Interview // Alessandro Mendini — „Eine Flasche Wein zu öffnen ist wie ein Ballett“
pure: Herr Mendini, Sie haben das italienische Design nicht nur als Gestalter, sondern auch mit Ihren theoretischen Arbeiten entscheidend beeinflusst. In einem kürzlich erschienenen Artikel schreiben Sie, dass wir in einer Welt voller Hässlichkeit leben. Eine reichlich harte Einschätzung ...
Mendini: Worauf ich hinauswollte ist das Übermaß, in dem wir heute leben. Wir produzieren so viel, dass es keine wirkliche Kontrolle der Qualität mehr gibt. Jahr für Jahr kommen Tausende und Abertausende Produkte auf den Markt, die niemand braucht. Wenn man sich fragt, wie viele Objekte man wirklich benötigt, dann sind es vielleicht fünfzehn. Wenn man zusammenzählt, was jeder von uns im Haushalt besitzt, sind es weit über eintausend Dinge. Die meisten von ihnen sind lediglich Gadgets. Natürlich haben wir Designer einen großen Anteil daran. Wenn wir zu stark an das Marketing oder allein an die Funktionalität denken, verlieren die Produkte ihre humanistische Seite. Das ist die große Schande unserer Zeit. Design hat für mich vor allem mit Menschlichkeit zu tun.
pure: Aber liegt der Grund für dieses Übermaß nicht in den Mechanismen des Marktes? Schließlich muss die Industrie verkaufen, um Gewinne zu machen.
Mendini: Ja, es ist ein Marketing-Problem. Und es hat zugenommen. Egal welches Produkt man heute nimmt: Es dauert kaum sechs Monate, bis davon wieder ein winziges Redesign auf den Markt kommt. Die Leute legen das Alte weg und wollen automatisch das Neue. Das Wort Gadget bezeichnet für mich die Kontinuität von Redesign. Es ist ein unaufhörlicher Prozess. Gadgets sind nicht nur antiökologisch, sie symbolisieren eine Produktion gegen die Vernunft. Die Welt wird auf diese Weise schwer, was dazu führt, dass die Menschen traurig und böse sind. Sie lachen nicht mehr. Wir Designer sollten stärker darauf achten, was wir tun. Auch ich habe viele Fehler gemacht.
pure: Was genau meinen Sie?
Mendini: Es sind Objekte, die dann entstehen, wenn ich an einem neuen Material interessiert bin und allein deswegen etwas mit ihm entwerfen möchte. Manchmal rechtfertigen weder das Material noch das Objekt selbst, warum ich es entworfen habe. Also wäre es besser gewesen, sie lieber nicht zu machen. (lacht) Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass es Experimente und Diskussionen gibt. Denn die Kreativität muss frei und ohne Kontrolle sein. Design ist auf diese Weise eine Tragikomödie. Es besitzt eine tragische und eine komische Seite zugleich.
pure: Als Gegenbewegung zum Funktionalismus der Moderne haben Sie von „Objekten mit Seele“ gesprochen. Was genau verstehen Sie denn darunter?
Mendini: Das italienische Design ist immer mit etwas leicht Romantischem verbunden.
"Das italienische Design ist immer mit etwas leicht Romantischem verbunden."
Unsere Mentalität ist sehr archaisch. Wenn ich an ein Objekt denke, versuche ich, ein Gefühl zwischen dem Gegenstand und den Menschen herzustellen. Etwas, das positiv und sympathisch ist und eine gute Energie ausstrahlt. Das ist für mich die Seele, die zugleich etwas Spirituelles besitzt. Denn ein Objekt zu gebrauchen, ist immer auch ein Ritual. Zum Beispiel kann man beim Teetrinken die Tasse mit beiden Händen so berühren, dass sie symmetrisch zueinander sind. Man kann die Tasse beim Trinken aber auch nur mit einer Hand halten. Wenn ein Gegenstand dazu führt, dass die Menschen darüber nachdenken, wie sie mit ihm umgehen, dann wird die Handlung zu einem Ritual.
pure: Also steht der Gebrauch eines Objektes im Mittelpunkt und weniger seine Form?
Mendini: Sie sind beide wichtig. Wenn ein Objekt eine sehr einfache Funktion erfüllt, kann man mit der Form beginnen. Wenn die Funktion dagegen sehr komplex ist wie bei einem Flugzeug, muss man bei der Funktion anfangen. Ich arbeite an Objekten, die nicht allzu kompliziert sind wie Küchengeräte oder Besteck. Daher kann ich mit der Form anfangen. (lacht)
pure: Einer Ihrer bekanntesten Entwürfe ist der Korkenzieher „Anna G
Anna G.
“, den Sie 1994 für Alessi entworfen haben. Er ist einerseits ein praktisches Werkzeug und andererseits eine humorvoll-kindliche Figur.
Anna G.
“, den Sie 1994 für Alessi entworfen haben. Er ist einerseits ein praktisches Werkzeug und andererseits eine humorvoll-kindliche Figur. Mendini: Ja, er besitzt zwei Seelen. Die eine ist funktionell, schließlich muss man ihn gut gebrauchen können und er soll auch nicht kaputtgehen. Die andere Seele hat etwas spielend Leichtes. Denn eine Flasche Wein zu öffnen ist wie ein Ballett oder eine dynamische Performance. Die Handlung gleicht der Szene in einem Theater – nur mit dem Unterschied, dass sie in der eigenen Küche stattfindet. Alle Räume im Haus sind für mich wie kleine Theater. Und die Menschen, die in dem Haus wohnen, sind die Schauspieler in diesem Stück – zusammen mit all den Objekten, die sie umgeben.
pure: Gibt es guten Geschmack?
Mendini: Also ich liebe Kitsch. (lacht) Aber man muss aufpassen. Wenn man an ein Objekt nur im ästhetischen Sinne denkt, ist es ein Fehler. Wenn man an ein Objekt mit einem anthropologischen Zugang denkt, kann man auch ein wenig Kitsch einbringen. Denn die Mentalität der Menschen liebt einen Kompromiss zwischen gutem und schlechtem Geschmack
"Die Mentalität der Menschen liebt einen Kompromiss zwischen gutem und schlechtem Geschmack."
. Es ist eine sehr subtile Alchimie.
pure: Wie würden Sie Kitsch definieren?
Mendini: Wenn man zum Beispiel in Paris ist, sich einen kleinen Eiffelturm als Souvenir kauft, ihn mit nach Hause bringt und aus ihm den Fuß einer Leuchte macht, dann ist das Kitsch. (lacht) Es gibt Regeln für Kitsch. Wenn man ein großes Objekt verkleinert oder die Funktion eines Gegenstandes vollkommen entfremdet. Kitsch ist vor allem eine soziologische Angelegenheit.
pure: Was passiert, wenn sämtliche Dinge im Haushalt auf diese Weise ein Eigenleben beginnen? Entsteht dann nicht zusammen ein ungeheurer Lärm?
Mendini: Oder ein Kampf. (lacht) Es stimmt, Kitsch kann in der Summe sehr gefährlich sein. Mit Minimalismus
Alessi Lu ...
bleibt alles in Ruhe. Aber mit drei Objekten, die stark sind in einem Zimmer, beginnt das Chaos. Von meinen Objekten kann man nur ein einziges im Haus haben und nicht mehrere. Ich muss also auch mit den kalten Dingen leben. (lacht) Es geht dabei jedoch nicht um ein Entweder-oder. Beide Seiten gehören zusammen.
Alessi Lu ...
bleibt alles in Ruhe. Aber mit drei Objekten, die stark sind in einem Zimmer, beginnt das Chaos. Von meinen Objekten kann man nur ein einziges im Haus haben und nicht mehrere. Ich muss also auch mit den kalten Dingen leben. (lacht) Es geht dabei jedoch nicht um ein Entweder-oder. Beide Seiten gehören zusammen.pure: Wie wohnen Sie eigentlich?
Mendini: Hier oben, über meinem Studio. Natürlich habe ich viele Arbeiten von mir. Aber ein Teil von ihnen ist immer auf Reisen für Ausstellungen. Manchmal kommen sie zurück und gehen dann wieder fort. Sie wechseln. Manchmal ist mein Haus leer. Manchmal
ist es voll. Alle drei Monate sieht es vollkommen anders aus.
ist es voll. Alle drei Monate sieht es vollkommen anders aus.pure: Einen betont persönlichen Zugang zum Design haben Sie bei der von Ihnen kuratierten Ausstellung „Die Dinge, die wir sind“ im Triennale Design Museum in Mailand gezeigt. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Mendini: „Die Dinge, die wir sind“ kann im Italienischen auch eine Frage sein. Welche Dinge sind wir also? Nachdem man mich letzten Sommer gebeten hatte, diese Ausstellung zu machen, bin ich in die Berge gefahren. Ich bin allein von meiner Erinnerung ausgegangen und nicht von Archiven oder Büchern. Es waren Erinnerungen an Menschen, die ich gekannt habe, oder an Orte, die ich besucht habe. Ich wollte keine Ausstellung, in der es nur institutionelle Objekte gibt wie Produkte von Olivetti. Natürlich wollte ich auch die großen Meister zeigen. Aber nicht mit ihren wichtigsten Objekten, sondern mit Kleinigkeiten. Den Kittel von Achille Castiglioni
Designer //
Achille Castiglioni:
Mehr
zum Beispiel, den er immer beim Arbeiten getragen hat, und nicht eine Leuchte von ihm. Von Ettore Sottsass gibt es ein Porträt zu sehen anstatt eines Stuhls. Ich habe alles miteinander gemischt. Die Ausstellung hat mehr mit Anthropologie zu tun als mit einem ästhetischen oder theoretischen Programm.
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Achille Castiglioni:
Mehr
zum Beispiel, den er immer beim Arbeiten getragen hat, und nicht eine Leuchte von ihm. Von Ettore Sottsass gibt es ein Porträt zu sehen anstatt eines Stuhls. Ich habe alles miteinander gemischt. Die Ausstellung hat mehr mit Anthropologie zu tun als mit einem ästhetischen oder theoretischen Programm.pure: Auffallend ist das Nebeneinander von Kunstobjekten, Designklassikern, historischen Objekten – von Ritterrüstungen bis hin zu trivialen Alltagsgegenständen. Vieles sind Dinge, die im Kontext eines Designmuseums sonst kaum gezeigt werden.
Mendini: Ja, zum Beispiel folkloristische Arbeiten wie diese wunderbaren Spielzeugfiguren aus Tirol. Ich glaube, man kann durch diese Ausstellung auch meine Arbeit gut verstehen. Für mich hat das Design mit einer sehr freien und eklektischen Herangehensweise zu tun, die zugleich sehr persönlich ist. Auch die Umsetzung meiner Projekte verläuft sehr individuell. An manchen Dingen arbeite ich mit den Händen, andere entstehen am Computer und wieder andere nur im Kopf. Design ist für mich eine Einstellung zum Leben: sehr, sehr offen. Ich habe keine Berührungsängste.
pure: Entwürfe wie Ihren Korkenzieher „Parrot“ haben Sie mit einem Muster aus farbigen, von Hand aufgetragenen Tupfern übersät, sodass sich industrielle Produktion und Handarbeit miteinander verbinden. Das Motiv der Tupfer stammt von Ihrem berühmten „Proust Chair“ aus dem Jahr 1978. Wie entstand die Idee zu diesem Entwurf?
Mendini: Ich wollte ein Produkt entwerfen, ohne zu zeichnen. Also habe ich an einen Sessel von Marcel Proust gedacht mit all seiner Mentalität: Barock! Und dann wusste ich, dass Proust ein Freund der Pointillisten war. Also habe ich ein Gemälde von Paul Signac genommen und aus beiden eine Mischung gemacht. Die farbigen Tupfer auf diesen Sessel aufzutragen, war, als würde man eine im- materielle Energie einbringen, etwas sehr Spirituelles. Mit Tupfern habe ich seitdem immer wieder gearbeitet, weil sie für mich in gewisser Weise eine Art zu denken sind. Vom Kleinen zum Großen und nicht umgekehrt. Wenn alle Menschen gut sind, ist die Welt gut. Nicht umgekehrt. Das ist zum Prinzip für meine Arbeit und mein Leben geworden.
pure: Der Proust-Sessel
entstand anfangs als Einzelstück und ist erst deutlich später von Cappellini in die Produktion genommen worden. Neben Ihren Arbeiten für die Serie haben limitierte Einzelstücke immer wieder eine große Rolle gespielt. Wie wichtig ist für Sie dieses Zusammenspiel aus Unikat und Massenproduktion?
entstand anfangs als Einzelstück und ist erst deutlich später von Cappellini in die Produktion genommen worden. Neben Ihren Arbeiten für die Serie haben limitierte Einzelstücke immer wieder eine große Rolle gespielt. Wie wichtig ist für Sie dieses Zusammenspiel aus Unikat und Massenproduktion?Mendini: Für mich gehören beide zusammen. In einer limitierten Serie zu arbeiten, hatte anfangs vor allem mit Walter Benjamin und seinen Überlegungen zur Reproduktion von Kunst zu tun. Denn auch in Zeiten der Massenproduktion dürfen wir das Unikat nicht verlieren. Ich habe daher kein Problem damit, wenn manche Arbeiten von mir lediglich Prototypen bleiben und die Serie nie erreichen. Sie sind Skulpturen, wenngleich sie manchmal den Anschein eines Gebrauchsobjektes haben. Parallel zu diesen Arbeiten entwerfe ich für die Industrie und muss präzise Regeln ein- halten: Kosten, Timing, Marketing und so weiter. Mein Leben ist also geteilt. Ich entwerfe Objekte, die sehr schnell gehen müssen wie eine Uhr für Swatch, und gleichzeitig arbeite ich an Skulpturen, die ohne jeglichen Zeitdruck entstehen. Ein Teil von mir geht sehr schnell und ein anderer Teil geht sehr langsam. (lacht)
pure: Welche Arbeit würden Sie als Ihre wichtigste beschreiben?
Mendini: Ich glaube das Kunstmuseum in Groningen. Denn es ist wie eine Mutter von allen meinen anderen Arbeiten. Ich habe nicht nur das Gebäude entworfen, sondern fast alle Objekte, die in ihm zu finden sind. Wenn Design, Kunst und Architektur auf diese Weise zusammenkommen, bildet auch das Eklektische eine Einheit.
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