Interview // Reinhold Messner — „Ein Berg ohne Gefahr wird zur Attrappe“
pure: Herr Messner, wollen wir über Berge sprechen?
Messner: Kein Problem. Das ist ein weites Thema.
pure: Lieber über die Schrecken oder über die Schönheit?
Messner: Ich glaube, dass beides zusammenfließt. Die Schönheit der Berge liegt auch darin, dass sie uns erschrecken. Auch die Erhabenheit kommt aus diesem Erschrecken. Wie groß sind Berge und wie gefährlich – wir erfahren es beim Hinaufsteigen.
pure: Kann man den Film „Nanga Parbat“ auch als Teil einer immer wiederkehrenden Botschaft verstehen – nach dem Motto: Seht her, die Berge sind schön, aber nehmt euch in Acht?
Messner: Der Film erzählt eine Geschichte, eine irre Geschichte. Ich bin der Meinung, dass niemand die Wahrheit als Konsequenz von Gott kennt. Da müsste ich mich schon in göttliche Dimensionen erheben. Deswegen bin ich mit Botschaften vorsichtig. Aber wir erzählen in dieser Geschichte (Anm. d. Red.: im Film „Nanga Parbat“), dass der Mensch der Bergnatur gegenüber ein Nichts ist. Oft völlig verloren. Er ist winzig klein, er kann sie nicht beherrschen. Was wir bei extremen Besteigungen tun, ist das Zurückspringen in eine archaische Welt, in einen anarchischen Raum. Es gibt da oben keine bürgerliche Ordnung, kein Gesetzbuch, keinen Richter! Wir sind aber, weil wir das alles freiwillig tun, selbst verantwortlich. In diesem wilden Freiraum also hundertprozentig verantwortlich. Wenn ein Fehler passiert, spricht der Berg kein Urteil, sondern wir sind einfach tot. Wir haben also die Konsequenzen immer selbst zu tragen.
pure: Die Konsequenzen haben Sie bereits 1997 in Ihrem Buch „Berg Heil, heile Berge?“ beschrieben. Ein Zitat daraus: „Es geht um eine verträgliche Begegnung zwischen Mensch und Berg. Ich bin kein Ökochonder und weiß, dass nur Entbehrung und Gefahr das Regulativ sein können, um die Alpen zu befrieden.“ Sehen Sie das heute auch noch so?
Messner: Das sehe ich, was den Umweltschutz betrifft, heute genau- so. Der Tourismus in den Alpen ernährt 14 Millionen Menschen. Die müssen weiterhin ein Auskommen haben. Aber es reicht vollkommen, wenn wir jene Räume nutzen, die der Mensch seit Jahrtausenden genutzt hat. Das heißt in den Alpen bis auf ungefähr 2400 Meter Höhe. Darüber sollen Gefahr, Schwierigkeit und Größe wie ein nicht sichtbarer Zaun sein, der nur jene durchlässt, die es auch können. Wer da durchgeht und es nicht kann, der lebt nicht lange.
pure: Das trifft auch auf die Dolomiten zu. Über die haben Sie einmal gesagt: „Es sind zwar nicht die höchsten Berge der Welt, wohl aber die schönsten.“ Wie erleben Sie heute den Bergtourismus vor Ihrer Haustür in Südtirol?
Messner: Wir haben ja voriges Jahr dieses Wunder erlebt, dass die UNESCO die Dolomiten, nicht den gesamten Raum, aber große Blöcke, als Weltnaturerbe anerkannt hat. Also die geologische Formation, aber auch die Geo-Ästethik. Der große Architekt Le Corbusier hat einmal gesagt, die Dolomiten seien die schönsten Bauwerke der Welt.
"Der große Architekt Le Corbusier hat einmal gesagt, die Dolomiten seien die schönsten Bauwerke der Welt."
Ich kann es bestätigen. Es gibt nirgends diese einmalige Spannung zwischen den grünen Almwiesen, Zirbelwäldern und diesen senkrechten Wänden darüber. Nicht einmal im Himalaya. Da stehen zwar viel größere Berge, aber das sind eher Schneekegel oder Schutthaufen im Vergleich zu diesen senkrecht aufragenden, leuchtenden Dolomitfelsen. Jetzt haben wir mit dem Prädikat „Weltnaturerbe“ den Schwarzen Peter in der Hand. Denn als Weltnaturerbe gehören die Dolomiten der gesamten Menschheit. Wir haben die Verpflichtung, die Dolomiten so nachhaltig zu gestalten, dass die Werte dort, Langsamkeit, dieser Spannungsbogen, Ruhe, diese Tiefe, weil nicht verbaut, nicht verloren gehen. Wir müssen jetzt mit den Straßen anfangen, die man zum Teil sperren kann oder nur in Zeitfenstern bestimmten Gruppen zur Verfügung stellen sollte. Mein erster Vorschlag war, diese Fenster zu schaffen. Von 10 Uhr vormittag bis 16 Uhr darf auf den Dolomitenstraßen kein Auto mehr fahren, zum Beispiel. Wir haben im Sommer oft einen Hype: Die Leute stehen auf den Straßen im Stau, hupen, ärgern sich, Wanderer erleben den Lärm und den Gestank der Autos. Wenn man das vernünftig regelt, etwa so wie im Winter mit Dolomiti Superski (Anm. d. Red.: ein Skigroßraum, der mit einem Skipass befahrbar ist), könnte man die Leute, die nicht selber hinaufsteigen wollen, mit Seilbahnen und Bussen rauf- und wieder runterbringen. Die Dolomiten wären beruhigt. Ich wünsche mir eine Entschleunigung, eine größere Stille und vor allem keine weiteren Lifte, Straßen, Gebäude oberhalb von 2400 Meter.
pure: Müssen Sie sich nicht manchmal über die Touristen bei Ihnen in den Bergen aufregen?
Messner: Nein. Ich rege mich nur auf, wenn dort, wo ich groß geworden bin (Anm. d. Red.: eine Alm in Villnös), wo früher im Sommer drei Leute am Tag vorbeigekommen sind, jetzt an Sonntagen dreitausend Leute da sind. Die Hälfte der Schuld ist meine, weil ich die Ruhe dieser Alm immer gelobt habe. Der Bauer hat also eine neue Hütte gebaut und sorgt immer für Lärm.
pure: Dann stimmt das, was Sie in Ihrem Buch „Westwand, Prinzip Abgrund“ auch geschrieben haben: „Die Touristen verzehren am Ende genau das, was sie alle suchen.“
Messner: Leider ja, genau so ist es.
pure: Bedeuten also Bergwandern, Bergsteigen, Mountainbiken und Wintersport den Untergang der Alpen? Messner: Nein, im Gegenteil, es ist die Technisierung des Bergsports, die negativ ist. "Es ist die Technisierung des Bergsports, die negativ ist." Wenn man es historisch sieht, ist interessant, was da passiert ist. Die Ersten, die die Berge industriell genutzt haben, waren die Skitouristiker. Die sind draufgekommen, dass die Brettlfahrer – das war vor ungefähr 80 Jahren – in Massen kommen, wenn man ihnen eine Piste präpariert, ihnen die Anstrengung abnimmt, hinaufsteigen zu müssen. Wenn ich dazu garantiere, dass von oben keine Lawine runterkommt, ist es wie ein Kegelabend. Also hat man Lawinenverbauungen gemacht und Lifte gebaut. Der Skizirkus ist ein Millionen-Hype geworden. 99 Prozent der Alpinisten sind heute auf Pisten unterwegs. Ob das nun eine Skipiste ist oder eine senkrechte Wand, an der alle zwei Meter ein Bohrhaken steckt, oder eine Piste mit fixen Seilen. Man baut jährlich solche Pisten bis zum Gipfel des Mount Everest.
pure: Wie bitte?
Messner: Ja, jedes Jahr, im Frühling und im Herbst werden zwei pistengesicherte Wege am höchsten Berg der Welt gebaut. Deshalb nenne ich den heutigen Alpinismus Pisten-Alpinismus. Das Skifahren ist im Grunde Pisten-Winterbergsteigen. Das richtige Bergsteigen ist genau das Gegenteil. Ich gehe mit meiner Erfahrung und mit möglichst wenig Ausrüstung so weit, wie ich mit meinem Können und meinem Mut gehen kann. Und nur so bin ich neugierig und mache Erfahrungen. Sonst bin ich im Grunde nur ein Konsument. Aber man kann Erlebnisse und Erfahrungen nicht kaufen. Die Produzenten dieser Pisten haben natürlich ein Interesse daran. Sie sagen, du kaufst Erlebnis. Die Reiseveranstalter werben mit dem Slogan: Jeder kann heute wie Hillary den Everest besteigen und es ist nicht mehr gefährlich. Ich sage aber, wenn man die Gefahren aus den Bergen herausnimmt, sind es keine Berge mehr, sondern Attrappen.
pure: Hat das auch mit nachhaltigem Erleben zu tun?
Messner: Ja, wenn ein Berg gefährlich ist und ich mit Mühe tausend Meter hinaufgestiegen bin, habe ich den Berg anders wahrgenommen, als wenn ich mit dem Lift hochgefahren wäre.
pure: Sie sind zwar Bergsteiger, aber fahren Sie auch mal Ski?
Messner: Ich gehe auch zum Skifahren, sogar Pisten-Skifahren. Warum nicht?
"Ich gehe auch zum Skifahren, sogar Pisten-Skifahren. Warum nicht?"
Ich trenne es aber vom Bergsteigen. Meine Kinder sollen auch Ski fahren. Aber in erster Linie bin ich jemand, der für sich sein will, irgendwo rausgeht. Es muss auch nicht schwierig sein. Ich gehe mit guten Freunden und mit meiner Familie wandern oder mit meinem Sohn klettern, auf eine Skitour, auch auf eine Hütte, um ein Glas Wein in Gesellschaft zu trinken.
pure: Sie leben es Ihren Kindern vor, aber wie können wir lernen, nachhaltiger mit der Bergwelt umzugehen?
Messner: Als ich 2002 als Parlamentarier in der EU war, habe ich ein Papier mit zehn Punkten erarbeitet, die besagen, wie wir generell mit den Bergen und den Alpen umgehen sollten. Dass wir sie im Idealfall ewig für den Tourismus nutzen können, wenn wir andererseits die Werte, die die Alpen ausmachen, nicht kaputtgehen lassen. Ich habe dabei die Aufteilung in unten und oben gemacht. Unten kann man auch Skilifte bauen. Früher hat man auch Kahlschlag in den Wäldern geduldet. Es hat hundert Jahre gedauert und die Bäume sind wieder nachgewachsen. Heute macht man Pisten. Das ist ein Eingriff. Aber solche haben wir immer machen müssen, um im Gebirge zu überleben. Aber dort, wo ich kein Holz, kein Heu, keine Mineralien holen kann, dort hat der Mensch die Berge in Ruhe gelassen. Wenn wir hoch oben Infrastrukturen bauen, findet der Mensch nicht das Erlebnis, das er sucht. Da verzehrt er, was er will, bevor er dort ist. Aber die Interessen sind groß, die Nachfrage auch. Das heißt: Wenn eine Nachfrage da ist, zum Beispiel eine Seilbahn aufs Matterhorn zu bauen, und wenn es einen Investor gibt, dann gibt es früher oder später eine Seilbahn aufs Matterhorn. Wenn nicht politische Entscheidungen dagegengestellt werden.
pure: Schreckliche Vorstellung. Wollen Sie immer noch über Berge
sprechen?
Messner: Ja, ich bin aber nicht mehr gewillt, gegen das alles zu protestieren. Protesthaltung bringt nichts. Ich zeige lieber an Beispielen, wie es besser geht. Ich habe drei Bauernhöfe in den Bergen, verzahne Tourismus und Landwirtschaft. Meine Höfe sind verpachtet, betreiben aber Landwirtschaft wie vor hundert Jahren. Extensiv, in Selbstversorgermodellen. Wir produzieren alles, was man zum Leben braucht, und veredeln diese Produkte – Fleisch, Gemüse, Obst, Wein, Getreide – auf den Höfen. Das Ergebnis wird auf dem Teller an die Gäste verkauft. Die Pächter können gut davon leben und es gibt keinen Transport unserer Güter. Dieses Modell funktioniert und ist multiplizierbar. Ich sage als Südtiroler meine Meinung. Wir haben 25 Millionen Nächtigungen jährlich in unserer Heimat: Warum sollen wir unsere Milch und unser Fleisch nach Süditalien verkaufen, um dann irgendwas von irgendwoher einzukaufen? Warum produzieren und veredeln wir nicht unsere Produkte und verkaufen sie an unsere Gäste? Das ist noch ein langer Weg, aber mit Visionen, Ausdauer und Geduld ist Nachhaltigkeit zu schaffen.
