Das Zentrum der Weltkultur

Andrea Illy ist Chef des Familienunternehmens Illycaffè, das 1933 von seinem Großvater Francesco Illy im italienischen Triest gegründet wurde. Seit 1994 steht der 45-Jährige an der Spitze des Unternehmens. Neben einem Diplom in Chemie kann er einen Master in Business Management vorweisen. Hier erzählt er über kosmopolitischen Kaffeegenuss, Know-how-Transfer und Kinderarbeit.

 

Die offene Einstiegsfrage – was bedeutet Kaffee für Sie?


Illy: Kaffee ist Teil meines Lebens, er ist Kultur und Leidenschaft. Wir alle, die in der Kaffeebranche arbeiten, haben das Glück, dass Kaffee so reich und vielfältig ist. All die unterschiedlichen Geschmacksnoten, die Arten des Anbaus, die Herkunftsländer, die Möglichkeiten, zu blenden, die Technologie dahinter, die Arten, Kaffee zuzubereiten und den Gästen zu servieren – Kaffee ist sehr vielfältig, sogar vielfältiger als Wein. Außerdem ist Kaffee das Zentrum der Weltkultur: Kaffee inspiriert uns und regt die Kreativität an. Dank der stimulierenden Wirkung des Koffeins verband man Kaffee schon immer mit Kreativität, Kunst und Literatur. Kaffeegenuss hat also einen intellektuellen Aspekt. Letztlich ist Kaffee ein sehr kosmopolitisches Getränk. Kaffee hat seine Wurzeln in den ältesten Kulturen dieser Erde und ist ein leidenschaftliches und sehr ursprüngliches Produkt. In Italien muss man nicht einmal das Land verlassen, um verschiedene Arten der Kaffeezubereitung zu erleben und zu genießen. Man muss nur in die nächste Stadt reisen und schon gibt es ein anderes Rezept und ein anderes Ritual der Kaffeezubereitung.

 

Gibt es in Deutschland eine Kaffeekultur, schätzen die Deutschen guten Kaffee?


Illy: Ja, es ist eines der besten Länder! Bis vor ungefähr zehn Jahren war Deutschland das Land, das weltweit den besten Kaffee importierte, aus den besten Herkunftsländern dieser Welt. Zu dieser Zeit war der Import von Robusta-Kaffee nach Deutschland sehr gering. Dann begann sich dies zu verändern, denn deutsche Unternehmen stellten plötzlich Kaffee mit einem großen Anteil Robusta-Bohnen her. Unter anderem weil die Technik entwickelt wurde, um dem Robusta-Kaffee einige der schlechten Aromen zu entziehen. Letztlich war der Kaffee, betrachtet man den gesamten Markt, nicht mehr so gut wie zuvor. Just zu dieser Zeit ging auch der Kaffeekonsum in Deutschland deutlich und stetig zurück.

Erst vor Kurzem, etwa in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren, stieg die Kaffee-Qualität wieder an und die Deutschen begannen, viel Espresso zu konsumieren. Ich glaube, dass der deutsche Konsument eine besondere Beziehung zu Kaffee hat: Er ist auf der Suche nach dem besten Kaffee und falls er den nicht findet, zieht er es vor, gar keinen Kaffee zu trinken. Denn Kaffee konsumiert man aus zwei Gründen: zum Genuss oder für den Koffein-Kick. Robusta ist weniger Genuss, mehr Koffein-Kick. Falls Sie also das Geschmackserlebnis suchen, werden Sie vielleicht weniger Kaffee trinken, wenn die Mischung mehr Robusta statt Arabica enthält.

 

Verstehen die Konsumenten, dass guter Kaffee einen höheren Preis wert ist?


Illy: Ja und nein (lacht). Weil die Qualität des Kaffees so tief reicht, dass die Menschen den Unterschied sofort bemerken, vor allem jene mit Gespür. Wenn man wirklich das Gefühl hat, dass etwas gut ist, bedarf es nicht vieler Umschreibungen: Eine Tasse Espresso sagt mehr als tausend Worte. Qualität ist selbsterklärend.

 

Det Norske Veritas (DNV), eine der führenden unabhängigen Zertifizierungs-Stiftungen,

hat in Kooperation mit Illy ein neues Kaffeezertifikat entwickelt. Warum?

Illy: Dieses Zertifikat betrifft die Nachhaltigkeit der gesamten Zulieferkette. Illycaffè ist ein Fan von Zertifizierung, da wir der Meinung sind, dass dies ein aufrichtiger und transparenter Weg ist, um dem Endverbraucher unsere Methoden und Handlungsweisen näherzubringen – unser Statement zu transportieren. Das neue Zertifikat dient dazu, die ökonomische, soziale und ökologische Situation der Kaffeeproduzenten zu beurteilen.

 

Was ist neu an diesem Zertifikat?

Illy: Dieser Standard basiert auf drei Säulen: Erstens arbeiten wir Hand in Hand mit dem Hersteller, zweitens transferieren wir Know-how von und zu den Kaffeefarmern, drittens kaufen wir direkt für einen Preis über Weltmarktniveau – um Qualität zu belohnen. Wir wollen die Konsumentenzufriedenheit und den Profit der Bauern maximieren, ohne der Natur zu schaden.

 

Können Maßnahmen wie Zertifizierung garantieren, dass auch Kaffeepflücker einen fairen Lohn erhalten

und Kinderarbeit verhindert wird?

Illy: Ja, weil mit diesem Zertifikat der Standard auch in soziale Aspekte hineinreicht. Das heißt, auch der Mindestlohn für Pflücker und Kinderarbeit werden thematisiert. Das Zertifizierungs-Komitee überprüft die Farmen jährlich. Zudem müssen sich die Kaffeebauern im Voraus auf die Standards verpflichten. Das Zertifikat basiert auch auf Vertrauen. Eine hundertprozentige Garantie gibt es niemals. Doch es gibt Kontrollen, Gegenmaßnahmen und eine Rechenschaftspflicht.

Aber lassen Sie uns über das Thema Kinderarbeit separat sprechen. Kinderarbeit kennt verschiedene Formen. In einigen Ländern helfen die Kinder ihren Eltern einfach auf den Plantagen und pflücken mit ihnen zusammen den Kaffee. Falls sie das davon abhält, in die Schule zu gehen, ist das natürlich nicht in Ordnung. Es ist eine andere Sache, Kinder auszubeuten, wie das beispielsweise in China in Schuh- oder Spielzeugfabriken geschieht. Wo Kinder gezwungen, unterbezahlt und bestraft werden. Ich glaube, dass es solche Kinderarbeit auf 99 Prozent der Kaffeeplantagen nicht mehr gibt.