Interview // Ross Lovegrove — „Der nächste Schritt sind Hologramme“

Der Designer

Ross Lovegrove

Der gebürtige Waliser legt nicht an irgendwelche Produkte seine magischen Hände an. Ross Lovegrove hat den Sony- Walkman geformt und auch den ersten Apple-Computer.

Interview // Ross Lovegrove „Der nächste Schritt sind Hologramme“
von Norman Kietzmann

Ross Lovegrove gilt als Design-Visionär. Der 53-jährige Waliser, der schon an der Entwicklung des Sony-Walkmans sowie des ersten Apple-Computers beteiligt war, sieht das Potenzial von Laminat noch lange nicht ausgeschöpft. Lovegrove über elektrischen Rasen, schwebende Knochen und Camouflage in der Küche.

 

pure: Sie haben sich dem Thema Boden gleich mit zwei Entwürfen für Parador genähert. Eines Ihrer Motive ist den Leiterplatten technischer Geräte nachempfunden ...
 
Lovegrove: … Das ist so ein typisches Designer-Ding. (lacht) Denn normalerweise bleiben Leiterplatten ja unsichtbar und landen letztlich auf dem Müll. Dabei verfügen sie über die Präzision von Schmuck und werden häufig aus hochwertigen Materialien hergestellt. Interessant finde ich zudem ihre Farben, auch wenn die nicht aus ästhetischen Gründen gewählt wurden, sondern lediglich die Farben der Industrie sind. Obgleich es gar nicht beabsichtigt war, sind diese Platinen sehr schön. Das für ihre Bodenplatte verwendete grüne Phenolharz kommt der Anmutung von Laminat recht nahe. Schließt man die Augen ein wenig, wirkt dieser Grünton beinahe wie ein Rasen, öffnet man sie wieder, bemerkt man, dass er elektronisch und damit durch und durch künstlich ist. Dieser Kontrast hat mich gereizt.
 
pure: Auch Architekten wie Zaha Hadid, Ben van Berkel oder Jean Nouvel verwenden plötzlich Laminat in ihren Gebäuden. Was kann Laminat, was andere Bodenbeläge nicht können?
 
Lovegrove: Räumliche Tiefe erzeugen. Die abgebildeten Motive müssen ja nicht nur zweidimensional sein wie das Dekor mit den Platinen. Darum habe ich meinen zweiten Laminatentwurf den Strukturen von Knochen nachempfunden. Natürliche Wachstumsprozesse in der Natur haben mich schon immer interessiert und begleiten auch die Arbeit meines Studios. Bei der Entwicklung dieses Bodens sind wir auf recht ungewöhnliche Weise vorgegangen. Schließlich haben wir kein bestehendes Muster verwendet oder ein neues gezeichnet, sondern den Boden dreidimensional gebaut.
 
pure: Was genau meinen Sie damit?
 
Lovegrove: Wir haben einen Scan von einem menschlichen Knochen angefertigt und diese Daten anschließend am Computer verdichtet, verzerrt und über einen 3-D-Drucker ausgedruckt. Was dabei herauskam, waren mehrere etwa handgroße Maßstabsmodelle aus einem weißen Polymer. Um zu dem jetzigen Ergebnis zu kommen, mussten wir mindestens zwanzig Prototypen anfertigen. Anschließend haben wir die Struktur von einem Profi fotografieren lassen, um mit Licht und Schatten spielen zu können und die richtige Farbmischung zu erzielen. Der gesamte Prozess nahm mehrere Monate in Anspruch.
 
pure: Wenn man über diesen Boden läuft, meint man, er sei er von unten beleuchtet ...
 
Lovegrove: Ja, man bekommt beinahe das Gefühl, als würde man schweben. "Man bekommt beinahe das Gefühl, als würde man schweben." Es entsteht eine Illusion von Tiefe, obwohl der Boden natürlich flach ist. Durch die Abstraktion der Natur, die wir bei diesem Motiv vorgenommen haben, ergibt sich zudem ein vielschichtiger und dennoch angenehmer Raumeindruck, der vielleicht sogar ein Stück weit esoterisch anmutet. Mit einem anderen Material als Laminat hätte sich diese Wirkung wohl nicht erreichen lassen.
 
pure: Dass digitale Bilddaten nun auch auf Laminatoberflächen gedruckt werden können, wurde durch das erst 2008 entwickelte „Artprint“-Verfahren möglich. Inwiefern wird das die Anwendung von Laminat auf längere Sicht verändern?
 
Lovegrove: Ich denke, dass Laminat die Wahrnehmung von Räumen künftig weitaus stärker verändern kann und dabei längst nicht nur auf den Boden beschränkt bleiben muss. Wenn man zum Beispiel das Studio eines Fotografen betritt, wo alle Wände und der Boden weiß sind, empfindet man eine Ganzheitlichkeit des Raums. Derselbe Eindruck entsteht in einem alten Kabinett, in dem sämtliche Wände sowie der Boden mit Holz verkleidet sind. Mit Laminat kann man einen ähnlich verbindenden architektonischen Ausdruck erzeugen. Schließlich lässt sich das Material problemlos an den Wänden oder an der Decke anbringen. Wenn der Boden an die Decke gespiegelt wird, ergibt sich eine räumliche Symmetrie, die den Eindruck von Unendlichkeit verstärken kann. Der nächste Schritt, um dem Raum optisch noch mehr Tiefe zu geben, wäre der Einsatz holografischer Bilder. "Der nächste Schritt, um dem Raum optisch noch mehr Tiefe zu geben, wäre der Einsatz holografischer Bilder." Doch so weit muss man eigentlich gar nicht gehen. Auch am Boden sind ja die Verwendungsmöglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft.
 
pure: Können Sie ein Beispiel geben?
 
Lovegrove: Nehmen Sie die Küche oder das Badezimmer: Warum nicht einfach den Boden dort als Stauraum nutzen, sodass Schränke und Ablagen verschwinden? Schließlich werden die Wohnungen in den Großstädten immer kleiner, weswegen derzeit ja auch die Küche zunehmend mit dem Wohnzimmer verschmilzt. Doch was ist das für ein Alptraum, wenn man mit seinen Gästen auf dem Sofa sitzt und ständig auf diese riesige Küche schauen muss? Vielleicht besteht auch hier die Möglichkeit, die Präsenz von großen Möbeln und Objekten zu reduzieren, indem man sie durch ein Muster versteckt, so ähnlich wie bei Camouflage. Wenn Boden und Möbel dieselbe Oberfläche aufweisen, ließe sich die Küche dematerialisieren. Wir sollten bei Laminat in Zukunft nicht nur an Boden denken.
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