Hotel Kristiania: Das beste kleine Hotel der Alpen

von Michael Möser

Der Klassiker in Lech am Arlberg setzt unter der Regie von Gertrud Schneider auf Stil, Kunst und Klimaschutz. Mal davon abgesehen, gilt das Kristiania als eines der besten kleinen Hotels in den Alpen.

Fast ein Märchen 

Wenn ein Österreicher ein Skirennen gewinnt, ist er ein Nationalheld. Wenn er Olympiasieger wird, ist er noch zu Lebzeiten eine Legende. Die Geschichte über eines der bekanntesten Alpenhotels, in einem der berühmtesten Skiorte der Welt kann also nur so beginnen: Der Vorarlberger Othmar Schneider holte 1952 in Oslo Olympia-Gold im Slalom und Silber in der Abfahrt. Damit war er ein Star, der später dem lukrativen Ruf nach Amerika folgte. In den Sechzigerjahren trainierte der Hero das US-Skiteam und leitete eine Skischule in Chile. Sehr ungewöhnlich. Doch dann hatte er genug von der Ferne und es zog ihn wieder in seine Heimat. Ursprünglich wollte Schneider an einem der schönsten Plätze von Lech am Arlberg ein großes Haus für seine Familie bauen. Aber dann entschied er sich anders und machte das Kristiania 1968 zu einem Gästehaus mit 15 Zimmern. Zunächst nur für Freunde, später für Reisende aus aller Welt. Wie er auf den Namen kam, fragt sich nun vielleicht der ein oder andere. Ganz einfach: Oslo hieß bis 1925 Kristiania.

Der Blick von der Hotelterrasse ist heute fast unverändert wie vor 50 Jahren. In Teakholz-Liegestühlen nimmt man, gut eingewickelt in dicke, flauschige Decken, seinen Après-Ski-Tee. Das Kännchen steht auf einem Beistelltischchen, das aus alten Skispitzen zusammengenagelt wurde. Wohlig warm. Man lässt den Blick schweifen: an einer Handvoll Häusern vorbei, über verschneite Wiesen, zu den Lecher Hausbergen und bis zur markanten Kulisse der Roten Wand, die sich im milchigen Nachmittagslicht am Horizont abzeichnet. Lech ist ein Schneeloch. Die Skisaison beginnt im Dezember und endet meist erst nach Ostern. Für Gertrud Schneider, Tochter der Ski-Legende, beginnen die Vorbereitungen bereits im Herbst. Sie führt das Haus seit 1992. Dass sie es übernommen hat, kann man nicht sagen, vielmehr ist sie hineingewachsen. In eine Familie mit vielen Freunden und Bekannten aus aller Herren Ländern.

 

 

Gute Seele

Aufgewachsen ist sie in einem künstlerischen Umfeld. Die Großeltern waren leidenschaftliche Kunstsammler, auch der Großonkel, die Mutter ist es heute noch. „Bei uns waren immer Künstler zu Hause“, erinnert sich die Hotelchefin. Herangewachsen ist sie natürlich mit einem starken Bezug zur Natur, zu den Bergen, zum Skifahren. Aber auch von Beginn an in einem mit viel Phantasie eingerichteten Haus. „Meine Schwester und ich durften von klein auf immer ins Hotel kommen“, erinnert sich Gertrud Schneider. „Meine Mutter hat es uns immer als Märchenschloss verkauft. Es war auch immer das Baby meiner Mutter, sie hat sich um das meiste gekümmert. 1978 haben wir umgebaut, es kamen neue Zimmer dazu, aber erst zehn Jahre später wurde es immer mehr zu meinem Hotel.“ Kenner sprechen heute von einer Perle, einem Juwel, das sich wohltuend von dem abhebt, was Österreich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – an Klischees und Kopien im pseudomodernen Hotelstil zu bieten hat. Das Kristiania ist auch deswegen Mitglied der erlauchten Vereinigung Small Luxury Hotels of the World. Von diesem edlen Zirkel wurde es 2009 als „Best Hotel of the Year“ ausgezeichnet. Wer nur ein paar der anderen SLHW-Häuser kennt, weiß, welche Krönung das bedeutet.

Dabei ist der Texter des Hotelprospekts verblüffend aufrichtig: „Ich mache Ihnen nichts vor. Das Hotel ist klein. Die Wellness-Anlage suchen Sie vergebens und die Fassade mit dem Siebzigerjahre-Touch gibt doch nichts her. Ist aber auch nicht wichtig. Es geht um die inneren Werte“. In der Tat ist die Atmosphäre außergewöhnlich, wie man sie nur in wenigen elitären Hotels rund um den Erdball findet. „Das liegt auch“, wie es ein Gast unlängst beschrieb, „an den unglaublich interessanten Leuten, die man hier trifft und ganz ungezwungen kennenlernen kann.“ Von Bonvivants bis Belesprits ist die Rede. „Sehr internationale, gebildete Gäste, man kann mit ihnen über Kunst sprechen“, ergänzt Gertrud Schneider.

Schon nach dem ersten Erkundungsgang durch das Alpenhotel erkennt man, mit wie viel Feingefühl und Verstand die Kunststücke und Interieurs zusammengetragen wurden. „Das macht alles meine Mutter, sie sammelt vor allem konkrete Kunst, auch Dinge, die etwas über Österreich erzählen.“ Wiener Caféhausstühle und Designer-Möbel harmonieren mit Perserteppichen und zeitgenössischer Malerei, Antiquitäten mit einem ersteigerten afrikanischen Stuhl und ein türkischer Tisch mit einer österreichischen Jugendstillamlape. Kunst, Design, edle Stoffe und viel Holz dominieren in jedem der 29 individuell eingerichteten Zimmer. Statt mit Hirschgeweihen und alpenländischem Kitsch dekoriert man lieber mit alten Schwarzweißaufnahmen und Pokalen vom Vater. Neu sind die Themen-Suiten: Maria Theresia im Neo-Barock-Stil, St. Petersburg in „New Opulence“ und Süleiman mit orientalischen Anklängen. „Gertrud Schneider ist eben ein Gütesiegel für guten Geschmack“, wie es einmal eine Lifestyle-Journalistin ausdrückte. Stilempfinden ist für die aparte 46-Jährige „keine Sache des Gestern, sondern ein Vorzeichen für zukünftige Generationen“.

Dass im Kristiania regelmäßig Lesungen und Hauskonzerte stattfinden, versteht sich fast von selbst. Man spürt mit der Zeit die Details. Wie schnell gewöhnt man sich doch an die kleinen Dinge, die das Leben angenehmer machen. An die gebügelte Zeitung am Morgen, an die frischen Croissants, die edlen Weine, die erlesenen Tees, die Zimmerschlüssel, geschaffen von den begabten Händen eines Salzburger Juweliers. Oder an die wohltuende Bettwäsche von Hefel – einem fast 100 Jahre alten Familienbetrieb in Vorarlberg, der von Greenpeace mit einem Dankschreiben für seine Nachhaltigkeit bei der Herstellung bedacht wurde. Gertrud Schneider liegt das Thema ebenso am Herzen wie der Wunsch nach einer intakten Umwelt: „Für meine Schwester und mich waren Nachhaltigkeit und der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur von klein auf eine Selbstverständlichkeit. Lech ist so schön, das muss man doch erhalten.“

Ökologische Gedanken vertragen sich hier gut mit Luxus

Natürlich denkt sie auch global. Aber Klimaschutz fängt für sie im eigenen Haus an. Daher hat sich Gertrud Schneider entschlossen, aktiv Verantwortung im Klimaschutz zu übernehmen. Um gezielte, effektive Maßnahmen zu ergreifen, ließ sie sich von der Münchner Firma ClimatePartner beraten und eine CO2-Bilanz erstellen. Bei der Berechnung aller CO2-Emissionen, die durch den Hotelbetrieb entstehen, werden neben etlichen weiteren Faktoren der Energie- und Wasserverbrauch, die Mobilität der Mitarbeiter, Lebensmittel und Getränke sowie deren Transporte, der Papierverbrauch des Hotels, An- und Abreisewege der Gäste berücksichtigt. Anhand des Emissionsberichts werden Reduktionspotenziale aufgezeigt, die Gertrud Schneider sofort ausschöpfen lässt (Einschränkung von Energie-, Papier-, Wasserverbrauch etc.). Nebenbei erwähnt sei, dass Lech eine vorzügliche Ökobilanz aufweist. Ein großes Biomasse-Heizwerk versorgt den weltbekannten Skiort mit Wärme, Strom kommt vom Wasserkraftwerk und bewusst nachhaltig geht man mit den Skipisten um. Im Kristiania werden nun in Höhe des Emissionsausstoßes Emissionsminderungszertifikate aus Klimaschutzprojekten gekauft. Mit den gekauften Zertifikaten werden die unvermeidbaren Emissionen ausgeglichen. Das Hotel Kristiania zählt durch diese Maßnahmen zu den beiden ersten klimaneutralen Hotels in Österreich (das andere ist das Arlberg-Hospiz in St. Christoph). Zudem bietet das Hotel Gästen die Möglichkeit, klimaneutral zu übernachten. Das Ganze nennt sich „Climate-Check-in“ und funktioniert so: Ein CO2-Rechner wurde entwickelt, der es ermöglicht, die ganz persönliche Emissionsbilanz für jeden Gast zu erstellen. Auch die Mobilitätsemissionen, die durch die An- und Abreise entstehen, werden miteinbezogen und ein CO2-Ausgleich errechnet. „Das sind keine großen Beträge, ab 40 Cent pro Gast und Nacht. Da kommen vielleicht 2000 Euro zusammen, die werden für ein Waldprojekt im Kongo verwendet“, erläutert Gertrud Schneider und fügt hinzu: „Wir haben all die Jahre mit den Gästen über Kunst geredet, da kann man doch jetzt auch über diese Themen sprechen und sie den Gästen bewusst machen. Bei Airlines wie beispielsweise der Swiss gibt es so etwas ja auch schon. Wir wollen dem Gast ein gutes Gewissen geben, das Gefühl, dass er dazu beiträgt, die Natur zu erhalten. Wir legen auch großen Wert auf einheimische Produkte, es gibt zum Beispiel bei uns kein ausländisches Mineralwasser mehr, nur noch österreichisches. Wir stellen uns auch Fragen wie: Ist es wirklich notwendig, Meeresfisch zu kaufen?“

Dass sich ökologische Gedanken ganz gut mit Luxus vertragen, beweisen die zahlreichen Service-Geister des Kristiania. Und damit ist jetzt nicht der Maybach gemeint, mit dem sich die ausländischen Gäste vom Münchner oder Züricher Flughafen abholen lassen können, auch nicht der Pet-Service, der die Gast-Hunde Gassi führt, während Herrchen oder Frauchen sich auf der Piste tummelt. Vielmehr ist das Butler-Programm gemeint. Nahezu um jeden Wunsch kümmert sich jemand. Im Englischen gibt‘s dafür den schönen Ausdruck „pampering“. Da kommt zum Beispiel an fixen Terminen ein Butler, der von der Firma Louis Vuitton geschult wurde, um den Gästen beim Aus- und Einpacken zu helfen. Sensationell. Man macht Urlaub, fährt Ski, genießt das Leben, lässt sich verwöhnen und lernt auch noch, seinen Koffer zu packen. (Credo des guten Gepäck- Geistes ist übrigens: Weniger ist mehr!). Es gibt auch jemanden, der beim Shoppen oder beim Fitness-Programm mit Rat und Tat zur Seite steht. Auch einen Ski-Butler und den Fashion-Coach, der die Gäste berät, was chic und hip ist auf den Pisten. Nicht zu vergessen die Kochschule mit dem französischen Chef Luc Mobihan und der Bade-Butler. Richtig gehört, da ist ein Mensch, der Gästen alles rund um das Thema Spa erklärt (es gibt also doch eines, wenn auch klein und fein). Es gibt sogar einen Lese-Butler. Er berät Gäste vorab bei der Wahl der Autoren und stellt bis zum Anreisetag eine Auswahl an Lesestoff zusammen, der dann im Zimmer bereitliegt.

Das Kristiania ist Gertrud Schneider und umgekehrt. Authentisch. Die Vorarlbergerin ist weitgereist, belesen, kunstbeflissen, sportlich. Dazu lebt sie ihr Bemühen um eine bessere Welt vor, auch im Hotel. Und sie versteht es, den Spagat zwischen Luxus und Nachhaltigkeit leicht und verständlich erscheinen zu lassen. Der Gast hat am Ende des Tages ein gutes Gefühl, vielleicht auch ein gutes Gewissen. Gertrud Schneider hat in ihrem Hotel einen eigenen Stilgedanken geprägt: Mal funkelnd und glamourös, mal fein, subtil, understate und elitär. Das ist die Tonart, die Gertrud Schneider lebt und das Flair, das ihr Hotel so besonders macht. Eine Bekannte von ihr formulierte es so: „Das Kristiania ist eine noble Auberge für Connaisseurs – nicht laut und aufgesetzt, jedem Trend nachheischend.“ Gertrud Schneider will lieber stille Zeichen setzen, die dafür nachhallen, und könnte so ihr Hotel auch zur Legende werden lassen.