Ethoxyquin: Die Chemikalie im Fisch

von Aurelie von Blazekovic

Die Bucht von Chimbote in Peru. Hört sich nach Strand, Meer und Entspannung an. Und das war das ehemalige Fischerdorf am Südpazifik auch mal. Ein Ferienort in der kargen Küstenlandschaft zwischen Ozean und Andenausläufern. Doch das ist lange her, heute ist Chimbote kein Fischerdorf, sondern ein internationales Zentrum der Fischindustrie und das Gegenteil eines Ferienortes. Denn die intensive Fischerei hat das Wasser der Bucht in eine Kloake verwandelt, wie eine Reportage des ZDF zeigt: die riesigen Fangschiffe lassen dort unter anderem Fischabfälle und blutiges Wasser ab. Über weiten Teilen der Stadt hängt der faule Geruch der Fischindustrie, der Fischmehlfabriken.

Tonnen an Sardellen, Anchovis und darunter wohl auch andere, geschützte Fischarten, werden hier aus dem Wasser gezogen, um dann zerschreddert zu werden. Die Fische aus Chimbote sind Fischfutter für Zuchtanlagen aus aller Welt. Für die Fische, die heute von uns gegessen werden und modern sind: Lachs, Forelle, Wolfsbarsch, Dorade.

Fische für die Fische

4,5 Millionen Tonnen von dem Fischmehl werden allein in Peru jährlich produziert. Aus fünf Kilo Fisch wird nur ein Kilo Futter. Das heißt, mindestens 20 Millionen Tonnen Fisch werden allein in Peru nur für diesen Zweck gefangen. Gigantische Mengen, die wir brauchen, weil der weltweite Fischhunger immer weiter wächst. Dank Sushi-Trend und schickem Räucherlachs macht sich das auch im Fleischfresserland Deutschland bemerkbar.

Und wieso auch nicht, denn ist es nicht das, was von Ernährungsexperten immer wieder gepredigt wird? Mehr Fisch und weniger Fleisch essen, wichtige Omega-3-Fettsäuren statt cholesterintreibendem, rotem Fleisch. Alles nicht unwahr, wenn Fisch und Fleisch keine anderen Schadstoffe in sich trügen.

Ethoxyquin im Fisch

Doch in der Fischindustrie gibt es eine Lücke im System der Schadstoffgrenzwerte namens Ethoxyquin. Diese Chemikalie ist eigentlich in Pflanzenschutzmitteln enthalten, in der EU aber seit 2011 verboten. Nicht aber in EU-Fisch, denn in der Fischmehlproduktion wird Ethoxyxquin weltweit verwendet, um die Brandgefahr des trockenen Mehls zu verringern und es für den Transport haltbar zu machen. Ethoxyquin darf übrigens laut EU-Regelung nicht in Tierfutter für die Fleischproduktion enthalten sein, aber für Futter in der Fischzucht gibt es schlicht keinen Grenzwert. Und unser Lieblingsfisch, norwegischer Zuchtlachs, aber auch Heilbutt und Forelle, ist belastet. Eine aktuelle Studie von Greenpeace schlüsselt Ergebnisse für verschiedene Supermarktprodukte auf. Vor allem Lachs schneidet hier schlecht ab und auch Bio-Produkte sind belastet.

Darüber, wie sich Ethoxyquin auf unsere Gesundheit auswirkt, gibt es aber so gut wie keine gesicherten Erkenntnisse. Deshalb kam auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bei einer Neubewertung der gesundheitsgefährdenden Auswirkungen von Ethoxyquin Ende 2015 zu keinem abschließenden Ergebnis. Dr. Alexander Brinker von der Fischereiforschungsstelle Langenargen sagt dazu „Ethoxyquin kann, wie viele andere Stoffe auch, abhängig von der aufgenommenen Menge, gesundheitsschädlich sein“. Die Chemikalie reichert sich nachgewiesenermaßen in Fettgewebe und Muskelfleisch von Fisch an, aber was macht der Stoff in unserem Körper?

„Das Thema Ethoxyquin in Fisch wird seit der Jahrtausendwende regelmäßig in der Öffentlichkeit thematisiert“, sagt Dr. Brinker. Aber da bis heute niemand sagen könne, ab welcher Höchstmenge Ethoxyquin gesundheitsschädlich sei, bleibe die Diskussion oft spekulativ. Auch der Vergleich zu Grenzwerten in Fleisch sei nicht unbedingt zielführend. Und obwohl der Stoff als Zusatz in Futtermitteln in der zuständigen EU-Kommission diskutiert werde, sei bislang keine Lösung in Sicht.

Keine Alternativen?

Dabei gibt es auch Alternativen für Ethoxyquin in der Fischmehlproduktion, die auch teilweise bereits genutzt werden. Nur wirken diese weniger antioxidantisch und müssen daher in größeren Mengen untergemischt werden. Außerdem sind sie viel teurer und laut Dr. Brinker auch in Bezug auf ihre Gesundheitsgefährdung keinesfalls unumstritten.

Unsere Lebensmittelindustrie, in der Fisch, Fleisch und das Futter für die Zucht um die halbe Welt transportiert werden, wirft immer wieder neue Probleme auf. Gute Lösungen zu finden ist nicht leicht, vor allem, wenn wie im Falle von Ethoxyquin, auch nach Jahren der Diskussion nicht einmal klar ist, wie schädlich der Stoff überhaupt ist.

Derzeit ist die einzige Möglichkeit der Chemikalie aus dem Weg zu gehen, Fisch aus Aquakulturen zu vermeiden und stattdessen auf Wildfang zurückzugreifen. Oder aber mal wieder den heimischen Karpfen zu wählen, der sich von Insektenlarven und pflanzlichem Futter ernährt. Denn Karpfen lebt laut Greenpeace ökologisch-artgerecht und kommt daher völlig ethoxyquinfrei auf unsere Teller.


Dr. Alexander Brinker von der Fischereiforschungsstelle Langenargen:

Ethoxyquin ist lipophil, das heißt es reichert sich unter anderem in Fettgewebe an. Bei Untersuchungen an Mäusen und Ratten wurden Ethoxyquin in Leber, Niere und Gehirn nachgewiesen, bei Fischen im Fettgewebe und Muskelfleisch. Es wird davon ausgegangen, dass Ethoxyquin eine geringe akute Toxizität aufweist. Die Datenlage insbesondere für chronische Toxizität ist extrem dünn, es existieren bisher kaum ordnungsgemäß durchgeführte Studien. Weiterhin gibt es Hinweise auf genotoxische und kanzerogene Eigenschaften (d.h. Genveränderungen und Krebserkrankungen). Auch positive Effekte von Ethoxyquin sind dokumentiert, so wurde festgestellt, dass Ethoxyquin die durch Chemotherapie induzierte Neurotoxizität verringern kann.