Steck doch selber – Spielfiguren aus Thüringen

von Eva Morlang

Eine Aufbauanleitung? Gibt es nicht. Kopf, Beine, Arme, Rumpf, Räder oder Schuhe soll jedes Kind so zusammenbauen, wie es ihm gefällt. Vielleicht wird am Ende aus Quak dem Frosch und Quiek der Maus doch ein buntes Mischmosch? Die Steckfiguren aus Holz stellen Hans-Georg Kellner und seine Mitarbeiter in Tabarz im Thüringer Wald in Handarbeit her. Jede Figur ist ein Unikat. Die Gesichter werden von Hand aufgemalt, so dass jedes ein bisschen anders guckt.

Handarbeit mit langer Geschichte

Kellner führt den Familienbetrieb in dritter Generation, inzwischen sind die Steckfiguren schon 100 Jahre alt. Der Firmengründer Georg Kellner machte erst eine Lehre zum Schornsteinfeger, dann eine zweite: zum Klavierbauer. Der dortige Lehrmeister war leidenschaftlicher Modellflugzeugbauer und so baute auch Georg Kellner seine ersten Modellflieger. Er gründete seine eigene Firma, stellte bald auch Modellboote her und kam irgendwann auf die kluge Idee der Verbindungsstücke aus Gummi.

In der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er ging Georg Kellner pleite, verkaufte die Firma nach England, wo die Steckfiguren massenweise produziert wurden. Durch großes Glück bekam Kellner seine Firma später zurück und produzierte parallel in Leipzig und Tabarz, bis die Werkstatt in Leipzig im zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Seitdem werden die Steckfiguren in Tabarz hergestellt. Zu Zeiten der DDR war der Betrieb vorübergehend verstaatlicht und die Figuren wurden zur Massenware.

„Den Betrieb übernehmen wollte ich eigentlich nie“, sagt Hans-Georg Kellner heute, „Ich wollte meine eigenen Sachen machen, nicht die Teebeutel meines Opas wieder aufwärmen“. Er studierte Holzgestaltung, begann, Spielplätze zu bauen. In seiner Werkstatt in Berlin stand immer eine Steck-Maus auf dem Schreibtisch. Nach der Wende kaufte Kellner den Betrieb in Tabarz von der Treuhand und nutze die Werkstätten, um dort die Balken und Gerüste für seine Spielplätze herzustellen. Bis heute ist das sein Hauptgeschäft.

Bausteine von regionalen Zulieferern

Im Jahr 2000 unternahm Kellner den Versuch, die alten Steckfiguren neu zu vermarkten, und stellte sie auf der Spielwarenmesse in Nürnberg vor. Der Anklang überraschte ihn, vor allem aus Japan kam große Nachfrage. Seitdem werden in Tabarz wieder Haare und Ohren auf kleine Holzkugel geklebt, Münder geschlitzt und Augen aufgepinselt.

Die groben Bausteine, etwa die Rümpfe, stellt die Behindertenwerkstatt Bodelschwingh-Hof in Mechterstädt her, 10 Kilometer entfernt von Tabarz. Die Holzteile bestehen aus Buchenholz aus der Region. Die Gummi-Verbindungsstücke stellt eine Firma im Nachbarort Waltershausen her.

Zu den Klassikern wie dem Gärtnermeister Tulpe, Quak dem Frosch und Quiek der Maus kommen immer wieder neue Figuren hinzu, die Hans-Georg Kellner selbst entwirft. Die Maße sind seit hundert Jahren gleich geblieben. Alte Steckteile aus der ersten Generation lassen sich also immer noch mit den neuen Figuren verbauen.