Foodsharing – Teilen statt wegwerfen

von Eva Morlang

81 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder von uns im Schnitt pro Jahr in den Müll. Dazu kommen weitere Millionen Tonnen Lebensmittel, die gar nicht erst beim Verbraucher landen, sondern schon vorher aussortiert werden, weil sie zu groß, zu klein, zu krumm oder zu fleckig sind. Eine Studie der Universität Stuttgart von 2012, gefördert vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, machte die maßlose Verschwendung öffentlich und zeigte: Über die Hälfte der Abfälle wäre vermeidbar.

Unter dem Namen „Foodsharing“ hat sich in Deutschland in den letzten fünf Jahren eine bundesweite Bewegung entwickelt, die der Verschwendung den Kampf ansagt. Was mit einem Lebensmittelretter und einem Bio-Supermarkt in Berlin anfing, ist inzwischen ein Netzwerk mit mehr als 20.000 ehrenamtlich Aktiven.

Auf der Plattform foodsharing.de kann sich jeder kostenlos anmelden. Das Teilen funktioniert auf zwei Ebenen: zum einen von privat zu privat. Wenn ich zum Beispiel kurz vor dem Urlaub zu viel eingekauft habe, und meine Lebensmittel nicht rechtzeitig leer bekomme, kann ich bei foodsharing eingeben, was ich abzugeben habe. Meine Reste werden als „Essenskorb“ auf einer Landkarte angezeigt. Andere angemeldete Mitglieder können dann meine Adress- oder Kontaktdaten einsehen und die Lebensmittel bei mir abholen.

Film „Taste the Waste“ sorgte für Aufmerksamkeit

Die zweite Ebene ist das Retten von Lebensmitteln in größeren Mengen, zum Beispiel bei Supermärkten oder auf dem Wochenmarkt. Wer ehrenamtlich regelmäßig Lebensmittel retten möchte, zum Beispiel einmal in der Woche beim Bio-Supermarkt um die Ecke zwei große Kisten abholen, kann sich hier anmelden und wird dann mit entsprechenden Märkten in Verbindung gebracht. Vorher wird in einem Quiz getestet, ob sich das neue Mitglied denn auch ausreichend mit Lebensmitteln auskennt.

Welches Ausmaß die Lebensmittelverschwendung in Deutschland annimmt, war schon 2011 in den Kinos zu sehen: in einem Film des deutschen Dokumentarfilmers Valentin Thurn mit dem Namen „Taste the Waste“. Kurz darauf erwachte die Foodsharing-Bewegung zum Leben. In Berlin schloss Raphael Fellmer (inzwischen bekannt aus den Medien, da er seit mehreren Jahren ohne Geld lebt) die erste Kooperation zur Lebensmittelrettung mit Georg Kaiser, dem Geschäftsführer der Supermarktkette Bio Company.

Ursprünglich zwei verschiedene Plattformen

Parallel wurde in Köln foodsharing e.V. gegründet, eines der ersten Mitglieder war Valentin Thurn, der Regisseur von „Taste the Waste“. Über ein Crowdfunding konnte die Plattform foodsharing.de auf die Beine gestellt werden, die Ende 2012 online ging. Innerhalb der ersten drei Monate meldeten sich schon Zehntausende Menschen an. Der Kölner Raphael Wintrich programmierte ehrenamtlich eine zweite Plattform, lebensmittelretten.de, die vor allem die Koordination der Lebensmittelabholer vereinfachen sollte. Seit Ende 2014 sind die beiden Plattformen fusioniert.

Foodsharing.de wird inzwischen bundesweit von einem Orgateam aus 30 Ehrenamtlichen betrieben. Die einzige bezahlte Stelle ist der Minijob der Geschäftsführerin. Mittlerweile sind mehr als 26.000 ehrenamtliche Foodsaver registriert, mehr als 3.300 Betriebe kooperieren, in dem sie ihre Reste von den Foodsavern abholen lassen. Neben den großen Städten Berlin, Köln, München und Hamburg ist Darmstadt besonders aktiv.

Zusammenarbeit mit der Tafel

Aber steht Foodsharing nicht in Konkurrenz zu den deutschen Tafeln, die seit mehr als zwanzig Jahren Lebensmittel retten und an Bedürftige abgeben? So lautete häufig die teilweise berechtigte Kritik an Foodsharing. Zusammenarbeiten anstatt zu konkurrieren, lautet die Lösung. Seit 2015 gibt es eine offizielle Kooperation.

Laut dem Bundesverband der Deutschen Tafel sind vor allem die kleinen Essensmengen von Privatpersonen für die Tafel nicht verwertbar, weil der logistische Aufwand zu hoch wäre, die kleinen Mengen abzuholen. Angebote in der Größenordnung weist die Tafel nun an Foodsharing weiter. Außerdem sind Lebensmittelretter auch am Wochenende im Einsatz, die Tafel nicht. Foodsharing soll dafür große Lieferanten an die Tafeln vermitteln, die dafür auch logistisch besser aufgestellt sind, als die ehrenamtlichen Foodsaver, die häufig nur mit Fahrradanhänger unterwegs sind.

Außerdem untersteht die Tafel strengeren Hygienevorschriften, so wie Lebensmittelunternehmen. Bei Foodsharing dagegen beruht vieles auf Vertrauen – auf die Lebensmittelspender und auf die eigenen Sinne. Bei Foodsharing können problemlos bereits zubereitete Gerichte verteilt werden, zum Beispiel ein Rest Nudelsalat. Den dürfte die Tafel aus hygienischen Gründen nicht annehmen.

Foodsharing-Gruppen bei Facebook

Parallel zu der bundesweiten Foodsharing-Plattform gibt es verschiedene lokale Netzwerke. Bei Facebook gibt es in vielen Städten Gruppen, in denen Lebensmittel verschenkt und getauscht werden. Besonders groß ist die Facebook-Gruppe Foodsharing Mainz. Ein Jahr nach der Gründung 2013 zählte sie 6000 Mitglieder, inzwischen sind es mehr als 11.000. Täglich wird hier Übriggebliebenes angeboten, ob Brot, Gemüse oder Konserven.

Natürlich nutzen das viele Menschen auch aus finanziellen Gründen, wenn zum Ende des Monats das Geld knapp wird. Aber viele Menschen beteiligen sich auch aus Überzeugung am Lebensmittelretten. „Anfangs wurde das Teilen als „öko“ abgestempelt, aber das ist längst nicht mehr so“, sagt Simon Neumann, der die Gruppe, damals als Politikstudent, gegründet hat. Er selbst wurde für das Thema sensibel, als er in der Gastronomie jobbte und sah, wie unangerührte Delikatessen weggeworfen wurden.
Auch in vielen anderen Städten findet in den Facebook-Gruppen ein reger Austausch statt. Die Gruppe in München zählt 6000 Mitglieder, ebenso viele sind es in Münster. Die Gruppe für Leipzig kommt auf 7000, Halle (Saale) auf knapp 4000 Mitglieder.

Wichtige Umschlagpunkte für Foodsharing sind in vielen Städten sogenannte „Fairteiler“. Das sind Orte, an denen jeder Lebensmittel abgeben und auch abholen kann, zum Beispiel Kühlschränke in Kulturzentren oder Geschäften, die die Idee unterstützen, oder auch einfache Holzregale mit Plastikfächern, die von Ehrenamtlichen regelmäßig gesäubert werden. Ein solches Regal hat in Halle (Saale) zum Beispiel der Studierendenrat gebaut und auf dem Uniplatz aufgestellt.

Gemeinsam schnippeln gegen Verschwendung

Wie viel Spaß es machen kann, Lebensmittel zu retten und dann gemeinsam damit zu kochen, beweist Talley Hoban, eine Koryphäe in der Foodsharing-Szene. Vor vier Jahren begann Hoban im Kulturpark Wiesbaden regelmäßig „Schnippelpartys“ zu veranstalten, bei denen sie jeden dazu einlud, mit ihr aus geretteten Lebensmitteln gemeinsam etwas zu kochen. Bergeweise Gemüse wurde dort geschnippelt, teilweise für über hundert Leute gekocht. Irgendwann waren die Schnippelpartys in ganz Deutschland unterwegs. Die Wiesbadenerin wird noch immer zu Festivals und privaten Events eingeladen, um mit Gruppen zu schnippeln.

Seit letztem Sommer betreibt Hoban außerdem ein eigenes Restaurant im Taunus. Auf der Karte stehen regionale und saisonale Gerichte, nicht alle aus geretteten Zutaten. Für Hoban zählt beim Teilen statt Wegwerfen vor allem der Gedanke der Nachhaltigkeit. „Wir wissen heute, dass wir schonend mit der Erde umgehen müssen. Den Generationen, die noch ein Weilchen auf dieser Welt leben werden, gibt so etwas wie Foodsharing Hoffnung, dass man etwas verändern kann“ sagt sie.


Tipps zur richtigen Lebensmittellagerung und Resteverwertung auf der Seite der Kampagne Zu gut für die Tonne