Das fairere Smartphone

von Aurelie von Blazekovic

Ob Vergiftungen, Kinderarbeit oder Totalüberwachung, Elektronikriesen stehen immer wieder in der Kritik, ihre Geräte auf Kosten von Mensch und Umwelt herzustellen. So sah sich beispielsweise Apple mit Schlagzeilen über sklavenähnliche Zustände bei der Produktion ihrer Smartphones konfrontiert. Denn bei Foxconn, einem chinesischem Zulieferer von Apple, trieben unmenschliche Arbeitsbedingungen allein im Jahr 2010 mindestens 13 Angestellte in den Selbstmord. Währenddessen schürften in Mali im Jahr 2011 rund 40 000 Kinder Gold in hochgefährlichen Minen. Dass Apple, Samsung, Nokia oder HTC dieses durch Kinderarbeit gewonnene Gold in ihren Smartphones verbauen, konnten die Hersteller auf Anfrage von Oxfam selbst nicht sicher ausschließen.

In der Welt der Smartphones hat bisher also weder Ethik noch Nachhaltigkeit eine besondere Rolle gespielt. Funktionieren, gute Fotos machen und schön aussehen sollen sie ­– aber nachhaltig sein? Das passt nicht zu den teuren, kleinen Geräten, die mit seltenen Erden hergestellt werden, und nach ein bis zwei Jahren wegen gesprungenem Bildschirm, kaputtem Akku oder nicht funktionierenden Knöpfen wieder weggeworfen werden.

Modular, recycelbar, nachvollziehbar

Hier kommt das Fairphone ins Spiel, das gleich auf mehreren Ebenen fairer und nachhaltiger als die Konkurrenz ist. Das Smartphone ist recycelbar, ausschließlich aus konfliktfreien Rohstoffen hergestellt und dank modularem Aufbau leicht reparierbar.

Copyright: Fairphone
Copyright: Fairphone

So lassen sich beispielsweise Batterie und Display ohne Werkzeuge austauschen. Bei der Konkurrenz ist die Reparatur von eigener Hand entweder gar nicht möglich, oder ein Ersatz wäre so teuer, dass sich gleich ein kompletter Austausch des Geräts anbietet. Der Ersatzteilshop auf der Webseite von Fairphone ist dagegen ein echtes Paradies für Smartphone-Bastler. Hier gibt es zu moderaten Preisen verschiedenste Einzelteile des Handys zu kaufen, vom Display bis zum Modul für den Vibrationsmechanismus. Dabei kostet beispielsweise das Ersatzdisplay des Fairphones 84 Euro, während die Erneuerung beim iPhone zwischen 150 und 170 Euro, und bei Samsung rund 120 Euro kostet. So kann man das Fairphone auch bei einem kleinen Einzelteilschaden problemlos behalten, was es langlebiger als andere Smartphones macht. In Zukunft ist außerdem auch das Aufrüsten auf bessere Module denkbar.

Konfliktmineralien ohne Konflikt

Was die ethische Vertretbarkeit angeht, ist besonders der Aufbau der konfliktfreien Lieferketten für die Mineralien Wolfram, Zinn, Tantal und Gold ein echter Durchbruch in der Industrie. Diese Mineralien werden oft illegal gefördert und stehen im Zusammenhang mit Menschenrechts- und Völkerrechtsverletzungen. Fairphone ist es gelungen, für alle diese, auch als Blutmineralien bekannten, Rohstoffe transparente Wertschöpfungsketten herzustellen und somit nicht Kinderarbeit, hochgefährliche Arbeitsbedingungen oder die Finanzierung von bewaffneten Milizen zu unterstützen. Außerdem ist der Abbau der mehr als 40 Rohstoffe, die in Smartphones enthaltenen sind, oft mit Umweltbelastungen verbunden. Zum Beispiel fallen im Kongo dem Erzabbau Regenwälder zum Opfer und der Lebensraum von gefährdeten Tieren, wie Berggorillas, verkleinert sich so immer weiter.

Copyright: Fairphone/Flickr
Copyright: Fairphone/Flickr

Dennoch gibt der niederländische Fairphone-Gründer Bas van Abel offen zu, dass auch das Fairphone in dieser Hinsicht noch nicht hundertprozentig fair ist – schließlich bestehen die Geräte aus bis zu 1200 Einzelteilen. So schreibt das Unternehmen auf der eigenen Homepage: „Das Fairphone ist immer noch weit entfernt von „fair“ […] Es gibt buchstäblich tausende soziale und ökologische Standards, die man bei der Produktion von Smartphones verbessern kann“. Aber zumindest ist das Handy um Meilen nachhaltiger und fairer als die Konkurrenz, wie auch eine Studie des Fraunhofer-Instituts bestätigt.

Aus diesem Grund erhielt Gründer Bas van Abel Ende Oktober 2016 den Deutschen Umweltpreis, den Bundespräsident Joachim Gauck überreichte. Der Preis wird jährlich von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, kurz DBU, verliehen. Dr. Heinrich Bottermann, der Generalsekretär der DBU, begründete den Preis an van Abel mit den Worten: „Mit dem Fairphone gelingt es ihm ökologische und soziale Probleme in der Informations- und Kommunikationstechnik beim Verbraucher bekannt zu machen“.

Die Welt in der Hosentasche

Tatsächlich sind diese Probleme beim Verbraucher so gut wie unbekannt. Denn wer denkt beim Kauf eines Handys schon darüber nach, ob man dadurch das Aussterben der Berggorillas, oder einen Rebellenkrieg im Kongo unterstützt? Selbst van Abel wurde sich dieser globalen Zusammenhänge erst wirklich bewusst, als er ein eigenes Handy entwickelte, wie er der Bundesstiftung Umwelt erklärte: „Wenn du ein Smartphone produzierst, bist du über Zulieferketten schnell mit der ganzen Welt vernetzt. Du hast die Welt sprichwörtlich in deiner Hosentasche“.

Copyright: DBU/Peter Himsel
Copyright: DBU/Peter Himsel

Schritt für Schritt möchte sich Fairphone neuen problematischen Aspekten widmen, denn es gibt noch viel Raum für mehr Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in der Herstellung von Mobiltelefonen und elektronischen Geräten allgemein. „Du kannst nicht alles auf einmal verbessern“, so van Abel. „Wir nutzen das Smartphone als Vehikel, um Dinge aufzudecken und Zustände zu verändern“. Und das Smartphone eignet sich hervorragend als so ein Vehikel, denn kaum ein anderes Produkt wird von uns mehr genutzt, aber weniger verstanden. Wie auch, wenn nicht mal Hersteller wie Apple, Samsung und Co. selbst genau wissen, oder wissen wollen, woher die Mineralien in ihren Smartphones kommen, und wie die Arbeitsbedingungen bei Zulieferern aussehen.

Letztlich muss das Fairphone aber für den Konsumenten auch abseits des guten Gewissens ein attraktives Smartphone sein. Denn für den doch recht hohen Preis von 525 Euro (den Fairphone ganz dem Motto Transparenz getreu als einziger Hersteller genau aufschlüsselt) bietet das Fairphone 2 vergleichsweise mittelklassige Technik. Kamera, Akku und Qualität des Displays werden von Nutzern und Testern bemängelt. Zumindest gibt es theoretisch die Möglichkeit diese in Zukunft durch bessere Module auszutauschen.

Es bleibt also spannend, ob sich das Fairphone auch wirtschaftlich durchsetzen kann. Bis Juli 2016 wurden 100 000 Fairphones verkauft und es wäre dem Unternehmen zu wünschen, dass es auch weiter wachsen, und so Fairness und Nachhaltigkeit in der gesamten Branche verbessern kann. Allein dass die großen Hersteller durch die Aufklärungsarbeit von Fairphone zunehmend unter Druck geraten, ihre eigenen Herstellungsbedingungen zu verbessern, ist eine wichtige Entwicklung. Denn wie Joachim Gauck es bei der Verleihung des Umweltpreises formulierte: „Wir haben nicht ewig Zeit, schwere und schwerste Schäden aufzuhalten oder abzuwenden“.