Interview // Dr. Karl Borromäus Murr — „Stoffliches Widerlager zu einer entfremdeten Welt“

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Armer Stoff, reiche Gefühlslage
Wer Filz sagt, beschwört eine lange Assoziationskette herauf. Kaum ein anderes Material ist von mehr Gefühlslagen belastet – und getragen. Der Stoff hat 10.000 Jahre auf dem Rücken und wandelt sich ständig in Formen, Farben, Wohlfühlwerten – ja wird sogar zum Hightech-Werkstoff.
Interview // Dr. Karl Borromäus Murr „Stoffliches Widerlager zu einer entfremdeten Welt“
von Andreas Günther

Der Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg über grenzwertige Filzkunst, die diffuse Entstehungsgeschichte und Hightech-Filz im Weltraum.

Dr. Karl Borromäus Murr studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in München, Oxford und Harvard. Nach Tätigkeiten an den Universitäten Eichstätt-Ingolstadt und München ist er seit 2009 Leiter des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg. Das „tim“ residiert in der umgebauten Augsburger Kammgarnspinnerei. Für eine Gesamtinvestition von 21 Millionen Euro entstand eine 2.500 Quadratmeter große Dauerausstellung, weitere 1.000 Quadratmeter werden für Sonderveranstaltungen genutzt.

 

pure: Die Geschichten über die Herkunft des Materials gehen bereits ins Biblische. Aus Ihrem aktuellen, wissenschaftlichen Stand: Wie ist der Filz wirklich zu uns gekommen? Reden wir tatsächlich vom ältesten Textil der Menschheitsgeschichte?
 
Dr. Murr: Hier begeben wir uns in mehrfacher Hinsicht auf das Feld von Spekulationen. Als gesichert gelten archäologische Filz- Funde, die bis in die Jungsteinzeit zurückreichen. Somit gehört das Filzen zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Die Herausforderung für die Wissenschaft liegt darin, dass das Ausgangsmaterial des Filzes – wie etwa Tierhaare – sich schlichtweg nach gewisser Zeit biologisch abbaut. Von daher sind wir auf Überlieferungszufälligkeiten angewiesen.
 
pure: Nochmals nachgehakt und historisch betrachtet – erleben wir seit einigen Jahrzehnten eine Wiederentdeckung des Filzes? Oder war Filz nie wirklich aus der Mode und von den Märkten verschwunden?
 
Dr. Murr: In manchen Zusammenhängen hat sich Filz als Kleidungsbestandteil über Jahrhunderte gehalten – so etwa in verschiedenen Trachten, auch wenn diese im 19. Jahrhundert vielfach erst wiederentdeckt und gefördert worden sind. Der Siegeszug der Baumwollstoffe, wie er seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts von England ausging, verdrängte den Filz jedoch sehr stark, sodass er erst in späteren Zeiten wieder neu entdeckt wurde. Die Renaissance von Filz in den letzten Jahrzehnten geht einher mit dem gewachsenen Umweltbewusstsein, das uns für Naturprodukte sehr stark sensibilisiert hat. Dazu kommt die Würdigung alter Handwerkstechniken, die dem Filz im Vergleich zu einem Kunststoff einen besonderen Wert verleihen.
 
pure: Warum zieht uns Filz, fast im Wortsinn, noch heute so an? Geht eine archaische Botschaft von diesem Stoff aus?
 
Dr. Murr: In einer zunehmend virtualisierten Welt erscheint der warme Filz dem Menschen geradezu wie ein stoffliches Widerlager zu einer entfremdeten Welt. Die Vorstellung, ein Textil zu tragen, mit dem schon vor Tausenden von Jahren Nomadenvölker umgegangen sind, vermittelt eine gleichsam historische Sicherheit, ein Wohlgefühl, das man archaisch nennen kann. An dem von seiner Machart her eigentlich chaotischen Filz zerschellen – möchte man sagen – Bits und Bites, die nach einem mathematisch präzisen binären Code arbeiten.
 
pure: Wer in der Kunstwelt Filz sagt und denkt, kommt unweigerlich auf Joseph Beuys zu sprechen. Können Sie seine Assoziationsketten zum Material nachvollziehen?
 
Dr. Murr: Wenn man an die berühmte Geschichte von Beuys' Flugzeugabsturz denkt, wo ihn Tartaren wieder mit wärmenden Filzdecken und Fett gesundgepflegt haben sollen, fällt es mir persönlich nicht so schwer, dem Filz eine archaische Bedeutung der Heilung, des Wärmens, des Schutzes zuzumessen.
 
pure: Nachgehakt – ist der „Filzanzug“ von Beuys das Relikt einer vielleicht sogar veralteten Kunstauffassung? Oder geht noch immer ein Zauber von den Beuys'schen Filz-Installationen aus? Für die Menschen, für Sie persönlich?
 
Dr. Murr: Mich persönlich berühren manche Beuys-Installationen noch heute sehr, weil wahrscheinlich jeder am eigenen Leibe schon die wohltuende Wärme von Filz- oder Wolldecken erlebt hat. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sich Kunstmetaphern verbrauchen. Jeder Künstler steht vor der Herausforderung, neue Metaphern zu finden, neue Sprachen zu formulieren.
 
pure: Bewusst provokant und zugespitzt: Verglichen mit den Meisterwerken eines Joseph Beuys ähnelt doch der heutige künstlerische Umgang mit dem Material eher einer kunsthandwerklich-befindlichen Sensibilitätshuberei. Korrigieren Sie mich, beschimpfen Sie mich vielleicht sogar ...
 
Dr. Murr: Ästhetisch betrachtet, ist in der Tat vieles, was sich heute als Filzkunst darbietet, sehr grenzwertig. Ähnlich wie bei der Quilt- oder Patchwork-Kunst. Gerade der handwerkliche Aspekt lockt viele Laien auf das Feld der Kunst, das sie schlichtweg nicht beherrschen. Umgekehrt kämpfen viele seriöse Textilkünstler mit dem Topflappen-Image, das ihrem Tun aufgrund der Konjunktur des häuslichen Kunsthandwerks anhaftet.
 
pure: Die finanzielle Seite – hat Filz heutzutage noch eine Marktmacht oder ist er ein Relikt innerhalb der Textilbranche?
 
pure: Die finanzielle Seite – hat Filz heutzutage noch eine Marktmacht oder ist er ein Relikt innerhalb der Textilbranche?
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