Interview // Zaha Hadid — „Es gibt keine einfachen Formeln mehr“
pure: Mit dem MAXXI ist in Rom gerade das von Ihnen entworfene Museum für die Kunst des 21. Jahrhunderts offiziell eröffnet worden. Den internationalen Wettbewerb dazu konnten Sie ja bereits 1998 für sich entscheiden. Mit welchem Gefühl schauen Sie auf dieses Projekt zurück?
Hadid: Wir können uns noch immer sehr genau an die Kurven und Details dieses Bauwerks erinnern, über die wir damals bis oft in die Nächte hinein diskutiert haben. Dieses Gebäude war für uns ein neuer Schritt. Einerseits größenmäßig, denn zuvor haben wir nur in deutlich kleinerem Maßstab gebaut, andererseits aber auch von seiner gesamten Struktur. Es ist nämlich weniger ein einzelnes Objekt als vielmehr eine Art Feld, auf dem sich unterschiedliche Programme gegenseitig überlagern und eine dichte Textur aus Innen- und Außenräumen erzeugen. Den Bau nun endlich in Funktion zu sehen, hat uns natürlich sehr erleichtert.
pure: Vor allem die Materialität von Beton macht den Charakter dieses Bauwerks aus. Was bedeutet dieses Material für Sie: konstruktive Notwendigkeit oder Freiheit in der Form?
Hadid: Wir mögen Beton, weil er ein fluides und kontinuierliches Material ist. Der Computer hat zwar die Komplexität unserer Formensprache erhöht, doch ohne Beton wäre sie nur schwer umsetzbar. Beim Bau des MAXXI haben wir extreme Spannweiten und Auskragungen realisiert. Die Betontechnologie erlaubt uns heute, bis zu zwölf Meter hohe und bis zu 50 Meter lange Wände in einem Stück zu gießen, und das mit einer beeindruckend hohen Oberflächenqualität. Wir sind bei unserer Arbeit sehr eng mit der Betonindustrie vernetzt und immer auf dem aktuellen, technischen Stand.
pure: Die Eigenschaften von Beton können über Zusätze stark verändert werden. Mit welchen Arten von Beton arbeiten Sie?
Hadid: Für das MAXXI haben wir einen speziellen Beton verwendet, der direkt vor Ort hergestellt wird. Dieser „selbstverdichtende Beton“ (SCC) unterscheidet sich von konventionellem Beton durch Zusätze, die seine Viskosität erhöhen und seine Masse sehr gleichmäßig verteilen. Das hat den Vorteil, dass er auch an Stellen, die der Verstärkung dienen, gegossen werden kann, ohne dass er geschüttelt werden muss, um die Luftblasen herauszubekommen. Er erhält dadurch eine sehr feine Oberflächenbeschaffenheit, die ihn ideal macht für komplexe Formen mit hohen strukturellen Anforderungen. Auch beim Phaeno Center
in Wolfsburg, dem bisher größten aus Beton konstruierten Gebäude Europas, haben wir mit SCC gearbeitet. Beide Gebäude wären mit konventionellem Beton nicht realisierbar gewesen. Ein anderes Material, das wir derzeit häufig verwenden, ist fiberglasverstärkter Beton (GRC). Auch er kann praktisch in jede Form gebracht werden, je nachdem, wie seine Gussform beschaffen ist. Gleichzeitig hält er aber auch hohen Zugbelastungen stand. Er vereint extreme Festigkeit und Formbarkeit auf einer Materialebene.
in Wolfsburg, dem bisher größten aus Beton konstruierten Gebäude Europas, haben wir mit SCC gearbeitet. Beide Gebäude wären mit konventionellem Beton nicht realisierbar gewesen. Ein anderes Material, das wir derzeit häufig verwenden, ist fiberglasverstärkter Beton (GRC). Auch er kann praktisch in jede Form gebracht werden, je nachdem, wie seine Gussform beschaffen ist. Gleichzeitig hält er aber auch hohen Zugbelastungen stand. Er vereint extreme Festigkeit und Formbarkeit auf einer Materialebene.pure: Bei welchem Projekt haben Sie diesen Beton eingesetzt?
Hadid: Bei unserem Kulturzentrum in Baku zum Beispiel. Wir haben hierfür einen speziellen Extrusionsprozess angewendet, bei dem mehrere Ebenen aus Fiberglas in eine Matrix aus Beton eingebettet wurden. Auf der Ober- und der Unterseite sind die Fasern lose verstreut, während sie auf ihrer mittleren Ebene in Bündeln angeordnet sind, die die erwünschte architektonische Form annehmen. Der Vorteil dieses Betons liegt darin, dass man auf eine Verstärkung durch Stahl verzichten kann, sodass extrem dünne Bauteile hergestellt werden können. Das gab uns die Möglichkeit, Platten von nur acht Millimetern Stärke einzusetzen, die sehr leicht sind und dennoch eine hohe Zugfestigkeit besitzen.
Hadid: Absolut, dabei wird sein Potenzial oft unterschätzt. Viele Architekten benutzen hoch entwickelte Belüftungssysteme, um die Ökobilanz eines Gebäudes zu verbessern, was auch richtig ist. Doch es ist ebenso wichtig, neue Materialien und Verarbeitungsmethoden für die Konstruktion einzusetzen. Indem wir einen Beton auf der Basis recycelter Rohstoffe aus Kohlekraftwerken und der Stahlindustrie verwendet und den Transport von der Straße auf die Schiene verlagert haben, konnten wir die CO2-Emissionen beim Bau des Schwimmstadions für die Olympiade 2012 in London gegenüber durchschnittlichen Bauten in Großbritannien um 40 Prozent senken. Beton bekommt insofern eine wichtige Stellung, auch in Bezug auf Nachhaltigkeit.
pure: Während Sie beim Entwurf des MAXXI
den Weg zu einer organischen Formensprache eingeschlagen haben, zeigen sich Ihre frühen Entwürfe stark von der Malkunst russischer Konstruktivisten beeinflusst. Was hat Sie an dieser Kunstrichtung fasziniert?
den Weg zu einer organischen Formensprache eingeschlagen haben, zeigen sich Ihre frühen Entwürfe stark von der Malkunst russischer Konstruktivisten beeinflusst. Was hat Sie an dieser Kunstrichtung fasziniert? Hadid: Ich fand das Tempo, die Qualität, aber auch die Quantität der kreativen Arbeit in der Zeit nach der Oktoberrevolution schon immer erstaunlich. Als ich in den Siebzigerjahren anfing, Architektur zu studieren, haben mich Künstler wie Kasimir Malewitsch oder El Lissitzky stark beeinflusst. Das hat unter anderem dazu geführt, dass ich begonnen habe, Malerei als ein Werkzeug für die Architektur zu gebrauchen. Ich fühlte mich beengt durch die Armut, die das klassische System der Architekturzeichnungen mit sich bringt, und suchte nach anderen Darstellungsmitteln. Durch die Malerei habe ich schließlich eine Methode gefunden, über Räume anders nachzudenken. Vielleicht würde ich heute ganz anders bauen, wenn ich nicht diesen Weg genommen hätte.
pure: Sie haben einmal gesagt, dass Sie bereits im Alter von elf Jahren wussten: Ich will Architektin werden. Was hat damals den Ausschlag gegeben? Sie haben zu dieser Zeit ja noch bei ihren Eltern in Bagdad gewohnt.
Hadid: In vielen Staaten des Mittleren Ostens wie auch in Südamerika herrschte damals eine Zeit, in der es um die Suche nach Identität ging. Dabei drehte es sich auch um Zivilisation, neue Politik, neue Staaten und auch um neue Gebäude. Wir hatten zuhause immer Zeitschriften wie „Time“ oder „Life“ und ich erinnere mich noch gut an die Bilder. Eines Tages bin ich mit meinen Eltern, die sich auch für das Thema interessierten, auf eine Architekturausstellung gegangen. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber es muss etwas mit Frank Lloyd Wright zu tun gehabt haben, der im Opernhaus von Bagdad in einer Ausstellung vertreten war. Es hat mich jedenfalls neugierig gemacht.
pure: Wie kamen Sie dann nach London? Sie haben später dort studiert und unterhalten auch heute ein Büro an der Themse.
Hadid: Mein Bruder ging in London zur Schule und mein Vater war geschäftlich öfters dort. Über einen Freund hörte ich dann, dass die Architectural Association ein Ort sei, an dem man besonders gut Architektur studieren könne. Das hatte sich bis in den Irak herumgesprochen. Außerdem war London in den Siebzigerjahren eine großartige Stadt, all die Beats und so weiter. Meine Eltern ließen mir in dieser Beziehung viel Freiheit. Schon im Irak konnte ich alle Filme ansehen und alle Platten hören, die ich wollte. Als ich dann für ein Jahr aufs Internat nach England kam, wusste ich, dass ich dort auch studieren wollte. Allerdings war die Achitectural Association damals ein reichlich merkwürdiger Ort. Es ging in erster Linie um alternatives Wohnen und Leben. Vor allem in meinem zweiten Jahr hatte ich eine, nun ja, mitunter recht fürchterliche Zeit wegen einiger meiner Lehrer. Manchmal haben sie mich in einen Raum eingesperrt – nur um mir zu sagen, dass ich es hier nicht schaffen würde. Ich meine, ich habe mein Land verlassen, bin nach England gezogen, habe eine englische Schule besucht... aber sei‘s drum. In Amerika hätte man sie dafür wahrscheinlich ins Gefängnis gesteckt. (lacht) Im Grunde verhielten sie sich so, weil sie dachten, ich sei verrückt oder reich – nur weil ich saubere Sachen anhatte. Denn damals war es quasi Pflicht, einen neuen Mantel erst einmal auf dem Bedford Square, gleich vor dem Uni-Gebäude, durch den Dreck zu ziehen. Es gab eine gewisse Voreingenommenheit gegenüber Ausländern und man musste in einem besetzten Haus leben oder zumindest schmuddelige Sachen tragen. Das hat mich unglaublich ermüdet. Aber alles in allem war es auch eine gute Zeit, weil ich genug Gelegenheit hatte, meinen eigenen Weg zu finden.
pure: Sind Sie immer noch glücklich, in London zu sein?
Hadid: Sicher, London ist eine überaus zivilisierte Stadt. Mit Ausnahme des Wetters. Natürlich ist es mit unserer Art von Architektur nicht einfach, dort zu bauen – unser Entwurf für das Schwimmstadion der Sommerolympiade 2012
lag zwischenzeitlich mehrere Jahre auf Eis, wenngleich es nun doch recht schnell vorangeht. Der entscheidende Punkt aber ist, dass es in London unglaublich kreative Ingenieure gibt.
lag zwischenzeitlich mehrere Jahre auf Eis, wenngleich es nun doch recht schnell vorangeht. Der entscheidende Punkt aber ist, dass es in London unglaublich kreative Ingenieure gibt.pure: Ihre Architektur wird häufig mit den Begriffen „fließend“ und „dynamisch“ beschrieben. Was ist der Grund für die Abkehr vom rechten Winkel?
Hadid: Ich denke, dass die Komplexität und Dynamik des heutigen Lebens nicht mehr hineinpassen in die einfachen platonischen Gitter des industriellen Zeitalters. Heute, im digitalen 21. Jahrhundert, ist das Leben der Menschen viel flexibler und globalisierter geworden. Es gibt keine einfachen Formeln mehr. Unsere Arbeit ist auf den Versuch ausgerichtet, eine neue architektonische Sprache zu entwickeln, die das gestiegene Level sozialer Komplexität zu organisieren und auszudrücken vermag. Das reicht von der Planung ganzer Stadtviertel über einzelne Gebäude bis hin zu Einrichtungsgegenständen. Entscheidend ist dabei immer, wie sich die Menschen in einem Gebäude bewegen und es für sich nutzen. Unser Hauptanliegen hat nicht nur mit Ausdruck, sondern vor allem mit Organisation zu tun. Häufig entstehen in der Architektur Probleme, weil es an einer Mischung unterschiedlicher Funktionen mangelt. Mit einer fließenden, dynamischen Architektur versuchen wir, diese Funktionen zu verbinden und Übergänge herzustellen zwischen privatem und öffentlichem Raum.
pure: Welche Rolle spielt dabei ein Aspekt wie Schönheit?
Hadid: Kant hat ja einmal gesagt, Schönheit sei universell. Sie besitzt also nicht nur einen subjektiven Faktor seitens des Betrachters, sondern muss auch eine formale Komponente beinhalten. Für mich geht es in der Architektur vor allem darum, angenehme und stimulierende Räume für alle Aspekte des sozialen Lebens zu schaffen.
"Für mich geht es in der Architektur vor allem darum, angenehme und stimulierende Räume für alle Aspekte des sozialen Lebens zu schaffen."
Ich denke, man muss den Menschen durch Architektur einen flüchtigen Blick in eine andere Welt geben, sie mit neuen Ideen begeistern und erregen.
pure: Für temporäre Gebäude wie den 2009 eröffneten Burnham-Pavillon im Chicagoer Millennium-Park haben Sie eine leichte Metall-Struktur geschaffen, die mit einer Membran aus Textil überzogen wurde. Werden leichte Materialien in Zukunft noch eine größere Rolle bei Ihren Bauten spielen?
Hadid: Sicher, wir sind immer auf der Suche nach neuen Konstruktionsmethoden. Auch in der Architektur werden Materialien zum Einsatz kommen, die sich beliebig verbiegen, dehnen, krümmen oder verdrehen lassen, gleichzeitig transparent oder opak sein können, über eine selbsttragende Struktur verfügen oder jede mögliche Farbe oder Oberflächenqualität annehmen. Das Interessante ist – und das erfahren wir schon jetzt in unseren Gesprächen mit den Herstellern –, dass diese unterschiedlichen Eigenschaften auf einer einzigen Materialebene verbunden sein werden. Ein wenig wie beim Fiberglas-Beton, den wir jetzt schon verwenden. Ich denke, dass die Architektur durch diese Materialien neue Impulse erhalten wird. Der Aspekt des Fluiden in unserer Arbeit wird dann nicht mehr als Sonderfall gelten, sondern sich auf die Architektur insgesamt übertragen. Das macht mich sehr neugierig auf die kommenden Jahre.
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