Die Einzelkämpferin

von Reinhart Buchner

Eine Werkstatt vor den Toren Hamburgs. Hier baut Ragna Gutschow minimalistische Möbel in höchster handwerklicher Perfektion. Gelernt hat sie in der väterlichen Tischlerei, die schon nach Entwürfen von Cäsar Pinnau Teile der Innenausstattung für Aristoteles Onassis‘ Privatyacht „Christina“ anfertigte.

Mit Design setzte sich Ragna Gutschow während ihrer Ausbildung nie bewusst auseinander, fühlte sich aber stets dem Bauhaus verbunden. So ist es ihr wichtig, dass ihre Möbel nicht reine Dekoration sind, sondern die Funktion im Vordergrund steht. Sie hat jedoch nichts dagegen, wenn sich dem Betrachter auf den zweiten Blick raffinierte Details an ihren vorzugsweise aus Birnbaum oder europäischen Ahorn gebauten Möbeln erschließen. Besonderen Wert legt sie auf Knöpfe und Griffe. Auch diese werden für jedes Möbel individuell entworfen und von ihrer Schwester gefertigt, einer Goldschmiedin.

Gutschow verwendet allerdings – für einen Möbeltischler eher ungewöhnlich – auch Stahl für ihre Entwürfe, und zwar immer dann, wenn Holz aus statischen Gründen zu massiv wäre und die filigrane Ästhetik eines Möbelstücks konterkarieren würde.

Alle Hölzer werden an klassischen Maschinen, die oft älter als 25 Jahre sind, zugeschnitten und dann von Hand verleimt. Eine CNC-Fräse oder andere computergesteuerte Maschinen sucht man in Gutschows Werkstatt vergeblich. Sämtliche Arbeiten führt die Meisterin persönlich aus, denn sie ist überzeugte „Einzelkämpferin“. Bei so viel Handarbeit vergeht vom ersten Entwurf bis zur Fertigstellung des Möbels mindestens ein Monat, im Extremfall sogar ein Jahr. Der Kunde muss also etwas Geduld mitbringen. Dafür wird er aber auch in den gesamten Produktionsprozess miteinbezogen.

Zu Beginn besucht Gutschow ihn zu Hause, um einen Eindruck zu gewinnen, in welches Umfeld sich das von ihr gefertigte Möbel einfügen soll und welche funktionalen Wünsche der Auftraggeber hat. Dann macht sie erste Skizzen und baut ein Modell im Maßstab 1:5. Kommt es zum Auftrag, darf der Kunde die Entstehung seines Möbels in der Werkstatt begleiten und sogar noch während der Herstellung Änderungswünsche einbringen. Von diesem Angebot machen fast alle Auftraggeber tatsächlich Gebrauch. Sie kommen aus sämtlichen Altersschichten und teilen ein Gefühl für Ästhetik und Nachhaltigkeit. Naturgemäß ist ein Möbel aus Gutschows Werkstatt nicht billig. Die vielen Arbeitsstunden und die ausgesuchten Materialien haben ihren Preis. Im Gegenzug erhält man aber ein Unikat von hoher Gestaltungs- und Verarbeitungsqualität, das einen ein Leben lang begleitet. Im Idealfall freuen sich auch noch die Enkel über das Erbstück ohne ästhetisches Verfallsdatum.

www.ragnagutschow.de