Flüssige Härte

Beton ist nicht nur grau und kalt. Und er bewährt sich schon seit der Antike als Baustoff großer Bauten – von der Kuppel des Pantheon bis zu den Arenen der Gegenwart.

von Dr. Oliver Herwig

Jene eisgraue, zähflüssige Masse aus Bruchstein, Wasser und Zement, die während des Transports durch ständiges Rühren vor dem Erstarren bewahrt werden muss, sich auf der Baustelle zwischen Schalwände ergießt und dort aushärtet, scheint zum Amalgam unserer Zeit geworden zu sein: notwendig, aber ungeliebt, preiswert, aber als billig verschrien, Standard, gleichwohl von vielen abgelehnt.

Beton hat es schwer. Zu Unrecht. Denn Beton ist ein faszinierender Stoff, der Baumeistern seit der Antike außergewöhnliche Architekturen ermöglicht hat. Ein Allzweckmittel im Arsenal der Baukunst. Beton bildet das Rückgrat der Bauwelt. Über 100 Millionen Kubikmeter füllen in Deutschland jährlich Baugruben, spannen sich als Brücken über Täler, stemmen sich als Talsperren gegen Flüsse und bilden Frankfurts Silhouette.

Der Siegeszug des Betons

100 Millionen Kubikmeter entsprechen ziemlich genau 38,5 Cheops-Pyramiden. Bereits die Römer schwärmten von ihrem opus caementitium aus gebranntem Kalk, Wasser und Sand, dem ihre Baumeister Mörtel und Ziegelmehl untermischten. Die entscheidenden Vorteile dieser Rezeptur: Zementleim bindet das zermahlene Gestein, füllt Hohlräume, verleiht dem Frischbeton den Charakter einer zähflüssigen Masse, die sich, bevor sie aushärtet, in jede Form bringen lässt. Nach der sogenannten Hydratation behält Beton ein konstantes Volumen. Er härtet sogar unter Wasser aus. Schon in der Antike ermöglichte er atemberaubende Konstruktionen wie die Kuppel des Pantheon, 43 Meter im Durchmesser, ein Himmel für die Götter.

Dann wurde es still um den sagenhaften Baustoff. Erst bei Bernard Forêst de Bélidor taucht das Wort Mitte des 18. Jahrhunderts wieder auf. Mit Beton bezeichnet er in seiner zweibändigen „Architecture hydraulique“ von 1753 ein Mörtelgemisch. Seine Schwachstelle freilich blieb: Beton ist rund zehnmal druck- als zugfester. Erst die Verbindung mit Stahl und dessen hoher Zugfestigkeit macht ihn zum universalen Baustoff. Diesen Entwicklungssprung vollzogen Eisenbeton-Bauten zur Jahrhundertwende. Im 20. Jahrhundert begann der Siegeszug des Stahlbetons. Er ermöglichte gewaltige Spannweiten, ohne aufwendige Gewölbe errichten zu müssen. Freitragende Hallen entstanden in modularer Bauweise, doch nicht nur sie. Monotone Wohnsilos desavouierten die Aufbruchsstimmung der Moderne.

Brutale Bauten und künstlerische Ästhetik

Was Le Corbusier noch künstlerisch-ästhetisch in Angriff nahm, endete in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts in auf Rendite getrimmten Großwohnanlagen und Satellitenstädten. Sichtbeton, wohin man blickte: béton brut, „roher Beton“, prägte die Zeit. Kritiker beklagten die Unwirtlichkeit der Städte und beschworen eine neue Baukultur. Heute, ein halbe Jahrhundert nach den Exzessen des Brutalismus, richten Architekten einen neuen Blick auf die Bauten der Zeit. Und erkennen kühne Setzungen, gewagte Kunstfestungen, Bibliotheken und Universitäten, die einem Stoff huldigen: Beton.

Viele Reformhochschulen sind gebaute Fanale dieses künstlichen Steins und trotz Betonsanierung und leckenden Flachdächern Monumente des Aufbruchs. Ohne Beton wäre die Geschichte der modernen Architektur um wesentliche Kapitel kürzer und um ihre Höhepunkte beraubt: Kein Hochhaus und keine Brücke wäre entstanden ohne die Verbindung von Stahl und Beton. Als Spekulanten der Sechzigerjahre im Westen Massenwohnungsbauten errichteten und der sozialistische Osten Plattenbauten zur Norm erklärte, verkam Beton zur vorfabrizierten, billigen Ware. Der tiefe Fall eines universalen Baustoffs entspricht aber nur in Teilen der Wahrheit. Grau geblieben ist vor allem unsere Vorstellung von Beton. Farbige Zuschlag stoffe, lichtleitende Glasfasern und dünne Schalen zeigen jedoch längst neue Möglichkeiten, den verrufenen Stoff wiederzubeleben.