Interview // Richard Sapper — "Eine schöne Form wird nie altmodisch"

Der Designer

Richard Sapper

Richard Sapper zählt zu den wichtigsten Gestaltern des 20. Jahrhunderts. Geboren 1932 in München zog er in den 1950ern nach Mailand um, wo er mit Gio Ponti, Marco Zanuso und Alberto Roselli zusammenarbeitete.

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Interview // Richard Sapper "Eine schöne Form wird nie altmodisch"
von Norman Kietzmann

Ein Deutscher machte in Mailand ganz groß Karriere: Designlegende Richard Sapper über rollende Juwelen, lebendige Maschinen und den fehlenden Mut zu Innovationen.

Richard Sapper zählt zu den wichtigsten Gestaltern des 20. Jahrhunderts. Was seine Entwürfe verbindet, ist das Zusammenspiel aus präzisen, einprägsamen Formen und technischer Innovation.

 

pure: Herr Sapper, Sie zählen zu den bekanntesten und einflussreichsten Designern der Gegenwart. Allein das MoMA in New York hat 14 ihrer Entwürfe in seine ständige Sammlung aufgenommen und den begehrten italienischen Designpreis „Compasso d‘Oro“ konnten Sie gleich sechs Mal für sich entscheiden. Was macht gutes Design für Sie aus? 
Sapper: Im Design geht es um das, was man sieht, hört oder fühlt. Es ist immer die äußere Ausprägung. Im Falle eines Industrieprodukts muss sie einen Sinn erfüllen. Denn was lohnt ein Produkt, das schön ist, aber nicht funktioniert? Auch der Kaufpreis spielt dabei eine Rolle. Wenn etwas zu teuer wird, hat es auch keinen Sinn mehr. Alle praktischen Erfordernisse müssen in eine Form gebracht werden, die ihren Zweck erfüllt und darüber hinaus etwas ausdrückt. Eine Zweckform für sich ist ebenfalls ohne Sinn. Denn der Mensch ist kein reines Zweckgeschöpf, sodass er sich damit zufrieden geben könnte.
 
pure: Also braucht Design Schönheit? 
Sapper: Absolut. Es gab zum Beispiel diesen Sportwagen, den BMW 328 von 1936. Der war ein ausgesprochenes Juwel. Der Besitzer von Jaguar war derart von ihm begeistert, dass er einen Wagen nach seinem Vorbild gebaut hat. Der Jaguar „XK120“, so hieß sein 1948 vorgestellter Entwurf, ist eines der schönsten Autos geworden, das je gebaut wurde. Sogar noch schöner als der BMW. Dabei war es der Autofabrikant selbst, der diesen Wagen entwickelt hat, und kein Designer. Er hat es aus Leidenschaft getan und das merkt man dem Entwurf bis heute an. Ich habe übrigens auch so einen.
 
pure: Einen Jaguar„XK120“? 
Sapper: Seinen Nachfolger, den „XK140“ von 1956, der die gleiche Form besitzt. Der läuft wie ein Teufel, auch heute noch. (lacht) Mit dem habe ich schon sehr viel Spaß gehabt. Er hat keine Fenster, sondern eine Windschutzscheibe, die man hochklappen kann, und ein Notverdeck, mit dem man fast genauso nass wird, wie wenn man es nicht verwendet. Die Türen sind so tief, dass man auch einsteigen kann, ohne sie zu öffnen. Der Wagen ist eigens für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans entwickelt worden und hat es auch dreimal hintereinander gewonnen. Ich habe auch noch einen anderen Sportwagen, einen Porsche von 1959. Der ist auch ein tolles Auto, vollkommen anders als die Porsches heute. Er wiegt nur 700 Kilogramm und ist ganz einfach. Mit beiden Wagen bin ich regelmäßig Rallyes gefahren.
 
pure: Ihre Karriere als Designer begannen Sie 1956 in der Designabteilung von Mercedes-Benz. Sie waren unter anderem an der Entwicklung des legendären 300 SL Roadster beteiligt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit? 
Sapper: Sie war schon etwas Besonderes. Denn in dieser Fabrik arbeiteten damals auf jedem Spezialgebiet, das man zum Entwerfen und Bauen von Autos braucht – und das sind fast alle technischen Gebiete – die besten Leute, die es auf der Welt gab. Für mich als jungen Stift war das wunderbar, denn ich konnte mir von ihnen alles erklären lassen und habe unglaublich viel gelernt. Dennoch hat es mich nicht auf Dauer befriedigt. Denn ich wollte nicht immer nur Details wie einen Türgriff oder eine Stoßstange entwerfen. Also habe ich meinem Chef eine ganze Broschüre angefertigt, wie ich Autos für Mercedes entwerfen würde. Er hat sie sich angesehen und fand sie interessant. Doch im selben Moment sagte er auch, dass Mercedes niemals solche Autos bauen würde. Da wusste ich, dass es für mich besser war, woandershin zu gehen. (lacht) Und so kam ich nach Mailand ...
 
pure: ... wo Sie im Büro des Architekten Gio Ponti zu arbeiten begannen, der unter anderem das Pirelli-Hochhaus in Mailand entworfen und die italienische Nachkriegsmoderne entscheidend geprägt hat. 
Sapper: Ja, das Interessante ist, dass ich diesen Job bekommen habe, weil ich Zeichnungen von Karosserien anfertigen konnte. Das hatte ich ja gerade gelernt. Ein „normaler“ Designer konnte das nämlich nicht. Für das Design war Mailand damals Mekka, die tollste Stadt der Welt. "Für das Design war Mailand damals Mekka, die tollste Stadt der Welt." Im Studio von Gio Ponti waren vierzig junge Leute aus der ganzen Welt angestellt. Schon nach den ersten zwei Tagen in seinem Studio hatte ich mehr Freunde, als zuvor in meinem ganzen Leben. (lacht)
 
pure: Dennoch haben Sie sein Büro bereits nach rund einem Jahr wieder verlassen. Warum? 
Sapper: Weil er immer weniger Arbeit hatte, die für mich interessant war. Denn das ist ja auch heute noch das große Problem von vielen Designern, speziell in Italien, dass man von ihnen immer nur die Sachen erwartet, die sich von selbst verstehen wie Möbel oder Haushaltsgegenstände. Ich wollte aber ganz andere Sachen machen. Also habe ich mir einen neuen Job gesucht beim Architekten Marco Zanuso, mit dem ich dann fünfzehn Jahre lang zusammenarbeitete. Auch das war wunderbar. In Italien habe ich es immer gut getroffen. (lacht)
 
pure: Unter den Produkten, die Sie in den folgenden Jahren entworfen haben, finden sich auffallend viele technische Geräte wie Fernseher, Radios, Leuchten Tizio oder Uhren. Welche Rolle spielten hierbei Ihre Erfahrungen aus dem Automobilbereich? 
Sapper: Eine Form, die in Bewegung ist, ist lebendig. Deshalb haben mich mechanische Dinge immer mehr interessiert als Möbel. Einer meiner ersten Entwürfe war ein Motorrad. Später kamen andere Maschinen hinzu. Möbel habe ich zwar auch entworfen, mich aber nie auf sie spezialisiert. Ich habe mich eigentlich überhaupt nicht auf etwas spezialisiert. Wenn ich von einem bestimmten Produkt mehrere Entwürfe gemacht hatte, suchte ich mir etwas anderes. Ich habe deshalb ein sehr breit gefächertes Arbeitsfeld. Das ist zwar sehr viel Arbeit, weil man weniger auf Routine bauen kann und immer wieder etwas Neues machen muss. Doch es hat auch Vorteile, weil man bei jedem neuen Projekt die Erfahrungen aus einem anderen Feld verwenden kann. Das ist sehr wertvoll. Ich wollte immer etwas Neues machen.
 
pure: Produkte wie Ihre Leuchte „Tizio“ oder die Espressomaschine „9090“ haben nicht nur den Weg in die wichtigsten Designsammlungen geschafft, sondern sind auch kommerziell erfolgreich geworden. Können Sie erklären, warum? 
Sapper: Das ist schwer festzustellen. Ich habe einmal einen Küchenwecker für die französische Firma Terraillon entworfen, der hieß „Minitimer“ und war der erfolgreichste Küchenwecker in Frankreich mit einem Marktanteil von 40 Prozent. Dann haben sie ihn nach Deutschland gebracht und ihn überhaupt nicht verkauft. Es war genau dasselbe Produkt. Man kann nicht sagen, dass die Deutschen Küchenwecker anders gebrauchen als Franzosen. Dennoch hat er sich in einem Land verkauft und im anderen nicht. Die „Tizio“- Leuchte hat sich in den ersten zwei Jahren fast überhaupt nicht verkauft. Und dann ging sie weg wie warme Semmeln.
 
pure: Vielleicht weil sich die Kunden erst an die Niedervolt-Halogen-Technologie gewöhnen mussten. Von seiner klaren, zeitlosen Erscheinung hat der Entwurf ja bis heute nichts eingebüßt.
Sapper: Ich bin kein Anhänger von modischem Design. Der Computer, den Sie vor sich sehen, ist der „Thinkpad“ von IBM. Den gibt es seit 1992 und jedes Jahr kommen zwei bis drei neue Sapper-Modelle hinzu, die immer auf dem neuesten technischen Stand sind. Dennoch haben sie immer dieselbe Grundform, weil wir finden, dass diese sehr schwer zu schlagen ist für einen Laptop. Eine Form, die schön und elegant ist, wird niemals altmodisch. Es ist nur der Geldhunger, der die Firmen dazu bringt, immer wieder das zu vernichten, was sie vorher gemacht haben. Das finde ich lächerlich. Man kann nicht sagen, etwas sei wunderschön, und ein Jahr später behauptet man, es sei schon wieder überholt. Da widerspricht man sich ja selbst.
 
pure: Wie frei konnten Sie an ihren Projekten arbeiten? Gab es Fälle, in denen Sie etwas machen mussten, das Sie nicht wollten? 
Sapper: Ich hatte das Glück, Zeit meines Lebens immer mehr Arbeit zu finden, als ich machen konnte. Meine Aufträge konnte ich mir daher aussuchen. Wenn jemand von mir Zugeständnisse wollte, zu denen ich nicht bereit war, dann hat er sie eben nicht gekriegt. (lacht) Aber ich bin mir vollkommen im Klaren darüber, dass dies die Ausnahme war. Doch irgendwie hat in meinem Leben alles so zusammengespielt, dass es geklappt hat. Diese Uhr hier auf dem Tisch, das Modell „Static “ von Lorenz, ist mein ältestes Produkt. Sie ist seit über 50 Jahren in Produktion. Mit ihr habe ich meinen ersten „Compasso d‘Oro“ gewonnen. Da war ich gerade 27 Jahre alt. Das war schon großes Glück.
 
pure: Gibt es auch Entwürfe von Ihnen, die nicht in Produktion gegangen sind? 
Sapper: Sicher. Ich habe einmal ein Schiff entworfen, das leider nicht gebaut wurde. Das war vor ungefähr zehn Jahren. Es war ein vollkommen revolutionäres Schiff, das keinen Rumpf besaß, sondern Unterwassertorpedos, in denen die Maschinen und das Öl untergebracht werden sollten. Von diesen gingen vier stromlinienförmige Säulen nach oben bis zu den Räumen des Schiffes, die sich acht Meter über dem Wasser befanden. Da die Turbinen unterhalb der Wasseroberfläche lagen, gab es überhaupt keine Vibrationen auf dem Schiff und selbst sieben Meter hohe Wellen konnten vollständig eliminiert werden. Das Schiff sollte rund 160 Meter lang und 30 Meter breit werden und für Kreuzfahrten im Altantik zum Einsatz kommen. Dennoch ist es nicht umgesetzt worden. Vielleicht, weil seine Form einfach zu anders war.
 
pure: Zeigt sich hierin nicht auch ein Grundproblem des heutigen Designs: Dass Innovation nur noch in Abweichungen von bestehenden Produkten möglich ist und der große Sprung bewusst vermieden wird? Vor allem im Automobilbereich sehen fast alle Fahrzeuge mittlerweile gleich aus. 
Sapper: Den Grund kann ich Ihnen genau erklären: Wenn eine Firma etwas nachmacht, das es schon gibt, dann wird der Marketing- Direktor gefragt, wie viele Einheiten sich davon verkaufen lassen. Und dann kann er, weil er das Produkt der Konkurrenz schon kennt und weiß, wie groß das eigene Vertriebsnetz und das der anderen Firma ist, eine Prognose abgeben. Wenn er jedoch einen Entwurf beurteilen soll, den er noch nie zuvor gesehen hat, muss er eingestehen, dass er darüber nichts sagen kann. Aus dem Grund wird er ihn auch nicht befürworten, weil er sonst seinen Job aufs Spiel setzt. Also macht die Firma es eben nicht. Sie können ein revolutionäres Produkt heute nur noch mit einer Firma realisieren, bei der der Eigentümer am Ruder sitzt ... "Sie können ein revolutionäres Produkt heute nur noch mit einer Firma realisieren, bei der der Eigentümer am Ruder sitzt."
 
pure: ... und für die Entscheidung selbst die Verantwortung übernimmt. 
Sapper: Genau. Ich habe einmal für die Firma Heuer eine digitale Stoppuhr entworfen. Das war die erste Stoppuhr auf dem Markt. Die sah natürlich vollkommen anders aus als eine normale Stoppuhr. Als ich mit dem Entwurf fertig war, sollte ich sie vor den Marketing-Direktoren der Firma vorstellen. Es gab dort einen Raum mit einem großen Tisch, an dem saßen ungefähr 25 Leute. Am Kopfende saß der Herr Heuer und neben ihm saß ich. Dann hat er eine Ansprache gehalten und ihnen meine Stoppuhr vorgestellt. Anschließend sollte jeder von ihnen einen Kommentar abgeben. Als die Uhr an den Ersten gereicht wurde, meinte dieser: „Das kann ich nicht verkaufen!“ Der Nächste hat dasselbe gesagt. So ging es den gesamten Tisch herum. Alle gaben dasselbe Urteil und ich dachte schon, ich hätte umsonst gearbeitet. Dann ging die Uhr an Herrn Heuer zurück, der sagte: „Ich danke Ihnen für Ihr Urteil und möchte Ihnen mitteilen, dass wir diese Uhr trotzdem produzieren werden. Und Sie werden sie verkaufen.“ (lacht) So etwas kann nur ein Besitzer machen. Aber für jemanden, der angestellt ist und damit seinen Job riskiert, wäre es Selbstmord.
 
pure: Und hat sich die Uhr verkauft? 
Sapper: Ein halbes Jahr später hat die Firma 30 Prozent ihres Umsatzes allein mit dieser Uhr gemacht. Von den Marketing-Direktoren habe ich seitdem nie wieder etwas gehört.
 
pure: Worin zeigt sich noch der Unterschied, für ein Familienunternehmen wie Heuer oder einen Großkonzern wie IBM zu arbeiten? 
Sapper: Je größer die Firma ist, desto schwieriger wird es. Allein schon aus deren Struktur heraus. Bei einer kleinen Firma habe ich nur mit zwei Personen zu tun: dem Besitzer und dem Chefingenieur. Dann gibt es vielleicht noch jemandem, der sich um den Verkauf kümmert. Aber der hat nicht viel zu sagen. Wenn ich für eine Firma wie IBM entwerfe, dann sind bei jedem Meeting mindestens 30 Leute dabei. Da kann man schon von vornherein sagen, dass nicht viel dabei herauskommt. Schließlich sind große Strukturen nicht dazu geeignet, Entscheidungen zu treffen. Dennoch sind sie nachvollziehbar. Denn mit dem, was ich entwerfe, werde ich für die Firma zu einem Existenzrisiko. Darin liegt auch einer der schwierigsten Aspekte meines Berufs. "Mit dem, was ich entwerfe, werde ich für die Firma zu einem Existenzrisiko. Darin liegt auch einer der schwierigsten Aspekte meines Berufs." Denn viele Firmen arbeiten mit ganz wenigen Produkten. Schauen Sie sich Autohersteller an: Wenn Sie dort eine Modellreihe so verhunzen, dass sie niemand mehr kauft, dann ist die Firma fertig. Von daher sind diese Strukturen verständlich.
 
pure: Macht es Ihnen dennoch Spaß, für große Unternehmen zu arbeiten? 
Sapper: Sicher macht es Spaß, aber es ist kompliziert. Der Beruf des Designers hat sehr viel mit menschlichen Beziehungen zu tun hat, egal ob es sich um eine kleine Firma handelt oder eine große. In einer großen Firma lernt man manche langweilige, aber viele interessante Leute kennen. Das macht es spannend. In einer kleinen Firma ist man so eng mit dem Schicksal der Firma verbunden, dass es auch wieder interessant ist. Langweilig wird mein Beruf nie. (lacht)
 
pure: Auch mit 78 Jahren sind Sie immer noch als Designer tätig. Ihr neuester Entwurf ist ein Computer für den chinesischen Hersteller Lenovo. Was ist denn das Neue daran? 
Sapper: Es ist eine Art von Computer, die es bislang noch nicht gab. Er heißt „Skylight“ und kommt diesen Sommer auf den Markt. Man könnte sagen, er ist eine Kreuzung aus einem Mobiltelefon und einem Computer. Dieses „Smart Book“ läuft nicht mit Windows, sondern mit einer angepassten Linux-Version und kann überall online gehen, telefonieren und über zehn Stunden mit einer einzigen Akku-Ladung auskommen. An Dingen wie diesen zu arbeiten, hat mir schon immer Spaß gemacht. Produkte, die nicht nur neu sind, sondern auch wirklich gebraucht werden.