Kork – der nachwachsende Alleskönner

von Andreas Günther und Eva Morlang

Wir haben die Schattenseite gesucht, und nicht gefunden. Kork ist das Wundermaterial der Nachhaltigkeit – es wächst nach, ist recycelbar, leicht. Und man kann daraus weit mehr machen als nur Weinkorken, Untersetzer und Bodenbelag.

Nachwachsend durch Superzellen

Nur weil ein Rohstoff nachwächst, ist er noch längst nicht nachhaltig. Für Palmöl und Zuckerrohr-Anbau wird Regenwald niedergebrannt, Bambus stammt häufig aus Raubbau. ‚Nachwachsend‘ bedeutet häufig, ein Baum wird gefällt, eine Pflanze geerntet und danach eine neue gepflanzt. Kork aber kann geerntet werden, ohne dass der Baum Schaden nimmt. Die Korkeiche ist der einzige Baum, der immer wieder eine neue Korkschicht zwischen Epidermis und Rinde bildet, sozusagen ein Abschlussgewebe zwischen Bauminnerem und Rinde.

Auch bei anderen Arten tritt das Gewebe auf, ist aber nur wenige Zellschichten dick. In der Evolution hatte diese nachwachsende Schicht wohl einmal eine ähnliche Funktion wie das Winterfell bei Tieren: robust sein gegen den Wechsel von Kälte- und Wärmeperioden. Mit dem Ende der Eiszeit eroberte die Korkeiche ihren heutigen, mediterranen Verbreitungsraum.

Korkernte von Hand wie vor tausend Jahren

Vor 1.800 Jahren machten sich die ersten Bauern mit wirtschaftlichen Absichten und Schneideäxten dazu auf, die Zellschicht zwischen Epidermis und Rinde abzuziehen. Ein archaischer Vorgang, dessen Spielregeln sich bis heute kaum verändert haben: Ein Mann steht einer Korkeiche gegenüber – mit der Axt in der Hand und dem seit Generationen übermittelten Fachwissen. Der Job ist schweißtreibend und sensibel: Der Stamm selbst darf nicht verletzt werden; wie in die Schale einer Orange schlägt man zuerst Längsschlitze in den Kork, der dann mit der scharfen Schneide oder dem Stiel der Axt herausgehebelt wird.
Im Idealfall liegen vor dem Korkbauern nach rund zehn Minuten Arbeit mannshohe, und -breite Korkschalen. Erfahrene Korkschneider können bis zu 600 Kilogramm Kork pro Tag sammeln. Nach der Ernte wird jeder Baum mit einer Nummer gekennzeichnet, um die letzte Schälung zu dokumentieren. Neun Jahre dauert es, bis die Korkrinde wieder nachgewachsen ist.

 

 

Kork als Lebensgrundlage in Portugal

Geerntet wird im Sommer. Jedes Jahr im Mai beginnen die Korkbauern mit ihrer Arbeit. Ein Industriezweig, der vor allem in Portugal ganze Landstriche ernährt. 99 Prozent des weltweiten Korkbedarfs stammen aus dem erweiterten Mittelmeerraum, ein Drittel davon aus Portugal. Geschätzt verlässt pro Jahr Kork im Wert von 900 Millionen Euro das Land, 3,5 Prozent des gesamten Exportwerts.
In einigen Dörfern ist Kork die Lebensgrundlage von 80 Prozent der Bevölkerung – und auch anderer Lebewesen. Der World Wildlife Fund lobt die Form der Korkernte in ihre Symbiose aus Land-, Wald- und Weidewirtschaft. Die Tiervielfalt in Portugals Korkeichenwäldern blüht, selbst eine seltene Großkatze, der Iberische Luchs, ist dort zu Hause.

Deshalb fordert der WWF sogar: Kauft mehr Wein mit Korkverschlüssen! Denn der meiste Kork steckt noch immer in der Falsche: rund 75 Prozent des Rohstoffes werden zu Flaschenkorken verarbeitet. Wenn die Plastik- und Drehverschlüsse weltweit immer weitere Marktanteile erobern, könnte dies das Ende der Korkeichenwälder provozieren – und damit das Ende eines einzigartigen Kultur- und Naturerbes. Nicht zuletzt ist Kork nahezu unbrennbar. Schwinden die Korkeichenwälder, nimmt auch die Waldbrandgefahr zu.

Korkeichen als Klimaschützer

Indem die Forstwirte Kork ernten, tun sie außerdem noch etwas für den Klimaschutz. Denn eine Korkeiche, die regelmäßig geschält wird, bindet bis zu viermal so viel Kohlendioxid wie eine ‚ungenutzte‘. Der Deutsche Kork-Verband rechnet vor: Die weltweiten Korkeichenwälder absorbieren jährlich über 14 Millionen Tonnen CO2. Allein die Korkeichen Portugals nehmen auf der Fläche von 736.000 Hektar in einem Jahr 4,8 Millionen Tonnen Kohlendioxid auf – umgerechnet ist das der Jahresausstoß von 1,6 Millionen Autos.

Moment – ein Kork-Verband? In einem Land, das gar keine Korkproduktion unterhält? Korrekt. Denn Deutschland ist nach Frankreich, den USA und Spanien weltweit der Korkabnehmer Nummer vier. 1.400 Tonnen Rohkork und bis zu 40.000 Tonnen Korkprodukte importiert Deutschland jährlich – direkt gekoppelt an 12.000 Arbeitsplätze in der portugiesischen Industrie und 6.500 in der portugiesischen Forstwirtschaft.

Wirtschaftszweig mit langem Atem

Für die Branche ist es schwierig, sich kurzfristigen Schwankungen in der Nachfrage anzupassen. Sie stößt auf natürliche Grenzen, denn eine Korkeiche kann erst im Alter von 25 Jahren das erste Mal beerntet werden. Die Zeitspanne bis zur Bildung einer neuen, erntefähigen Hülle beträgt dann im Schnitt neun Jahre, bei einem Ertrag von 60 Kilo Kork pro Baum. Rechnungen funktionieren also nur langfristig.

Wer einen Korkeichenwald betreut, muss weit über seine eigene Lebenszeit hinaus rechnen: eine Korkeiche bringt bis zu einem Alter von 200 Jahren Ertrag. Für den Erfinder des heutigen Nachhaltigkeitsbegriffes, den erzgebirgischen Forstwirtschaftshauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645 – 1714), ist diese Art des Wirtschaftens die vollendete Kür.

Kork als Nachhaltigkeitswunder – und wo ist der Haken? Gibt es wirklich keine negative Seite beim Thema Kork? Nicht bei der Rohstofferzeugung. Aber bei der Weiterverarbeitung kann es kritisch werden. Wer Korkprodukte aus Billig-Produktion anschafft, muss damit rechnen, dass unlautere Bindemittel verwendet wurden. Kork wird in der Regel über Folgeprodukte der chemischen Öl-Industrie verarbeitet, zum Beispiel zu Platten gepresst und verklebt.

Der Haken liegt teilweise in der Weiterverarbeitung

Das Magazin ÖKO-TEST ging vor einigen Jahren einem Problemfall nach – und fand das Bindemittel Phenol. Es steht im Verdacht, das Erbgut zu schädigen. ÖKO-TEST sagt aber auch: „Die früheren Anhaltspunkte auf eine Krebs erzeugende Wirkung konnten in neueren Versuchen nicht erhärtet werden.“ Doch keine Entwarnung: „Gerade auf ein Gemisch flüchtiger Lösemittel können sensible Menschen mit Kopfschmerzen und Unwohlsein reagieren“. Mehr Transparenz soll hier das Kork-Logo des Deutschen Kork-Verbandes sein, der auf chemische und technologische Unbedenklichkeit prüft.

Was Kork so attraktiv macht – neben seiner herausragenden Ökobilanz: Er ist ein Hightech-Werkstoff der Natur. Jeder Kubikzentimeter besteht aus bis zu 40 Millionen Zellen mit hochelastischer Membran. Die wabenförmige Struktur, die darin eingeschlossenen Gase verleihen Kork drei verlockende Eigenschaften: leicht, isolierend und vibrationsdämmend. Seine
harzähnliche Substanz Suberin schützt ihn zudem gegen Wasser und Feuer.

Deshalb kann Kork viel mehr als nur Weinflaschen verschließen. Auch der führende und weltweit größte Naturkorkenhersteller hat das erkennt: Amorim, ein international verflochtener Großkonzern mit Sitz in Mozelos, Portugal. Américo Amorim, Jahrgang 1934, dritte Generation im Familienbetrieb, ist nach Schätzungen der reichste Mann Portugals. Er hat früh erkannt, dass er neben der Weinkorken-Tradition auch in anderen Branchen mitmischen kann und setzt auf Kork als Baustoff. Ein prominentes Beispiel ist der Kork-Fußboden der Sagrada Familia in Barcelona.

Korkboden muss nicht spießig sein

In Deutschland erlebte der Korkboden in den 60er und 70er Jahren einen großen Boom, und litt später als Folge an einem spießigen Image. Inzwischen hat sich ein starker Industriezweig auf die Verfeinerung von Korkböden spezialisiert. Sieht nicht wie Kork aus, trägt aber allen Nutzwert – beispielsweise die hohe Isolierfähigkeit und die Elastizität, die Gelenke schont und Trittschall schluckt. Verlegt wird Kork heute auch nicht mehr nur klebend und in kleinen Quadraten, sondern mit Stecksystem wie Fertigparkett und Laminat.

Korken sind zu schade zum Wegschmeißen

Kork eignet sich außerdem als Wärmedämmung am Bau – und ist damit eine umweltverträgliche Alternative zum häufig genutzten Styropor auf Polystyrolbasis, hergestellt aus Erdöl. Problematisch an diesen synthetischen Dämmstoffen ist vor allem die Entsorgung. Sie fallen unter die Kategorien „Sonderabfall“ und sind nicht wiederverwertbar.
Kork dagegen lässt sich vielseitig recyceln. Deshalb ist es eine wahre Verschwendung, echte Weinkorken in den Hausmüll zu werfen. Sie können zu Granulat verarbeitet und in neue Form gepresst werden. So entstehen mit minimalem Energieaufwand zum Beispiel Schuhsohlen oder eben auch Korkböden und neue Dämmplatten. Es gibt unterschiedliche Einrichtungen, die als Sammelstellen für Korken fungieren, von Recyclinghöfen, über Naturschutz-Initiativen bis zu Supermarktketten. Eine umfangreiche Liste an Sammelstellen in ganz Deutschland gibt es beim NABU.

Abgesehen von aller Funktionalität und Nachhaltigkeit ist Kork ein ästhetisches Material, das in den letzten Jahren zunehmend kreativ genutzt wird. Immer häufiger sieht man zum Beispiel dünne Korkbögen in Bastelgeschäften, dekorativ als Einband für Notizbücher und Kalender oder als Pinnboard an der Wand. Designer nutzen das Material auch für Möbelstücke, zum Beispiel Hocker. Auch Taschen werden aus Kork gefertigt oder andere Accessoires bis hin zu Mützen, Fliegen und Krawatten. Ein echter Hingucker sind auch Schuhe mit Kork als Obermaterial. Es wird fleißig experimentiert und designt. Auch wenn in immer weniger Weinflaschen Naturkorken stecken – es hat sich noch längst nicht ausgekorkt.