Wenn Einkaufen kreativ macht

Plastikmüll in den Weltmeeren, Mikroplastik im Grundwasser und in unseren Lebensmitteln. Diese Schlagzeilen häufen sich in letzter Zeit. Und doch kaufen die meisten von uns immer noch tonnenweise in Plastik verpackte Produkte, Lebensmittel, Kosmetik, Waschmittel. Dabei gibt es inzwischen in vielen deutschen Städten die Möglichkeit, verpackungsfrei einzukaufen. Das Prinzip ist überall gleich: Eigene Behälter mitbringen, am Eingang wiegen, dann die Produkte aus den großen Spendern selbst abfüllen. An der Kasse wird dann gewogen und das Gewicht des Behälters abgezogen. So fällt kein Verpackungsmüll an und man kauft nur so viel, wie man wirklich verbraucht.

Vor zwei Jahren eröffnete Abdelmajid Hamdaoui in Mainz seinen Unverpackt-Laden, und war damals einer der ersten in Deutschland. Inzwischen sind viele weitere im ganzen Land dazugekommen, auch dank ihm. Doch kann sich das Konzept wirklich durchsetzen? Oder bleiben die Läden eine Nische? Unsere Autorin Eva Morlang war in ihrer Mainzer Zeit selbst Kundin und hat den Unverpackt-Gründer nun für ein Interview wiedergetroffen.

Sie haben vor Kurzem Zweijähriges gefeiert mit Unverpackt Mainz. Was hat sich in den zwei Jahren entwickelt?

Mir ist aufgefallen, dass sich die Kunden über die Zeit angepasst haben, sie sind routinierter geworden und haben ganz individuelle Lösungen für ihren verpackungsfreien Einkauf gefunden. Viele nutzen inzwischen einheitlich stapelbare Gläser, wenn sie in einer Kiste ihren Großeinkauf holen, andere packen ihre Nudeln in selbstgenähte Stoffbeutel. Die Kunden haben sich mit der Zeit immer mehr eingerichtet, und sich arrangiert, so dass sie entspannt einkaufen können.

Ich habe in der Zeit das Angebot immer wieder angepasst und neue Produkte in den Laden geholt, die Auswahl ist deutlich gestiegen. Dafür habe ich auch meine Kunden gefragt, was sie sich wünschen, sowohl mit einem Aufruf bei Facebook als auch hier im Laden.

Ich erinnere mich, dass sie im ersten Jahr teilweise Sorge hatten, weil wenig Kundschaft kam. Heute ist im Laden laufend Betrieb. Gab es einen Punkt, an dem es plötzlich im positiven Sinne gekippt ist?

Ja, den gab es tatsächlich. Das war im Oktober 2016, also ein Jahr und vier Monate nach der Eröffnung. Plötzlich haben wir in einer Woche doppelt so viel Umsatz gemacht wie in der vorherigen, dann dreimal so viel. Plötzlich lief es. Ich habe keine Ahnung, warum genau zu diesem Zeitpunkt. Ich glaube, dass ein Faktor schon die Auswahl ist, die wir anbieten. Je mehr Produkte, desto besser. Am Anfang war die Auswahl noch deutlich kleiner, da mussten die Leute dann für manche Produkte eben doch noch mal in den Supermarkt um die Ecke. Ich habe das Sortiment dann stetig erweitert. Die meisten wollen eben doch mit einem Einkauf alles drin haben. Nur Frisches haben wir nicht im Angebot, außer einer kleinen Auswahl an Milchprodukten. Es würde aber reichen, wenn man hier alles Trockene kauft und die frischen Sachen auf dem Markt.

Am Anfang hatten Sie auch ein Regal mit einer Auswahl an frischem Gemüse im Laden. Wieso gibt es das nicht mehr?

Meine Fläche hier ist nicht gerade riesig. Wenn ich möglichst viele Produkte anbieten will, muss ich mir den Platz intelligent einteilen. Obst und Gemüse nehmen viel Platz weg, sie müssen über Nacht kühl gelagert werden, brauchen bestimmte Kisten, die genau in den Kühlschrank passen. Auf der gleichen Fläche kann ich viel mehr trockene Produkte anbieten. Und ich überlege immer noch jeden Tag wenn ich hier stehe: Was kann ich noch besser machen? Wie kann ich den Platz noch besser nutzen?

unverpackt
Foto: Eva Morlang

Was spielt außer der Produktauswahl noch eine Rolle für den Erfolg eines verpackunsgfreien Ladens?

Ich denke es ist gut, seine Kundschaft zu kennen. Nicht nur zu erfahren, welche Produkte wünschen sie sich, sondern auch, was sie sonst für Bedürfnisse haben. Wir haben am Anfang in einer Umfrage herausgefunden, dass 85 Prozent unserer Kundschaft mit dem Fahrrad kommt. Um Parkplätze müssen wir uns also keine großen Gedanken machen, und Fahrradständer haben wir vor der Tür. Aber trotzdem sollte ein Laden für Autofahrer nicht völlig schlecht erreichbar sein. Wir haben auch einige Kunden, die aus Alzey, Bingen oder aus Frankfurt zu uns kommen, also aus einem Umkreis von 50 km. Die kommen regelmäßig für einen Großeinkauf. Das sind zwar eher einzelne Kunden, aber die kaufen dann gleich für über 100 Euro bei uns ein. Auch der Bahnhof spielt sicherlich eine Rolle, wir sind hier zehn Minuten zu Fuß vom Hauptbahnhof entfernt.

Was der richtige Stadtteil für einen Unverpackt-Laden ist, mag in jeder Stadt anders sein. Hier ist es das Halligalli-Hipster-Viertel, die Neustadt. Aber wir haben herausgefunden, dass weniger als die Hälfte der Kunden auch hier in der Neustadt wohnen. Viele leben in anderen Stadtteilen, aber sie verbringen gerne Zeit in der Neustadt. Hier gibt es viele Cafés, Restaurants und kleine Läden.

In Form von Workshops wollen Sie anderen helfen, ebenfalls den Schritt zu wagen, einen verpackungsfreien Laden zu eröffnen. Seit wann machen Sie das?

Ich habe schon zwei Monate nach der Eröffnung, noch im Sommer 2015, den ersten Workshop angeboten. Inzwischen haben einige der Teilnehmer ihre Läden eröffnet oder sind kurz davor: Wiesbaden, Darmstadt, Landau, Lorsch im Odenwald, Würzburg, Nürnberg und Essen sind in Arbeit. Oder auch aus dem hohen Norden aus Eckernförde hatte ich schon jemanden da. Die Leute werden vor allem im Internet auch mich aufmerksam.

Nach den ersten drei Workshops habe ich ziemlich schnell das Konzept geändert, weil ich gemerkt habe: Die finden die Idee großartig, aber haben von der praktischen Umsetzung so wenig Ahnung, dass sie gleich pleite gehen würden. Deshalb mache ich inzwischen „Reality-Workshops“, könnte man sagen, also eine Hospitanz bei mir im Laden, eine Woche, zwei Wochen, so lange bis die Interessenten ein Gefühl für den Alltag in so einem Laden haben.

Wenn man diesen Alltag nicht kennt, bringen einem viele schlaue Fakten auch nichts. Theoretisches Wissen wie „Wie viele Tonnen Müll produzieren die Deutschen im Schnitt?“, das ist im Grunde völlig egal. Die, die so viel Müll produzieren, sind sowieso nicht unsere Kunden. Die werden weiter ihre Plastikverpackungen kaufen. Uns muss völlig klar sein, dass es eine sehr kleine Gruppe der Bevölkerung ist, an die wir uns richten, eine Nische.

Und könnte es mehr werden als nur eine Nische?

Im Moment sind nach deutschlandweiten Umfragen wohl etwa vier Prozent der Bevölkerung offen für die Idee, beim Einkauf Verpackung zu vermeiden und für Bio-Produkte etwas mehr auszugeben. Mehr als die Hälfte der Gesellschaft hört beim Wort Bio bloß „teuer“ und will damit nichts zu tun haben. Wir müssen uns also voll auf die vier Prozent konzentrieren. Um hier einzukaufen, gehört eine gewisse Disziplin dazu: Wann gehe ich hin? Was brauche ich? Wie viele Behälter muss ich also einpacken? Am Anfang ist das natürlich ungewohnt und aufwendig aber ich habe mit der Zeit gesehen, wie sich meine Kunden daran gewöhnen und es zur Selbstverständlichkeit wird, den Einkauf zu planen. Auch wenn es nur vier Prozent sind. Wenn viele kleine Menschen viele kleine Schritte machen, kommen wir auch schon weiter, es braucht keine großen Sprünge.

Und um die 96 restlichen Prozent zu erreichen, braucht es dann glaube ich Durchhaltevermögen. Wir Menschen sind ja klug, wir lassen erst mal die anderen das Neue und Unbekannte ausprobieren. Und wenn wir dann sehen: Hey, die kaufen nach einem Jahr immer noch unverpackt ein, und nach zwei Jahren immer noch – dann finden sie irgendwann keine Ausrede mehr, warum sie es nicht selbst probieren sollten.

15.07.2017