Donald Judd – der Allroundkünstler

von Dr. Christoph Netta

In den 1960er Jahren wollte Donald Judd etwas ändern. Gemälde, die bloß an der Wand hängen, interessierten den ehemaligen Kunstkritiker nicht mehr. Auch wenn er so seine eigene künstlerische Laufbahn begann, befriedigte ihn das zweidimensionale Malen nicht mehr. Der tatsächliche Raum wurde für ihn aussagekräftiger und so begann er mit der „dreidimensionale Malerei“. Er schuf Skulpturen aus Beton und Aluminium, Geometrischen Kunstwerke aus vorhandenen industriellen Werkstoffen. Judd „malte“ mit Licht, Schatten und klaren Farben. Beeinflusst durch das Bauhaus, steht er mit Kollegen und Freunden wie Dan Flavin, John Chamberlain und Claes Oldenburg für diese neue Kunstform, den amerikanischen Minimalismus.

Diese Kunst braucht Platz und so kaufte Donald Judd 1968 zunächst ein fünfstöckiges Haus in der Spring Street 101 in Manhattan, baute es um und entwarf Möbel und Kunstwerke. Heute gehört es der Judd Foundation und kann besichtigt werden. Doch New York wurde ihm bald zu eng für seine großen Kunstwerke und seine noch größere Ideen. Inmitten der größten, menschenleersten Einöde der USA fand er diesen Platz. Ein texanisches Kaff namens Marfa bot ihm in den 70iger Jahren alles, wonach er suchte: Preiswertes Land und viele leerstehende Gebäude. Judd kaufte nach und nach Lagerhäuser, eine Bank, den Ballsaal der Stadt und ein 140 Hektar großes ehemaliges Militärgelände mit 30 teils verfallenen Baracken, inklusive eines aufgegebenen Munitionsdepots und Flugzeughangars.

„I’ve never built anything on new land“

Und mit den bestehende Gebäuden verwirklichte Judd hier seinen Traum: um- und ausbauen, aber niemals einreißen. „Next to the bomb the bulldozer is just the most destructive invention of this century“, so seine Überzeugung. Donald Judd glaubte fest daran, dass es genügend Gebäude gibt, die man weiterentwickeln kann und es daher keinen Grund gebe, auf leerem Land zu bauen. Und was er neu entwarf, bestand zumindest aus gebrauchten Materialien. So auch seine schlichten und praktischen Möbel. Stühle, Tische und Kommoden aus Aluminium, die bis heute vom Schweizer Möbelhersteller Lehni in der „Judd Collection“ nachgebaut werden.

 

Marfa war aber nicht etwa bloße Werkstätte des Künstlers, sondern sein Lebenszentrum. In dem „Block“, einem ehemaligen Lager für Offiziere der US Army, baute er für sich, seine Familie und Freunde eine erste Künstlerkolonie mit Pool, Wein, Nutzgarten, Hühnerstall und vor allem mit unglaublich viel Platz. So wurde der Hippie Traum vom künstlerischen Leben in der Wüste geboren.

Vom Niemandsland zum Kunstzentrum

Auch 40 Jahre später kann man Marfa, Texas getrost als Kaff bezeichnen, aber Donald Judd hat den Ort nachhaltig verändert. Mitten in der Wüste stehen Betonskulpturen in der Größe einer Fertiggarage und 100 großvolumige Skulpturen aus Aluminium, von denen keine der Anderen gleicht. Ein unwirklicher Ort, verbunden mit den Sehnsüchten der 70er Jahren: Kein Wunder, dass Marfa heute ein regelrechter Pilgerort für moderne Kunst ist. Ohne die Prestigepaläste moderner Museumsbetriebe, nur die Wüste und die Kunst, so hatte Donald Judd es sich erträumt. Ein Werk, das noch lange nach seinem Tod 1994 anhält und anhalten wird.