Alles Bio? Verwirrung vorm Regal

von Sandra Makowski

Bio – das kann man aus dem ganz engen Winkel sehen, für das gute Gewissen beim Bio-Discounter einkaufen und es damit bewenden lassen. Oder man kann noch eine Stufe weiterdenken. Denn wie zwiespältig dieses Thema ist, sieht jeder, der die ganze Breite des Angebots auf sich wirken lässt: Regionale, unter Verzicht auf Pestizide entstandene, fair gehandelte, saisonale, unverfälschte und umwelttechnisch unbedenklich verpackte Nahrungsmittel – wie etwa die Äpfel vom Bio-Bauernhof, erstanden auf dem Wochenmarkt, heimtransportiert im eigenen Weidenkörbchen auf dem Fahrrad. Das ist der eine Pol.

Der andere: Die Bio-Ananas, die rund um den Erdball fliegt, bevor sie im Obstsalat landet. Das fair gehandelte Soja-Produkt, bei dem man nie so recht weiß, ob nicht doch irgendwo am anderen Ende der Welt ein Stück Regenwald gerodet wurde, um Platz zu schaffen für die Plantage. Wer blickt durch bei all den Siegeln, die ein gutes Gewissen mit in den Einkaufswagen zaubern sollen?

Orientierung ist auch für Verbraucher, die aufs Kleingedruckte achten, nicht einfach. Spezielle Zertifizierungen für Kaffee und Kakao (UTZ) gibt es, ebenso Global Organic Textile Standards (GOTS) für Kleidung oder das PEFC-Siegel für Papier und Möbel aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Oder (für die gleichen Produkte): das Fair-Trade-Siegel, die IVN-Zertifizierung Naturtextil, den FSC-Standard. Wem ist schon bekannt, dass vertrauenerweckende Siegel, die den Begriff Öko-Tex enthalten, gar nicht auf ökologische Unbedenklichkeit ausgerichtet sind, sondern nur auf Schadstoffarmut?

Kartoffelkeller und Spätzle-Fail

Im Öko-Bereich sind die Kunden aufgeklärt. Wirklich? Wer weiß eigentlich, warum im Bioladen das Müsli mit Agavendicksaft gesüßt ist – und woraus der gewonnen wird? Wer stellt sich die Frage, was Öko-Honig bringt, wenn hierzulande zu wenige Bienenvölker gehegt werden? Bio ist ein weites Feld. Freilich können in dieser Branche, wo es nicht um den billigsten Preis geht, sondern um das beste Produkt, zu einem einfachen Lebensmittel erfreuliche Details dazukommen. Zum Beispiel zu den Biokartoffeln der handliche Karton, der, mit Luftlöchern und praktischer Schütte ausgestattet, die Vorteile eines dunklen Kartoffelkellers in die Etagenwohnung bringt.

Doch das Zusammenspiel von „Convenience“ und „Bio“, geht oft erstaunlich weit. So wie bei den Spätzle „frizle“, der Fix-und-fertig-und-frisch-Version der schwäbischen Teigwaren, die – gemeinhin gehobelt, gepresst oder geschabt – die Küchen der Welt erobert haben: Der Teig, dessen Zutaten ökologischen Kriterien entsprechen, lässt sich durch die Dosieröffnungen der Plastikverpackung direkt ins heiße Wasser pressen. Ein Geniestreich aus ökologisch erwirtschafteten Zutaten, sagen die einen. Ein „Kopfschüttelprodukt“, wettern die anderen. Der Twitterer Hendrik Haase zwitscherte über den Kurznachrichtendienst unter dem Namen @wurstsack: „Für frische Spätzle brauche ich fünf Minuten, Eier, Mehl, Wasser und Salz – und kein Alu oder Plastik.“ Und setzte dann hinterher die Twitter-Vernichtung „#fail“.

Der Kauf von Lebensmitteln ist ein vergleichsweise banaler Vorgang. Und doch sind Informiertsein einerseits und eine klare Entscheidung andererseits gerade in diesem Bereich sehr wichtig. Man sollte wissen, was man kauft – und was man nicht kaufen will.

Öko-Zukunft – oder no future

„Die Bio-Bewegung wird auf jeden Fall wachsen“, prophezeit Köchin und Bio-Advokatin Sarah Wiener. Da gehe es nicht nur um Ideale, sondern einfach um logische Schlussfolgerungen. „Entweder wir haben eine ökologisch ausgerichtete Zukunft – oder keine.“

Diese Sicht teilen hierzulande immer mehr Menschen. Und das hat Auswirkungen auf das Sortiment. Wer sich heute nach Bio umsieht, der entdeckt zwar manches, was sich nicht so recht unter ökologisch korrekt einordnen lässt. Trotzdem ist es für eine steigende Zahl von Konsumenten erfreulich, dass die Beschränkung auf Bio-Lebensmittel nicht mehr einer Selbstkasteiung gleichkommt. Bio-zertifizierte Limonaden werden aus Verantwortungsbewusstsein gekauft – aber auch weil sie dank natürlicher Zusätze wie Ingwer, Holunderblüten oder grüner Tee so lecker schmecken.

Die positive Entwicklung in Richtung gesunder Genuss ist neben Sarah Wiener auch vielen anderen Machern in der Szene zu verdanken. Der Bio-Bierbrauer „Neumarkter Lammsbräu“ etwa setzt seit Jahrzehnten auf ökologische Ausrichtung. Und braut im Gegensatz zu anderen, die heute Hopfenpellets und Hopfenextrakt verwenden, noch mit Hopfen, der vom Acker in der Nähe in ganzen Dolden geliefert wird. Auch Gerste und Weizen, die die Oberpfälzer Brauerei verarbeitet, kommen aus ökologischem Landbau. Und neuerdings bietet Lammsbräu auch Limonaden.

Bio-Boom

Ob Bioweine, Biotees, Biosuppen, aus Honig gewonnene Kosmetika, handgemachte Badezusätze mit Cranberryöl aus kontrolliert ökologischem Anbau oder Biosnacks für den Kindergarten, mit Pastinake und Karotte gefüllte Waffeln, die mit den zuckersüßen Verlockungen für Kleinkinder ebenso brechen wie mit Erbsen und Kürbis versetzte Fruchtsäfte: Biolebensmittel boomen so sehr, dass es längst Marketingstudiengänge gibt, die Produktmanager für die Ökobranche ausbilden. Wer also glaubt, hinter jedem erfolgreichen Bioprodukt stünde ein waschechter Ökofreak, der sich schon als Grundschüler für Robin Wood engagiert habe, irrt. Im Studiengang „Bio-Marketing“ an der Fachhochschule Wiener Neustadt lernt man beispielsweise, wie man Bio-Sortimente organisiert oder in Kontrollstellen arbeitet.

Aber wie gesagt: Bio ist ein weites Feld. Und wer sich mit dem Thema wirklich verantwortungsvoll auseinandersetzt, für den zählt nicht nur das gute Gewissen beim Einkaufen der Zutaten, sondern auch die Achtsamkeit bei deren Zubereitung.

 


ÖKO-SIEGEL:

Bio-Produkte haben den Sprung aus den Reformhäusern und Fachgeschäften in die Warenregale der großen Handeslketten geschafft. Eine Vielzahl an Logos und Siegel stiftet Verwirrung bei den Verbrauchern. Die wichtigsten Bio-Siegel und ihre Bedeutung:

EU-Logo / Deutsches Biosiegel:

Die Begriffe „Bio“ und „Öko“ sind gesetzlich geschützt und haben dieselbe Bedeutung. Sie weisen darauf hin, dass das Produkt nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus erzeugt und verarbeitet wurde. Die EG-Öko-Verordnung definiert, nach welchen Kriterien die Produkte hergestellt und verarbeitet werden müssen. Zusätzlich zu dem EU-Logo führte Deutschland 2001 das staatlich kontrollierte Bio-Siegel ein, mit dem nur nach der EG-Öko-Verordnung hergestellte Produkte gekennzeichnet werden dürfen.

Anbauverbände:

In Deutschland gibt es eine Reihe von ökologischen Anbauverbänden, von denen die meisten schon vor der Einführung der EG-Öko-Verordnung im Jahr 1992 existierten. Ihre Verbandsrichtlinien gehen in einigen Punkten über den EU-Standard hinaus, das heißt, die Produkte erfüllen zusätzlich zu den EG-Rechtsvorschriften die Anforderungen des jeweiligen Anbauverbands. Die größten deutschen Anbauverbände sind: Biokreis, Bioland, Biopark, Demeter-Bund, Ecoland, Ecovin, Gäa–Vereinigung Ökologischer Landbau, Naturland und Verbund Ökohöfe.

Handelsmarken:

Da der Markt für Bio-Lebensmittel in den letzten Jahren stark gewachsen ist, haben die meisten großen Handelsketten eine eigene Bio-Marke gegründet. Das konventionelle Sortiment wird durch eine Bio-Linie ergänzt. So wird beispielsweise Alnatura bei Hit, dm und tegut angeboten oder Naturkind bei Tengelmann und Kaiser’s. Mit dem „Bioblatt“ sind Bio-Produkte gekennzeichnet, die ausschließlich in Reformhäusern vertrieben werden.