Peccatum mortale – Die sieben Todsünden 

Kinofilme wurden nach ihnen benannt, In-Bars tragen ihren Namen und sie wurden von der Klassik bis zur Popmusik besungen. Warum die sieben Todsünden nicht nur gläubige Christen begleiten.

von Dr. Christoph Netta 

Die sieben schlechtesten Charaktereigenschaften des Menschen, die sieben Todsünden, führen nach christlicher Glaubenslehre und westlichem Weltbild zum Untergang des Individuums aber auch der Gemeinschaft. Doch diese Hauptsünden sind nicht nur im christlichem Glauben relevant. Sie begründen, was wir heute als gesellschaftlich nicht erwünschtes Verhalten festlegen – oder schlicht als Straftaten nach dem Strafgesetzbuch. So ist Gier die Ursache für Diebstahl und Raub; Jähzorn die Ursache von Mord und Totschlag. Ihnen gegenüber stehen die Kardinaltugenden, die letztlich zu einem guten Leben führen sollen.

Die sieben Todsünden gibt es in anderer Gestalt und Zahl in vielen Kulturen und Religionen. Sie sind eine Art Weltmoral. Selbst Mahatma Gandhi hat die sieben Todsünden der modernen Welt wie folgt definiert: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opferbereitschaft und Politik ohne Prinzipien. Sila heißen die fünf Tugendregeln im Buddhismus. Die fünf Silas lauten: kein Lebewesen töten oder verletzen, nichts nehmen, was nicht freiwillig gegeben wird, sich keinen anstößigen sexuellen Freuden hingeben, nicht lügen und nur wohlwollend sprechen und keine berauschenden Substanzen konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.



1. Superbia – die Hochmut

Hochmut oder übertriebener Stolz, Hybris, Eitelkeit und Übermut bedeuten Arroganz und Anmaßung, Angeben, Prahlen und Wichtigtun. Hochmut ist die Weigerung, sich in seiner eigenen Menschlichkeit anzunehmen. Diese Arroganz und Selbstüberschätzung zielt auf soziale Distanz und wertet Menschen ab. Soziologisch betrachtet ist sie die Ursache für unterschiedliche Gesellschaftsschichten und aus politischer Sicht ist sie die Basis für gefährlichen Nationalismus. Dem Hochmut entgegen steht die Kardinaltugend der Demut. Der Demütige erkennt, dass die Welt sich nicht um ihn dreht. Ausdruck der Demut ist die Achtung der Menschenwürde, die Höflichkeit und die Wertschätzung anderer.

2. Avaritia – der Geiz 

Geiz ist die zwanghafte und übertriebene Sparsamkeit, verbunden mit dem Unwillen seinen Besitz zu teilen. Geiz ist eine angstbesetzte Lebensverneinung, denn das Haben, das Anhäufen materieller Güter, ist dem Geizigen wichtiger als das Leben. Das Leben und die Mitmenschen machen nachhaltig glücklich, während Materielles immer nur kurzfristige Befriedigung verschaffen kann. Im schlimmsten Fall führt Habgier zu Diebstahl und Betrug und schädigt dabei die soziale Gemeinschaft im hohen Maße. Außerdem grenzt Habgier benachteiligte und bedürftige Menschen aus. Der Geizhals hat durch unmoralische Geschäfte materiellen Reichtum angehäuft, das Schicksal anderer Menschen bewegt ihn aber nicht, er übervorteilt insbesondere die Schwachen. Dem Geiz gegenüber steht die Caritas, die göttliche Liebe verstanden als Hochachtung, Wertschätzung, Wohltätigkeit und Mildtätigkeit.

3. Luxuria – die Wollust

Die schönste aller Todsünden ist wohl die Wollust, die Ausschweifung, die Genusssucht und das ausufernde Begehren. Diese sexuelle Begierde wird von Trieben und Verlockungen bestimmt. Das Gegenteil dazu ist die Frigidität. War in der katholischen Morallehre eher ein sittenloser, unmoralischer Lebenswandel gemeint, ist heute damit allgemeiner der Anstand im sexuellen Umgang angesprochen. Dabei geht es weniger um sexuelle Handlungen an sich, als um den Kontext in dem diese stehen. Das diese Überlegungen auch heute noch relevant sind verdeutlicht das Beispiel der sexuellen Gewalt. Trotzdem ist der Begriff der Wollust etwas aus der Mode gekommen und so führt die Suche nach ihr im Internet auch nicht zu Anbietern von Pornoseiten, sondern zu Arbeitstechniken für das Naturprodukt Wolle.

4. Ira – der Jähzorn 

Der Jähzorn, die Wut, der Groll, die Bitterkeit und die Rachsucht entsteht aus dem Affekt des Zorn. Ihm zugrunde liegen starke Aggressionen sowie Rücksichtslosigkeit gegen sich und andere. Dieser Zorn ist höchst destruktiv, führt zu Mord und Totschlag und allen möglichen Gewalttaten gegenüber sich und anderen. Das Gegenteil des Jähzorns ist die Liebe und die Zuneigung, ebenfalls zu sich selbst und zu anderen.

5. Gula – die Völlerei

Die Völlerei, die Gefräßigkeit, die Maßlosigkeit, die Selbstsucht zeigt sich im übermäßigem Essen und Trinken. Die Völlerei ist Ausdruck der Undankbarkeit für die Gabe des Lebens und damit nach der christlichen Lehre letztendlich Undankbarkeit gegenüber Gott. Heute steht die Völlerei eher aus medizischen Gründen in der Kritik. Übermäßiger Genuß von Alkohol und Kohlehydraten, Rauchen und Drogen schadet dem Einzelnen wie der Gesellschaft insgesamt. Der Völlerei entgegen steht die Mäßigung, eine der vier Kardinaltugenenden. Gemeint ist die Rücksicht im Umgang mit Menschen, die Besonnenheit im Umgang mit der Welt, der Natur und das „nicht alles haben wollen“. Im modernen Kontext geht es auch um den vernünftigen Konsum, der nicht auf Kosten von woanders und nicht auf Kosten von morgen stattfinden sollte. Die Mäßigung ist eine neue Form der Bescheidenheit.

6. Invidia – der Neid

Neid, Eifersucht, Missgunst treten in zwei Ausprägungen auf. Zum einem die Gier auf den Besitz anderer und zum anderen das Verlangen, dass die beneidete Person diesen Besitz verliert. Letzteres ist die Missgunst, eine hoch destruktive Verhaltensweise, die auf die Schädigung anderer ausgerichtet ist. Das Übel des Neids besteht im krampfhaften und sinnlosen Vergleich mit anderen. Neid führt zu negativen Emotionen und Handlungen wie Hass, Schadenfreude, Verrat, Sabotage oder übler Nachrede. Somit Neid ist die beste Handlungsanleitung für ein unglückliches Leben. Natürlich kann gesunder Neid auch konstruktiv sein, zum Beispiel wenn er Ansporn für eine berufliche Karriere ist. Auch ein der Großvater, der die Enkel um ihre Jugend und Unbekümmertheit beneidet, tut dies ja in liebevoller Zuneigung. Er will sie seinen Enkeln nicht wegnehmen, stellt aber traurig fest, dass die Jugend bei ihm selbst nicht mehr wiederkommt.

Dem Neid gegenüber steht die Gerechtigkeit sowie die Caritas, die göttliche Liebe verstanden als Hochachtung, Wertschätzung, Wohltätigkeit und Mildtätigkeit.

7. Acedia – die Faulheit

Faulheit, Feigheit, Ignoranz, oder besser beschrieben als Trägheit des Herzens, richtet sich im Christentum gegen die Verpflichtungen des Lebens und insbesondere gegen das, was Gott von den Menschen verlangt, nämlich Zuwendung und Liebe. Sie reagiert mit Trotz und Abneigung gegen wichtige Verpflichtungen. Sie ist Ausdruck der Missachtung sich selbst gegenüber und letztlich die Ablehnung seiner selbst. In anthropologischer Sicht bedeutet Faulheit einen Widerspruch zu der dem Menschen eigenen Würde und damit zu seiner Existenz. Ihr Ausdruck ist Bosheit, Groll, Kleinmütigkeit aber auch Verzweiflung sowie die Gleichgültigkeit gegenüber Gesetzen und Normen. Gesellschaftlich gehört jeglicher Werteverfall zu dieser Kategorie. Ihr gegenübergestellt sind die Kardinaltugenden Glaube, Liebe und Hoffnung aber auch die Tapferkeit und Tatkraft.

Letztlich kann man die die sieben Todsünden als Anleitung für ein schlechtes Leben verstehen und ihnen entgegengesetztes Handeln somit als Anleitung für ein gutes Leben. Auch außerhalb des christlichen Kontexts ist ihre Essenz allgemeingültig und in unserer Gesellschaft im Sinne von Werten und Moral verankert. In ihnen verwurzelt ist außerdem auch die Erkenntnis, dass das gute Leben des Einzelnen zu einer besseren Gemeinschaft führt.