Interview // Dr. Christian Rathke — „Erotik, Exotik und Exklusivität“
pure: Können Sie eigentlich noch unbefangen einen schönen Lederschuh betrachten – oder sortieren Sie als Ausstellungsmacher das gute Stück gleich in einen kulturellen wie sozialen Kontext ein?
Rathke: Gleich die Gegenfrage – kann jemand unbefangen eine hirschlederne Trachtenhose anziehen, um aufs Oktoberfest zu gehen? Ich denke nein. Denn wir alle verbinden mit Leder unwillkürlich unsere Vorstellungen von dem Tier, das seine Haut dafür opfern musste. Der Hirsch, als viriler Bewohner des Waldes, als Herrscher über ein Rudel von Hirschkühen und Kälbern, als Rivale im Revierkampf, weckt Assoziationen, die der Hosenträger nur zu gerne auf sich selbst beziehen würde – wenn sie ihm denn bewusst wären. Hinzu kommen Anklänge an das maskuline Image des Großwildjägers, vielleicht auch des Pächters, der ein ehemals exklusives Jagdrecht ausübte. Da greift man gerne schon mal tief in den Geldbeutel, um sich symbolisch Lebensträume zu erfüllen. Gleiches gilt, mutatis mutandis, für Schuhe: Sind sie aus robustem Rindsleder gefertigt, taucht im Hinterkopf das Bild des mächtigen Stiers oder des geduldigen Ochsen als Lieferant des Werkstoffes auf. Sind sie etwa aus Krokodilshaut, denken Käuferinnen, Trägerinnen und Betrachter an tropische Welten, gefahrvolle Expeditionen oder zumindest an einen Urlaub im Süden.
pure: Denken Sie auch in „gutem“ Leder? Was macht den Werkstoff für Sie persönlich wertvoll? Hat er in unserer Gesellschaft noch einen Wert angesichts von Billig-Schuhketten in unseren Innenstädten?
Rathke: Was heißt „gut“ in Bezug auf unseren ältesten Flächenwerkstoff? Für einen nordamerikanischen Ureinwohner waren vor 200 Jahren Leder gut, die er von selbst erbeuteten Tieren abziehen konnte, die seine Squaw mit Fett und Hirnmasse haltbar und im Rauch des Lagerfeuers wasserfest machte, dann zuschnitt, mit Sehne vernähte, bestickte und ihm als Gewand für Festtage übergab. Für seinen Gegenspieler, den Cowboy, war schon damals ein Leder gut, das vom robusten Schlachttier, etwa einem Rind, stammte, in einem pflanzlichen Gerbsud monatelang konserviert wurde und einen dauerhaften und trotzdem bequemen Sattel ergab. Für hochwertige Bucheinbände und Kassetten wählte man gerne Ziegenoder Schafsleder, für weiche Handschuhe die Alaungerbung. Heute gerben wir fast ausschließlich mit Chrom, da besteht leicht die Gefahr, dass das Leder Allergien oder andere Schädigungen verursacht. Also „nicht gut“. Das gespaltene und mit einer künstlichen Oberfläche versehene Leder entspricht nicht dem grundsätzlich Naturnahen und hat nicht den sinnlichen Charakter der gegerbten Haut, daher „nicht gut“. Es ist der falsche Umgang mit dem Material, der seinen guten Ruf verderben kann.
pure: Eigentlich ein Nebenthema, aber ich will es wissen. Eines Ihrer prominenten Ausstellungsstücke ist ein Turnschuhpaar
. Joschka Fischer hat diese Schuhe bei seiner Vereidigung im Hessischen Landtag getragen. Wie sind Sie an das Pärchen gekommen? Haben Sie es Joschka von den Füßen reißen müssen? Vermisst er seine legendären Zeichen der Rebellion?
. Joschka Fischer hat diese Schuhe bei seiner Vereidigung im Hessischen Landtag getragen. Wie sind Sie an das Pärchen gekommen? Haben Sie es Joschka von den Füßen reißen müssen? Vermisst er seine legendären Zeichen der Rebellion?Rathke: Das DLM Ledermuseum/ Schuhmuseum Offenbach setzte eine Sammlungspolitik fort, die seit den Anfängen vor fast hundert Jahren verfolgt worden war: Schuhe und persönliche Gegenstände von prominenten Persönlichkeiten zu sammeln, etwa von Kaiserin Sisi, vom französischen Kaiser Napoleon, von Goethe oder Friedrich dem II. von Preußen. Natürlich spielten dabei Rücksichten auf die Emotionen unseres Publikums mit, ähnlich wie sie im sakralen Bereich heute oftmals noch Reliquien auslösen. Im Falle von Fischer war natürlich der Bezug zum Land Hessen von Bedeutung und in gewisser Weise auch eine Art Aussage erkennbar: Der grüne Jungpolitiker lässt sich von den alten Säcken keine Kleidervorschriften machen. Nein, wir haben bei Minister Fischer im Vorzimmer angefragt und die originalen Sportschuhe als Leihgabe erhalten.
pure: Unser Umgang mit dem Werkstoff Leder durch die Jahrtausende – wie kann sich ein Kontext so sehr ändern? Wie kann eine Lederjacke einmal eine faschistische Uniform sein, ein andres Mal als Bikerjacke das Zeichen einer rebellischen Jugendbewegung?
Rathke: Denken Sie wieder an die hirschlederne Trachtenhose
: Der Kontext des Materials, hier „Bulle“ oder „Stier“, passt assoziativ genauso zum brutalen Schergen wie zum gewaltbereiten Rocker. Und wer sich wie der junge Bert Brecht seiner maskulinen Ausstrahlung nicht hundertprozentig sicher ist, zieht sich für ein Porträtfoto lieber einen Ledermantel an.
: Der Kontext des Materials, hier „Bulle“ oder „Stier“, passt assoziativ genauso zum brutalen Schergen wie zum gewaltbereiten Rocker. Und wer sich wie der junge Bert Brecht seiner maskulinen Ausstrahlung nicht hundertprozentig sicher ist, zieht sich für ein Porträtfoto lieber einen Ledermantel an.pure: Sie haben in einer Ausstellung den „verborgenen Codes der Lederbekleidung im 20. Jahrhundert“ nachgespürt. Wie viel von diesen Codes ist heute bewusste Sprache? Wie viel schlicht die Freude an schönem Leder?
Rathke: Fragen wir einmal andersherum: Wenn sich die Gattin des französischen Präsidenten in ihren wilden Jahren als Sängerin in schwarzen Stiefeln ablichten lässt, wiegt da eher der sinnliche Reiz schönen Leders als ein Signal oder der Umstand, dass die Overknees die einzige Bekleidung des Modells darstellen? Im Ernst: Alle äußeren Merkmale können den Charakter eines Signals, eines mehr oder weniger bewusst gesetzten Hinweises sein. Beim Leder sind dies sehr oft Erotik, Exotik und Exklusivität. Wer wäre so ungeschickt, einen sündhaft teuren Chronometer mit Plastikarmband am Handgelenk zu befestigen oder ein Juwelencollier in einer Pappschachtel zu verschenken?
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