Design für Kinder

Ein Kinderzimmer kann eine Hölle aus buntem Plastik und überbordendem Kitsch sein. Oder langlebig und schön. So schön, dass es nicht nur den Kindern gefällt, sondern auch den Erwachsenen – und zum Erbstück für die nächste Generation wird.

Den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit kennt jeder, der Kinder hat. Gewitzte Kleidung – sie kann zu Hause bleiben, wenn das dreijährige Mädchen erstmal den pinken Fetzen mit Pailletten entdeckt  hat. Schönes Holzspielzeug  – schmählich ignoriert von dem Vierjährigen, der lieber ein glitzerndes Monster sein Eigen nennt. Die Vorlieben der Kleinen, sie korrespondieren nicht immer mit denen ihrer Eltern. Sollen sie auch nicht. Dennoch: Kindern zu begeistern für gut Designtes, gefertigt aus langlebigen Materialien,  gestaltet nach Prinzipien, die ganz weit weg sind von „Kitschiges in Pink für Mädchen, Wuchtiges in Blau für Jungen“, ist möglich.

Klassiker des Stuhldesigns – etwa den berühmten „Series 7™“ von Arne Jacobsen, den der dem Funktionalismus verschriebene Designer für Fritz Hansen entwarf, oder den S-förmigen Stuhl, den Verner Panton für Vitra gestaltete – gibt es ebenso in kindgerechten Maßen wie den „Eames Elephant“ aus unterschiedlich farbigem Kunststoff. Wirklich gut gestaltete Objekte sind genau auf die Kinder zugeschnitten. Ein Beispiel dafür ist „Hang it all“ von Vitra, gestaltet im Jahr 1953 von dem Designerehepaar Charles und Ray Eames. Diese Garderobe wirkt so reduziert und klar wie ein Mondrian- Gemälde, ihre dicken hölzernen Kugeln sind mit Bedacht ausgesucht. Da hängen selbst kleine Kinder ihre Jacken tatsächlich auf.

Nachhaltige Kindermöbelgestaltung 

Bei Kindermöbeln tritt die Zweiteilung des Marktes offenbar noch krasser zutage als in anderen Bereichen. Auf Möbelmessen wie in Mailand oder Köln etwa tut sich Insiderberichten zufolge ein Graben auf zwischen kitschigen, mit schrillen Fantasiefiguren, versehenen, vornehmlich in Rosa oder Blau gehaltenen Schränkchen und Tischchen einerseits und gut gestalteten, wertbeständigen Designstücken andererseits – wobei Letztere dann mit ihrer hohen Ästhetik oft anmuten, als kämen sie von einem anderen Stern.

Beispiele für in jeder Hinsicht nachhaltige Kindermöbelgestaltung sind die schlichten Schreibtische von der niederländischen Designerin Hella Jongerius: zweifarbig verspielt, aber doch in der Form genauso prägnant wie ihre Sofas, die es aus Utrecht in die ersten Möbelgeschäfte am Platz geschafft haben, und ihre Vasen, die in den Museen der Welt  ausgestellt werden. Oder der kleine Bruder des von Arne Jacobsen gestalteten, schon allein durch seine starke Taillierung ins Auge fallenden Stuhls „Series 7™“ (des meistverkauften Stuhls aller Zeiten – auch deshalb so berühmt, weil auf ihm einst, am Höhepunkt der  Profumo-Affäre, die Femme fatale Christine Keeler für den Fotografen posierte).

Ebenfalls eine Kinderversion gibt es von Mies van der Rohes „Barcelona Chair“, seit 1929 unvergänglich. Das Designunternehmen Knoll, das mit vielen seiner Produkte in Museen für  moderne Kunst steht, bietet dieses Modell seit einigen Jahren auch in kindgerechter Größe an. Ein Luxusgegenstand. In Handarbeit gefertigt. Aus verchromtem Edelstahl und Leder.

Designermöbel für Kinder

Sie sind mitnichten ein Phänomen einer übersättigten Gesellschaft und auch keine Erfindung der Gegenwart. Ray und Charles Eames etwa gestalteten schon in den Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Kinderstühle. Das wegweisende Designerehepaar entwarf Objekte, die die Kleinen sofort ansprachen – und heute in den Museen der Welt ausgestellt werden. Eames, der Name hinter berühmten Entwürfen wie dem „Lounge Chair“ aus Schichtholz und Leder, wurde mit Preisen überhäuft. Zusammen mit seiner Frau Ray entwickelte er während des Zweiten Weltkrieges ein ursprünglich für Flugzeuge vorgesehenes Verfahren, das später die Basis vieler seiner revolutionären Möbel-Entwürfe bildete: die Verformung von Schichtholz unter Dampf. Dieses Verfahren ermöglichte auch die geschwungenen Stühle seiner berühmten „Plywood Group“, die es bereits ab 1945 auch für Kinder gab. Das Ehepaar realisierte im gleichen Jahr einen charmanten Hocker in Elefantenform, der zunächst nicht in Serie ging. Heute ist er als robuste, drinnen und draußen rauen Kinderspielen gewachsene Kunststoffversion in Weiß, Eisgrau, klassischem Rot, Hellrosa und Limettengrün ein Meilenstein im Sitzmöbel-Design geworden.

Die wegweisenden Bugholzstühle der Thonet-Brüder wurden ebenfalls von  Produktionsbeginn, also von 1866 an auch für Kinder gefertigt. Doch viele der aufregendsten Entwürfe, die heute in Museen, Galerien und Geschäften zu finden sind, entstanden erst 100 Jahre später. Der stapelbare Kinderstuhl „K 4999“ etwa, ein Entwurf der bis heute  bedeutenden Industriedesigner Richard Sapper und Marco Zanuso – ein stapelbarer Stuhl mit prägnanten und doch knuffigen Formen. Aus spritzgegossenem Kunststoff und mit – Form follows Function – abgerundeten Kanten, die die Verletzungsgefahr minderten. Die Sechziger und Siebziger des zurückliegenden Jahrhunderts, sie waren eine Blütezeit für Kindermöbel der Sonderklasse, auch weil die Kunststoffrevolution so vieles ermöglichte, was vorher undenkbar war. Das neue Material war relativ unempfindlich – und leichtgewichtig.

Luigi Colani, der „Leonardo des Plastiks“, entwarf für Lübke 1971/1972 einen Sitz aus Polyäthylen in schockenden Farben. Mit einer Form, die ein skulpturaler Blickfang für die Eltern war und den Kindern auch ungewöhnliche Sitzpositionen ermöglichte. Frei von harten Kanten, mit einer extrem hohen Standfestigkeit. Colani hatte sich nicht an einem arrivierten Erwachsenendesign orientiert, sondern explizit ein Kindermöbel entworfen.

Gutes Spielzeug

In den 1960ern eroberte eine knallrote Schaukelskulptur, eine radikal stilisierte Version eines Pferdchens, die Kinderzimmer wie die Kunstgalerien. Dass gerade zu jener Zeit eigenständige Stücke entstanden, die eben keine miniaturisierten Erwachsenen-Möbel, darstellten, war nicht nur dem Trendmaterial Plastik zu verdanken, das neue Formen und schrille Farben ermöglichte. Es lag auch an der geistigen Haltung jener Zeit. „Damals wurden neue  pädagogische Konzepte diskutiert, etwa die antiautoritäre Erziehung“, erklärt Burkhard Remmers von dem niedersächsischen Unternehmen Wilkhahn, das Bürostühle und  Systemmöbel mit hohem Anspruch fertigt und dafür bereits vielfach ausgezeichnet wurde –  unter anderem mit dem Designpreis Deutschland und dem iF Award. An der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm wurde damals diskutiert, welcher Grad an Abstraktion für ein Kind ideal sei. Hans Gugelot etwa gestaltete Kinderspielmöbel von einer radikalen Schnörkellosigkeit, ausgezeichnet mit dem Bundespreis „Gute Form 71“. „Die kindliche Phantasie sollte das Produkt definieren, daher wurden diese Kisten als ideales Spielzeug wahrgenommen“, berichtet Remmers.

Kein Wunder, dass Wilkhahn zur Feier des 100-jährigen Firmenbestehens ein Objekt aus dieser Zeit neu auflegte. Die „Schaukelplastik“ von Walter Papst. Konsequent reduziert, wurde das ursprüngliche Modell 1960 als „Gutes Spielzeug“ ausgezeichnet. Die Neuauflage entstand in einem anderen Verfahren als das aus glasfaserverstärktem Kunststoff hergestellte Original. Ein technisch anspruchsvolles, teures Schleuderverfahren kam nun zum Einsatz. Eine Methode, die sich nur für kleine Stückzahlen wie die 1.500 der begrenzten Jubiläumsausgabe eignete. Dem niedersächsischen Unternehmen gelang so, eine Ikone des Designs wieder aufleben zu lassen. Sammlerstück und Spielzeug zugleich.

 

 

Das Design von Einrichtungsgegenständen hat in der jüngeren Zeit stark von immer besseren Beschlägen profitiert. So wurden etwa Schubladen für Wohnküchen ermöglicht, die so breit sind, dass man ein paar Wasserski darin verstauen könnte, sich aber mit einem Fingerstups schließen lassen. Diese einmalige Eleganz im Detail zieht auf Möbelmessen nicht selten die größten Besuchertrauben an. Was ein Quantensprung für das Möbeldesign ist, blieb jedoch im Kindermöbelmarkt bislang weitgehend ungenutzt – noch.

„Bisher haben solche technischen Innovationen den Babymöbelbereich kaum beeinflusst,  was ich sehr schade finde“, sagt Designerin Claudia Hüskes, deren Babymöbelserie DADO jüngst für den Deutschen Designpreis nominiert wurde. Die Gründe, weshalb im Babymöbelbereich immer noch mit klassischen Methoden, Materialien und Beschlägen gearbeitet wird, sieht Hüskes, die als ausgebildete Wirtschaftsingenieurin einen soliden technischen Hintergrund hat, zum einen darin, dass sich die Kosten für die aufwendigen Details bei knapper kalkulierten Kinderprodukten kaum lohnen. Zum anderen seien in diesem Bereich immense Auflagen bei den Materialien zu erfüllen. „Da bleiben die Hersteller lieber bei Altbewährtem, um nicht später davon überrascht zu werden, dass ein neues Material nicht speichelfest ist.“ Dass eine Kindermöbelserie für eine derart renommierte Auszeichnung nominiert wurde, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit – doch das schlichte Design hat die Jury angesprochen. Ein Stil, den Hüskes, selbst Mutter von zwei Kindern, mit Bedacht gewählt hat: „Es macht für mich wenig Sinn, verspielte und verschnörkelte Möbel zu entwickeln, die nach wenigen Jahren wieder entsorgt werden, wenn das Kind diese Phase entwachsen ist. Und das geht schneller, als es den Eltern anfangs klar ist.“

Das Design von Kinderstühlen 

Designer und Architekten von Weltrang haben sich in Kinderstühlen verewigt. Das Gestalten von Stühlen wird oft als eine Aufgabe der höchsten Schwierigkeitsklasse bezeichnet – so nah am Körper des Menschen muss jedes Detail stimmen, die Proportion perfekt passen. Eine Herausforderung auch in der Miniaturform. Dennoch stellen sich ihr viele Designer. Philippe Negro etwa machte Stühle aus Pappe. Von Alvar Aalto gibt es bei Artek bis heute einen schlichten Holzstuhl, entstanden bereits 1935. Alfredo Häberli entwarf für Offecct einen fahrbaren „Pick Up“ in Knallfarben – Stuhl, Wagen, Ablagefläche in einem. Auf Rollen. Die Form angelehnt an einen Truck. Bei Cappellini bekommt man – für mehrere Tausend Euro – eine limitierte Edition des Stuhls „Sunset Limited“ von Christophe Pillet.

Ein Unternehmen, das seit Jahrzehnten Design und Kinder ganz selbstverständlich zusammenbringt, ist Vitra. Berühmt für herausragende Büromöbel, für ein sicheres Gespür, wenn es um ungewöhnliche Architektur geht (siehe Vitra Design Museum, gebaut von Frank O. Gehry und gefüllt mit allem, was im Interior Design von Bedeutung ist). Vitra produziert Entwürfe von Jasper Morrison, von Philippe Starck, vertreibt die Ikonen des Möbeldesigns von Charles und Ray Eames, von Verner Panton, von Joe Colombo. In immer wieder überwältigend neuen Formen, aus ungewohnten Materialien. Und nahm und nimmt dabei stets auch die Kinder ernst – fernab von verkitschten, verrüschten Möbeln.

Der Panton Chair Junior, Uhren von George Nelson, der Eames- Elefant: Bei Vitra steht die Crème de la Crème des Kinderdesigns. Höchst populäre Entwürfe. „Das Interesse an  Gestaltung hat in den letzten 20 Jahren insgesamt stark zugenommen, das gilt auch für Kindermöbel“, sagt der CDO (Chief Design Officer) des Unternehmens, Eckart Maise. Die Anzahl spezialisierter Geschäfte sei gerade im letzten Jahrzehnt gestiegen, ebenso wie die entsprechender Publikationen. „Es gibt heute eine Vielzahl von Eltern, die ihren Kindern eine gesunde und inspirierende Einrichtung in hoher Qualität bieten wollen“, sagt Maise. Etwa mit der ikonischen Form des Panton Chair, der sich – um etwa ein Viertel verkleinert – als Junior-Version wiederfindet.

Dennoch, ein unkalkulierbarer Faktor bleibt: der tatsächliche Endkunde. Gefällt den Kleinen der ungewöhnliche Entwurf oder nicht? Wer Kinder hat, kennt das Gefühl der Verdutztheit, wenn man mit viel Liebe ein Geschenk ausgesucht hat – und die lieben Kleinen dann stattdessen begeistert mit dem Karton spielen. Er kennt aber auch das Gefühl der  Verblüffung, wenn ein Vierjähriger auf einen Bildband oder ein Plakat mit abstrakter Kunst schaut – und ohne irgendwas davon zu verstehen „Mama, das ist aber schön“ sagt. Die Auswahl mag ein Vabanquespiel sein – doch der Wert: unbezahlbar.