Interview // Mario Bellini — „Ich vermeide einen wiedererkennbaren Stil“

Der Designer

Mario Bellini

Eigentlich wollte er Architekt werden. Als bislang einziger Gestalter gewann Mario Bellini den italienischen Design-Oscar Compasso d'Oro bereits acht mal. Ans Aufhören denkt der heute 75-Jährige nicht. Jetzt tut er endlich das, was er schon immer vorhatte: nachhaltige Gebäude bauen.

Interview // Mario Bellini „Ich vermeide einen wiedererkennbaren Stil“
von Norman Kietzmann

Mario Bellini über klapprige Fahrräder, goldene Zirkel und die Macht des Zufalls.

 

pure: Herr Bellini, Ihre Biografie zeigt einen gravierenden Schnitt: In den ersten 30 Jahren Ihres Schaffens haben Sie sich ausschließlich dem Design gewidmet, um sich dann – als 52-Jähriger – plötzlich doch noch der Architektur zuzuwenden. Wie kam es zu diesem späten Entschluss?
 
Bellini: Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ich eher aus Zufall Designer wurde. Nach meinem Architekturstudium heiratete ich und brauchte dringend einen Job. Eine Stelle als Architekt zu finden, war seinerzeit aber nicht einfach. Als ich hörte, dass die Kaufhauskette La Rinacente einen Designer für Möbel, Einrichtungsgegenstände und Verpackungen suchte, bewarb ich mich und bekam den Posten. Erst hinterher begriff ich im ganzen Ausmaß, was da jetzt auf mich zukam. Ich hatte schließlich noch nie zuvor eine Leuchte oder einen Tisch entworfen, sondern kam gerade erst von der Architekturschule – wo man uns ja nicht einmal beigebracht hatte, wie man Gebäude entwirft. (lacht)
 
pure: Ihr Tisch „1962“, den Sie während Ihrer Zeit bei La Rinacente entwarfen, wurde aber als erstes Möbelstück mit dem italienischen Design- Oscar Compasso d‘Oro (Goldener Zirkel) ausgezeichnet. Und bis heute sind Sie der einzige Gestalter, der diese Trophäe gleich acht Mal verliehen bekam. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
 
Bellini: Ich weiß auch nicht, aber als ich zu Olivetti ging und dort meine erste Maschine entwarf, erhielt ich dafür 1964 gleich den zweiten Compasso d‘Oro. Und das, obwohl ich keinen blassen Schimmer hatte von Maschinendesign. Doch vielleicht hat mir diese Naivität sogar genutzt. Jedenfalls lief es mit dem Designen zu dieser Zeit derart erfolgreich für mich, dass es dumm gewesen wäre, das vorschnell aufzugeben. Also musste die Architektur noch ein wenig warten ...
 
pure: ... bis in die späten Achtzigerjahren. Da haben Sie dann Ihren Posten bei Olivetti aufgegeben und damit begonnen, Ihre ersten Gebäude zu entwerfen. Warum diese fast völlige Abkehr vom Design?
 
Bellini: Weil ich mich langsam ein wenig unwohl fühlte: Was mache ich hier zwischen all den Produktmanagern und Marketingstrategen? Das Design hatte sich sehr gewandelt, wurde immer stärker von Faktoren bestimmt, auf die wir als Gestalter kaum noch Einfluss hatten. In dieser Phase fragte mich das MoMA in New York, ob ich ihnen eine Auswahl meiner Arbeiten schicken könnte für eine Einzelausstellung. Als die dann 1987 eröffnet wurde, habe ich das als Wendepunkt in meinem Leben betrachtet. Ich war damals 52 Jahre alt und hatte diese unglaubliche Ausstellung. Mir war klar, dass ich im Bereich Design nicht mehr viel erreichen konnte. Ein wichtiger erster Teil meines Lebens war damit abgeschlossen. Die Herausforderung lag von nun an in der Architektur.
 
pure: In den folgenden Jahren haben Sie unter anderem das Messegelände in Mailand, ein Kongresszentrum neben der Villa Erba am Comer See und das Design Zentrum in Tokio geplant. Aktuell sind Sie mit der Erweiterung des Pariser Louvre beschäftigt für die zukünftige Sammlung islamischer Kunst. Worin liegt der Unterschied zwischen dem Entwerfen eines Gebäudes und dem Entwerfen eines Produktes?
 
Bellini: Es reicht nicht, dieselbe Formensprache beizubehalten und ein Produkt zu vergrößern oder umgekehrt ein Gebäude auf die Größe eines Stuhles zusammenzuschrumpfen. Auf so etwas zu sitzen, wäre fürchterlich. Ich möchte bei jedem Projekt von vorne anfangen und vermeide einen wiedererkennbaren Stil. Natürlich gibt es eine gewisse Kontinuität, die allerdings eher hinter der Oberfläche liegt und eine Neugierde für technische und konstruktive Aspekte mit einschließt. Meine Gebäude sind etwas vollkommen anderes als meine Produkte. Sie sind wie zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten von mir, die ich allerdings gut kontrollieren kann.
 
pure: Wie würden Sie Ihren Arbeitsprozess beschreiben?
 
Bellini: Ich denke, meine Arbeit ist vergleichbar mit einem darwinistischen Prozess. Ich beginne nicht mit einer präzisen Idee, die ich dann umzusetzen versuche, sondern gehe sehr offen mit einem Briefing um. Der „Cup-Chair“, den ich 1977 für Cassina entworfen habe, ist ein gutes Beispiel. Anfangs sollte er ein absoluter Hightech- Stuhl mit einem Rahmen aus Kunststoff und einer gespannten Netzstruktur werden. Heute ist das kein Problem, doch Mitte der Siebzigerjahre war die Technologie noch nicht reif dafür. Nach zwei, drei Monaten vergeblicher Versuche habe ich gesagt: Okay, wir müssen etwas anderes finden. Also zeichnete ich einen ganz einfachen Stuhl, den wir dann aus Stahlrohren nachgebaut haben. Als ich das erste Modell sah, musste ich sofort an mein altes Fahrrad denken. Das hatte noch einen von diesen altmodischen Sätteln mit Metallfedern und einer Abdeckung aus robustem Leder. So entstand die Idee, die Metallstruktur mit Leder zu ummanteln. Im Briefing war von Leder überhaupt keine Rede gewesen.
 
pure: Ihr Entwurf war seinerzeit der erste komplett mit Leder überzogene Stuhl. In den folgenden Jahren nahm dann fast jeder große Hersteller einen Lederstuhl ins Programm. Hat Sie das nicht geärgert?
 
Bellini: Nein, ganz im Gegenteil: Dass all die anderen später nachgezogen haben, hat mich eher stolz gemacht. Denn es zeigt ja, dass wir wirklich etwas Interessantes entwickelt haben. Auf der anderen Seite wäre so etwas nicht möglich gewesen ohne die Freiheit, die man mir ließ. Als ich mit dem Entwurf fertig war, rief ich Herrn Cassina an und zeigte ihm das Produkt. Sein Vertrauen hat sich ausgezahlt: In den vergangenen 33 Jahren haben sie über 500.000 Stühle verkauft. (lacht)