Tegernsee – ein Naturparadies kippt um

von Christoph Karl

Es klingt paradox. Der Tegernsee, das oberbayrische Idyll schlechthin, stinkt und modert. Der See beginnt in der Rottacher Bucht zu kippen. In der Schwaighofanlage, der einstigen Badebucht der Stadt Tegernsee, hat sich auf 300 Meter Länge und 200 Meter Breite eine faulende Dreckschicht gebildet. Insgesamt haben sich 60 bis 100.000 Kubikmeter Schlamm angesammelt.

Aufgrund der Schlammtiefe von bis zu drei Metern besteht Lebensgefahr für jeden, der dort ins Wasser geht. In diesem Bereich hat das Wasser keinen Sauerstoff und ist tot. Bereits mehrmals mussten Kinder aus dem tückischen Schlick gezogen werden. Ein Schwimmer hatte sich in die Bucht gewagt und Schlamm geschluckt. Er wurde umgehend ins Krankenhaus gebracht.

Und wie so oft ist der Ursprung des Problems menschengemacht. In den 70er Jahren wurde die Mündung der Rottach durch eine Art Schnabel umgeleitet. Der Grund für diesen Eingriff in die Natur: Das direkt an die Rottach angrenzende „Warmbad“ Rottach Egern sollte kein eiskaltes Gebirgswasserasser abbekommen. Statt wie früher direkt in die Bucht zu fließen, wird das Wasser nun in Richtung Schwaighofanlage umgeleitet. Das Wasser kann nicht mehr das Treibgut durch den See schieben. Die mitgeführten Äste, Schlamm und Blätter lagern sich so vor dem Strand des ehemaligen Badeparadieses ab. Die Bucht verlandet zunehmend. Das lockt zuhauf Wasservögel an, deren Kot die Wasserqualität weiter verschlechtert. 

Die Politik bleibt untätig

Das Aktionsbündnis „Rettet den Tergernsee“ fordert seit Jahren die Beseitigung des Schlamms. Gertrud Eberwein hatte bereits im Jahre 2015 dazu 1.200 Unterschriften gesammelt und der bayerischen Landesregierung übergeben. Geschehen ist bislang nichts. Man habe Angst vor eingespülten Giftstoffen. Wo diese herkommen sollen, bleibt unklar. Die Rottach ist ein Gebirgsfluss, der durch grüne Auen und Wälder fließt. An seinen Ufern befindet sich kein einziger umweltbelastender Betrieb. Kenner vor Ort schätzen das kristallklare Wasser des Flusses.

Der Tegernseer Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) spricht von einer Maßnahme, die man nicht so schnell über das Knie brechen dürfe. Es lägen noch nicht die entscheidenden Gutachten vor, die das Vorhaben bewerten. Der Bürgermeister bräuchte nur in die eigenen Akten schauen und würde feststellen, dass bis zum Jahr 2009 regelmäßig Bagger an dieser Stelle im Einsatz waren. Danach hatte das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim ohne nachvollziehbare Gründe die Beseitigung des Schlamms eingestellt. Und auch die bayerische Landesregierung bleibt untätig.

Das Ganze erinnert an die Untätigkeit der Landesregierung zum Hochwasserschutz. Auch das vernichtende Hochwasser mit Millionen Kosten und Personenschäden im Jahre 2013 war selbstgemacht durch das falsch betriebene Schuhmacherwehr in der Mangfall, direkt am Ausfluss des Sees. Am 15. Mai 2014 trafen sich im Bayerischem Landtag Vertreter des Aktionsbündnisses „Rettet den Tegernsee“ mit der damaligen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, dem Umweltminister Marcel Huber sowie dem Leiter des Wasserwirtschaftsamts Rosenheim, Paul Geisenhofer. Man versprach schnelle Abhilfe. Geschehen ist aber bislang nichts. Ministerin Aigner zeigte sich ebenso uninformiert wie desinteressiert. Statt ihre Lesebrille zückte sie gelangweilt ihren Lippenstift und würdigte die vorgelegten Gutachten keines Blickes.

 

 

Alternative zum Einsatz von Baggern

Am Freitag, den 14. September 2018 präsentierte das Aktionsbündnis in einer öffentlichen Veranstaltung eine umweltfreundliche, ungiftige und preisgünstige Möglichkeit den Schlamm zu entfernen. Bakterien vernichten den Schlamm innerhalb weniger Wochen, wenn sie mit Sauerstoff gefüttert werden. Diese Alternative zum Ausbaggern präsentierte Joachim Schöchle der Firma Söll Tec aus Niederbayern. „Weder Nutzung noch Wasserqualität werden beeinträchtigt“,  versicherte der Projektmanager. Besitzer von Schwimmteichen kennen diese Methode, denn mit den Produkten der Firma Söll Tec wird das Wasser auf natürliche Weise sauber gehalten. Diese Reinigungsmethode schadet weder Fischen noch Wasserpflanzen.

Und die gute Nachricht: Der Einsatz der Bakterien erfordert einen Aufwand von zwei bis drei Tagen bei Kosten von € 216.000. Das Ausbaggern und der Abtransport des über Jahre angeschwemmten Schlamms mit Spezialschiff und hunderten Lastwagen kostet dagegen Millionen.

Und nicht nachvollziehbar, wenn auch nicht überraschend, auf der hochinformativen Veranstaltung war weder der Bürgermeister Johannes Hagn (CSU) noch seine Tegernseer CSU Stadträte anwesend. So bleibt die ganze Hoffnung auf einen grünen Umweltminister nach der Landtagswahl im Oktober.

 

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