An die Bienen gehen

von Eva Morlang

Ein Montagmorgen Mitte Mai, frische 15 Grad. Kein Grad kälter hätte es sein dürfen. Seit zwei Wochen bin ich mit dem Leipziger Imker Tobias Laub in Kontakt, um einen Termin zu finden, um mit „an die Bienen zu gehen“. Doch es ist ein ungewöhnlich kalter Mai dieses Jahr. Die Bienen beginnen erst bei 15 Grad, auszufliegen. Heute ist es endlich warm genug.
Die Imkerei Laubinger liegt auf einem großen alten Industriegelände im Südosten von Leipzig. Auf einem kleinen Stück Rasen vor dem Eingang stehen zwei Bienenkästen. „Das sind unsere Sorgenkinder“, sagt Laub. „Sie sind krank, weil sie so lange nicht raus fliegen konnten“. Was sie haben, frage ich – Durchfall. Tatsächlich klingt es, als spräche er von seinen Kindern, wenn er über die Bienen spricht. Normalerweise haben die Bienen zu dieser Jahreszeit bereits den ersten Honig eingetragen, die Frühjahrstracht. In diesem Jahr ist sie komplett ausgefallen. Stattdessen musste Laub die Bienen sogar mit Honig füttern, um die kalten Wochen zu überbrücken.

Bienenvölker in Parks und auf Galerien

Abgesehen von den zwei Kästen mit den Sorgenkindern stehen Laubs Bienenvölker nicht hier an der Imkerei sondern verteilt über die ganze Stadt, in Parks, auf alten Industrieflächen, zum Beispiel auf der Baumwollspinnerei, die für ihre Ateliers und Galerien bekannt ist. Die Laubinger Bienenvölker wandern, sie werden je nachdem, wo was gerade blüht, mit dem Pickup zu einem bestimmten Standort gebracht. Einer dieser Standort ist der Südfriedhof. Dorthin nimmt mich heute Helen Schlegel mit, die diese Saison bei Laub aushilft. Wir sollen überprüfen, ob die Bienen am Südfriedhof schon „schwärmen“, also ob es ihnen zu eng wird in ihren Kästen. Wenn das der Fall ist, müssen wir aufstocken, ein Holzkastenelement mehr einsetzen, damit die Bienen mehr Platz haben. Auf der Ladefläche des Pickups haben wir mehrere Stapel von diesen Holzkästen dabei, den sogenannten „Honigräumen“, in denen mehrere Holzleisten mit Waben hängen, in die denen der Honig gespeichert werden kann.

Auf dem Weg zum Südfriedhof erzählt mir Helen, wie sie zum Imkern kam. Sie ist eigentlich Ergotherapeutin und kam zu ihren ersten Bienenvölker, als jemand in ihrem Bekanntenkreis mit dem Hobbyimkern aufhörte und ihr die gesamte Ausrüstung überließ. Das war vor etwa zehn Jahren. Fünf bis zehn Völker hatte sie dann immer in ihrem Garten, ein zeitintensives Hobby. Wie ich jetzt selbst schon gemerkt habe, hängt alles vom Wetter ab. Wenn es wochenlang kalt ist, kann man im Grunde nur warten, und Vorbereitungsarbeiten verrichten. Wenn es dann warm wird und die Bienen ausfliegen, muss plötzlich alles ganz schnell gehen. Dann spielt es keine Rolle, ob Wochenende oder Feiertag ist. „Da haben meine Kinder schon manchmal gemeckert: Wenn schönstes Wetter war und sie ins Freibad wollten, genau dann musste ich an die Bienen“, sagt Helen.

Plötzlich muss es ganz schnell gehen

Wenn das Wetter und das Nahrungsangebot stimmen, können die Bienen in wenigen Tagen den ganzen Jahresertrag an Honig eintragen, das können pro Kasten 7 kg an einem Tag sein. Deshalb steht unter den Kästen der besonders starken Völker eine Waage, die Laub von seiner Imkerei aus ablesen kann. Werden an einem Tag plötzlich mehrere Kilo eingeholt, muss schnell jemand raus fahren, um die vollen Honigräume abzuholen und den Bienen neue leere Räume zu bringen. Heute fahren Helen und ich nur zur Kontrolle raus. Normalerweise macht das eine Person alleine. „Bei Imkern ist man in der Regel allein mit den Bienen, in der Natur. Diese Stille bei der Arbeit genieße ich sehr“, sagt sie. Es sei aber auch körperlich schwere Arbeit. Wenn die Honigräume voll sind, wiegen sie schnell an die 30 kg.

Die Bienenvölker stehen auf einer großen Wiese am Rande des Friedhofs. Helen zieht sich eine Imkerhaube auf, aber auch nur, weil ihre Haare frisch nach Shampoo riechen, und die Bienen dann eher mal an den Kopf gehen, sagt sie. Ansonsten arbeitet sie ohne Schutz. Mit nackten Händen hebt sie das Metalldach des ersten Bienenstocks ab. „Das hier ist ein sehr friedliches Volk“, sagt sie. Sie hebt eine Holzleiste aus dem Kasten und schiebt mit ihren Fingern behutsam die Bienen beiseite um zu sehen, wie viele Waben schon voll sind. Auch ich habe nur eine Haube über dem Gesicht und Dekolletee. Immer wieder sitzen Bienen auf meinen Ärmeln und auf meinem Schleier vor dem Gesicht. Durch Helens Gelassenheit mache aber auch ich mir keine Sorgen. Helen überprüft, in welchen Kästen es eng wird, und wo noch genug Platz ist. Ich assistiere, indem ich in eine Liste eintrage, welche Völker wir kontrolliert haben. „HR“ trage ich ein, wenn wir einen neuen Honigraum gegeben haben, also einen Kasten aufgestockt haben.

Großstadt als Lebensraum

Bienenstöcke in Großstädten wie hier auf dem Leipziger Südfriedhof sieht man immer häufiger. Der Lebensraum Großstadt hat heutzutage viele Vorteile gegenüber dem Land: in den städtischen Parks, Gärten und Grünflächen werden keine Pestizide gesprüht. Es gibt auf kleinem Raum eine größere Vielfalt an blühenden Pflanzen, während auf dem Land oft weite Flächen mit Monokulturen wie Mais und Kartoffeln bedeckt sind, die den Bienen nicht nützen. Sie finden auf diesen gespritzten Feldern nicht mal Unkraut. Statistiken des Deutschen Imkerbunds zeigen, dass Stadtimker mehr Honig ernten als Landimker.

Immer mehr Bienen vom Aussterben bedroht

Wie wichtig Bienen für unsere gesamte Nahrungskette und Umwelt sind, ist in den letzten Jahren immer mehr in die Öffentlichkeit gerückt. Das Phänomen des Bienensterbens wurde erstmals 2006 in den USA beobachtet, zwei Jahre später gab es auch in Deutschland große Sorge nach dem Sterben von tausenden von Völkern. Beinahe jede zehnte Bienenart ist vom Aussterben bedroht. Das Sterben hat unterschiedliche Gründe: Parasiten, Krankheiten, Pestizide auf Monokulturen und Pflanzenschutzmittel tragen wohl einen erheblichen Teil dazu bei. In Teilen Chinas sind Bienen schon völlig verschwunden, dort übernehmen jetzt Menschen die mühsame Arbeit des Bestäubens der Obstbäume. Der Film „More than honey“ zeigte das im Jahr 2012 sehr eindrucksvoll. Im Jahr 2013 schränkte die EU-Kommission zumindest die Nutzung einiger Chemikalien ein, die Bienen nachweislich schaden. Dennoch bleiben weiterhin viele Mittel im Gebrauch, die große Flächen für Bienen unbewohnbar machen.

Jeder kann etwas tun, um Bienen zu helfen

Immer mehr Initiativen machen inzwischen auf die Wichtigkeit der Bienen aufmerksam, etwa die Berliner Intiative Deutschland summt!, die von sich selbst sagt, sie mache „PR für Bienen“, indem zum Beispiel auf repräsentativen Gebäuden Bienenstöcke eingerichtet werden, etwa im Park von Schloss Bellevue und auf der Neuen Pinakothek in München. Auf ihrer Homepage geben die Initiatoren außerdem Tipps für bienenfreundliches Gärtnern.
Schon mit wenigen Handgriffen kann jeder dazu beitragen, Lebensraum für Bienen zu schaffen. Auch wer keinen Garten hat, kann auf dem Balkon, auf dem Fensterbrett oder auf Verkehrsinseln einheimische Blühpflanzen anpflanzen, die schon im April und Mai blühen, wenn die Bienen beginnen auszufliegen. Wer selbst ein eigenes Bienenvolk halten möchte, findet inzwischen im Internet vielfältige Tipps und Beratungen. Der Verein Stadtbienen e.V. hat die BienenBox entwickelt, einen Starterset für Hobbyimker.

Auch Tobias Laub war zunächst Hobbyimker, bis er 2014 seinen Hauptberuf daraus machte. Das Imkern in der Stadt hat viel mit Netzwerken zu tun, zum einen, um die richtigen Standorte für die Bienenstöcke zu finden. Diese müssen eingezäunt sein und Tag und Nacht mit dem Auto zugänglich. Außerdem muss natürlich das Nahrungsangebot für die Bienen stimmen. Auch der Vertrieb des Honigs in der Stadt ist eine Frage des Netzwerks, da der Laubinger Honig vor allem in den Regalen ausgewählter Bio- und Feinkost-Läden in Leipzig und Umgebung steht.

Mitte September – nach einem heißen Sommer sind es wieder 15 Grad. In den nächsten Tagen wird in der Imkerei Laubinger der letzte Honig geschleudert: der Heidehonig. Das Heidekraut ist die späteste Trachtart. Nur die gesündesten Völker wurden ausgeschickt, um sei einzuholen. Denn wenn sie zurückkehren, bleibt nicht viel Zeit, um sie „winterfest“ zu machen. Die Bienen werden mit Zuckerwasser gefüttert, sodass sie einen Futtervorrat für die Überwinterung aufbauen. Außerdem werden sie gegen Vorroamilbe behandelt. Dieses Jahr konnte Laub weniger Honig ernten, als in den letzten Jahren. „Relativ schlechte Auswinterung und Wetterkapriolen haben es den Bienen und uns nicht leicht gemacht“, sagt er. Wenn der letzte Honig geschleudert ist, wird er abgefüllt, die Waben werden eingeschmolzen, und Aufräumen ist angesagt. Im nächsten Frühjahr kehren die Bienen zurück, dann hoffentlich früher als dieses Jahr, damit weniger Sorgenkinder an der Imkerei stehen.