübke: Marketingmäßig war es ein Flop. Alle Leute fanden es toll, dass wir das machen und dass man jetzt auch noch ein gutes Gewissen haben darf, wenn man unsere Möbel kauft. Aber immer wenn wir erzählen wollten, was dahintersteckt, sahen wir schnell in gähnende Gesichter. Intern war der Effekt ein großer. Wir haben unsere ganzen Prozesse auf den Prüfstand gestellt, wir haben Verfahrensanweisungen erstellt ... ein sehr bürokratischer Prozess. Irgendwann haben wir uns gefragt: Worum geht’s hier? Der Umwelt einen Dienst zu erweisen? Oder irgendetwas zu dokumentieren? Die Bürokratie bekam so ein Gewicht, dass wir uns irgendwann sagen mussten: Für ein mittelständisches Unternehmen ist das nicht mehr richtig. Aber dass wir eine Input-Output-Analyse gemacht haben und alle Prozesse einmal hinterfragt haben, das war unheimlich wichtig und interessant.
pure: Was für eine Zukunft wünschen Sie sich für COR
?
Lübke: Eigentlich eine wichtige Frage, aber irgendwie stelle ich mir die nie. Unsere Arbeit ist eine ständige Herausforderung und eine ständige Spannung. Aber ich würde mir wünschen, dass unsere Rolle in der Designwelt bedeutender wird. Nicht größer, aber bedeutender.
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