Coffee-To-Go mit gutem Gewissen

von Eva Morlang

Er ist ein Symbol für den Geist der Zeit: der Kaffee zum Mitnehmen. Alles muss schnell gehen, da ist es praktisch, wenn man mehrere Dinge auf einmal tun kann.
Mit Starbucks wurde der Kaffee im Pappbecher gewissermaßen zum Kultobjekt. Anfang der 2000er war es schick, sich mit einem Starbucks-Becher in der Hand sehen zu lassen. Man wirkte ja so beschäftigt und automatisch intellektuell. Inzwischen ist der Pappbecher in der Hand das Normalste der Welt und verrät nichts über den Inhalt, die Qualität des Kaffees, oder gar den Intellekt des Besitzers.

 


2,8 Milliarden Coffee-to-go-Becher werden in Deutschland pro Jahr weggeworfen, das sind etwa 34 pro Einwohner im Jahr. 

40.000 Tonnen Müll pro Jahr verursacht durch die Becher, das sind immerhin rund 0,5 Prozent des gesamten jährlichen Papierabfalls in Deutschland

(Statistik des Umweltbundesamtes, Zahlen von 2014).
Pappbecher sind schwer zu recyclen und nicht vollständig ökologisch abbaubar, da sie mit Kunststoff beschichtet sind.
Durch die Wiederbefüllung eines Mehrwegbechers werden im Vergleich zur Herstellung eines Einwegbechers 430 ml Wasser und 0,1 kWh Energie eingespart, sowie 21 g CO2 vermieden.


 

Der Pappbecher hat ausgedient

Vor mehr als hundert Jahren wurde der Pappbecher erfunden, seit fünfzig Jahren trinkt man Kaffee daraus. Ein guter Zeitpunkt, um dem Wegwerfbecher Adé zu sagen, denn er macht vor allem eines: viel Müll.

2,8 Milliarden Coffee-to-go-Becher werden in Deutschland pro Jahr weggeworfen, das sind etwa 320.000 Becher pro Stunde – 40.000 Tonnen Müll pro Jahr, die schwer zu recyclen sind.
Die Becher bestehen nicht nur aus Pappe, sondern sind mit Kunststoff beschichtet. Sonst würde die Pappe zu schnell aufweichen und undicht werden. Beide Stoffe später für die Entsorgung zu trennen ist schwierig. Ungefähr fünf Prozent eines Pappbechers sind in der Regel aus dem erdölbasierten Kunststoff Polyethylen. Deshalb sind die Becher in der Natur nur langsam abbaubar. Übrig bleiben Kunststoffteilchen, die in Mikroplastik zerfallen und in Boden und Wasser gelangen.

40.000 Tonnen Müll, die absolut vermeidbar wären. Das haben endlich kluge Gastronomen und Gründer verstanden und zeigen jetzt Alternativen auf. Die Lösung heißt: wiederverwendbare Pfandbecher. In drei deutschen Städten gibt es sie nun seit einigen Wochen. Premiumpark zeigt einen Überblick:

Freiburg-Becher mit Freiburg-Optik

Die Skyline der Stadt ziert den Mehrwegbecher aus Freiburg. Hier kam die Initiative von der Abfallwirtschaft und Stadtreinigung Freiburg (ASF) und der Stadtverwaltung. Bisher machen 15 Cafés und Bäckereien in der Innenstadt mit, bis Ende des Jahres sollen es dreißig sein, sagt die grüne Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik.
Der beigefarbene Propylen-Becher kostet einen Euro, ist spülmaschinenfest und mindestens 400 Mal wiederverwendbar.
Das Konzept klingt vielversprechend, schade ist nur, dass die meisten teilnehmenden Cafés weiterhin auch Kaffee im Pappbecher verkaufen.

Kaffeebecher vom Kaffeehändler in Hamburg

In Hamburg kam die Idee von dem Kaffeehändler El Rojito. Elf Cafés und Bäckereien, unter anderem in den Stadtteilen Eimsbüttel, Ottensen, Sternschanze und St. Pauli, beteiligen sich bis jetzt. Für die Größe der Stadt sind das verschwindend wenige, aber ein Anfang ist es doch.
Die 400ml-Becher sind aus dem Baumsaft Lignin hergestellt, der in der Papierindustrie als Abfallprodukt anfällt. Eine gute Idee, leider übersteht das Trinkgefäß aber nur 75 Waschgänge in der Spülmaschine, was im Vergleich zu anderen Materialien wenig ist. Kritiker bemängeln außerdem, dass der Becher den Kaffeegeschmack nicht so transportiert, wie andere Behältnisse. Der Becher kostet 1,50 Euro. Für weitere 1,50 bekommt man ein Mundstück, dass man behalten soll und dann immer nur jeweils den Becher zurückgibt.

Die Stadt Hamburg hat inzwischen angekündigt, in den kommenden zwölf Monaten gemeinsam mit Unternehmern in einem Pilotprojekt ein System zu entwickeln, das flächendeckend funktioniert. Alle großen Kaffeehausketten – unter anderem Tchibo, McDonald’s, LeCrobag, BackWerk, Dat Backhus, und Balzac Coffee – sollen dabei sein.

Rosenheim macht’s vor

Im Vergleich zu Hamburg ist das System in Rosenheim fast flächendeckend. Dort machen 25 Cafés und Bäckereien mit. Im Moment läuft die Testphase der reCup-Becher, die die zwei Rosenheimer Jungunternehmer Fabian Eckert und Florian Pachaly entwickelt haben. Der Becher kostet einen Euro Pfand und kann bis zu 500 mal wiederverwendet werden.

Der Kaffee kostet in allen teilnehmenden Betrieben weniger, wenn man mit reCup kommt. Einen leeren Becher kann man auch jederzeit in den Cafés und Bäckereien zurückgeben und bekommt seinen Euro zurück. Dort wird er dann gereinigt und sofort wieder eingesetzt.

Als Material haben sich die Rosenheimer für den Kunststoff Polypropylen (PP) entschieden. Dieser gilt als unbedenklicher für die Umwelt als andere Kunststoffe, da er einfacher und mit weniger Energieaufwand recycelt werden kann. Ein großer Haken ist aber, dass der Kunststoff auf Erdöl-Basis hergestellt wird. Dessen sind sich die zwei Gründer bewusst. Wenn die Testphase erfolgreich verläuft, wollen sie den Becher 2017 weiterentwickeln und eine ökologisch einwandfreien Lösung finden.

 

Berlin schafft es nicht auf die Liste

Auch in Berlin gibt es erste Ansätze, den Müllbechern den Kampf anzusagen. Das dortige Konzept ist aber noch wenig überzeugend. Die Berliner S-Bahn verkauft den „Mein Becher für Berlin“ aus Bambus, in Kooperation mit zwei Bio-Supermarktketten. Der Becher kostet neun Euro und man erhält nur in den Biomärkten der zwei Ketten Rabatt beim Kauf eines Kaffees. Durch den hohen Preis und die geringe Verbreitung kann die Hauptstadt also noch nicht mit den anderen mithalten und hat Nachholbedarf.

In Hamburg, Freiburg und Rosenheim wurden die Mehrweg-Becher fast zeitgleich eingeführt. Die positive Resonanz macht Mut, dass bald mehr Städte nachziehen werden. Am Ende steht vielleicht ein einheitlicher Becher, den man in ganz Deutschland kaufen und zurückgeben kann, überall, wo es Kaffee gibt.

Eigenen Thermosbecher befüllen lassen

Bis es soweit ist kann man natürlich auch in anderen Städten selber etwas tun, um Einwegbecher zu vermeiden. Es gibt isolierte Thermosbecher oder auch Kaffeebecher, die nicht lang warm halten, dafür aber auch leichter und schicker sind, zum Beispiel die „ecoffee cups“ aus Bambus. Schnell abgewischt oder in eine Plastiktüte gepackt, kann man diese Becher später gut in die Handtasche stecken.

Wer nicht dazu kommt, zuhause selbst Kaffee zu kochen, kann sich den eigenen Becher unterwegs auffüllen lassen. Die Wiederbefüllung von mitgebrachten Mehrwegbechern ist laut Lebensmittelhygieneverordnung nicht verboten. Es müssen aber viele Dinge beachtet werden, zum Beispiel darf der mitgebrachte Becher aus hygienischen Gründen nicht die Kaffeemaschine berühren.

Viele Gastronomen gehen auf Nummer sicher und nehmen den Becher nicht hinter den Tresen. Eine Möglichkeit ist dann, dass sie das Getränk in eine Porzellantasse füllen und in den To-Go Becher umschütten. Zwar muss die Tasse danach gespült werden, was wieder Wasser und Energie kostet, trotzdem werden aber bei jeder Wiederverwendung etwa 400 ml Wasser gespart im Vergleich zur Herstellung eines Pappbechers.
In Kantinen und Mensen gibt es meistens Kaffeeautomaten zur Selbstbedienung, sodass ein Befüllen des eigenen Bechers ohnehin kein Problem ist.

31.01.2017