Leihen statt besitzen

von Eva Morlang

Es gibt Dinge, die scheint man ganz dringend zu brauchen und schafft sie an, nur um sie dann in den Keller zu räumen und höchstens ein Mal im Jahr zu benutzen. Die Klassiker unter ihnen sind die Bohrmaschine, das Schlauchboot, das Raclette-Gerät oder der Schokobrunnen. 364 Tage im Jahr tun sie nichts außer Platz wegnehmen. Wäre es nicht viel sinnvoller, diese Geräte und Gegenstände zu leihen, wenn man sie wirklich braucht? Genau das ist die Idee des Leihladens – quasi eine Bibliothek der Dinge.

Nikolai Wolfert gründete 2012 den ersten Leihladen Deutschlands in Berlin. Während seines Soziologiestudiums arbeitete er im Umsonstladen der TU. Doch er fand es schade, dass die besten Sachen, die vielen gefielen und die viele brauchen konnten, immer gleich wieder weg waren. Also machte er einen Laden auf, in den Menschen Dinge bringen, die sie bereit sind, anderen zu leihen. Das Prinzip ist ganz ähnlich wie in einer Bibliothek. Man wird Mitglied für einen gewissen Jahresbetrag und kann dafür leihen, so viel man möchte. In der Regel ist die Leihfrist eine Woche. Damit der Leih-Pool an Dingen wächst, bringt jedes Mitglied mindestens einen Gegenstand mit ein. Leila Berlin hat inzwischen rund 1000 Mitglieder.

Schluss mit Überfluss

Lars Frost und Jana Rehwagen waren schon länger auf der Suche nach Alternativen für nachhaltigen Konsum. Nachdem sie das Buch „Stadt, Land, Überfluss“ gelesen hatten, misteten sie zu Hause gründlich aus, sahen Dokumentationen über minimalistisches Leben und besuchten 2015 den Leihladen in Berlin. Zufällig stolperten sie im Leipziger Westen in einem alternativen Stadtteil mit vielen alten Industrieflächen über ein ehemaliges Büro im Erdgeschoss und eröffneten dort im Mai 2016 Deutschlands zweiten Leihladen, Leila Leipzig. Auf den rund 45 m² stehen jede Menge Regale, die inzwischen bis an die Decke voll sind. Dazwischen ist Platz für eine Theke mit Teeküche und eine Sitzecke. Der Grundbestand an leihbaren Dingen kam erst mal von Lars und Jana selbst. „Wir haben doch einiges gefunden, was wir nur ein mal im Jahr benutzen, das waren vor allem Küchengeräte, Spiele und Campingausrüstung“, sagt Lars. Nachdem der MDR über den Laden berichtete kamen auch viele Sachspenden von Menschen, die bei sich aussortierten.

 

 

Ehrenamtliche Arbeit macht den Laden möglich

Bisher hat Leila Leipzig 50 Mitglieder, es dürften noch mehr werden. Der Jahresbetrag liegt bei 24 oder 36 Euro im Jahr, je nach eigenem Ermessen. Mietkosten sind die einzigen, die anfallen. Mit hundert Mitgliedern wäre die Miete gedeckt. Lars und Jana betreiben den Laden ehrenamtlich neben ihren Jobs, deshalb sind die Öffnungszeiten sehr eingeschränkt auf Mittwoch und Donnerstag Nachmittag. „Klar, für manche ist das unpraktisch mit den Arbeitszeiten, aber wenn man ein bisschen plant, kriegt man das schon hin“, sagt Lars. Wer einen Gegenstand mal länger behalten möchte, etwa einen Schlafsack für eine längere Reise, kann einfach nett nachfragen. Was gerade auf Lager und was verliehen ist, können die Mitglieder online in einem Katalog mit Ampelsystem einsehen. Wer schon weiß, dass in zwei Wochen ein Raclette-Essen geplant ist, kann das Gerät vorher reservieren lassen.

Die Mitglieder des Leila haben nicht nur Zugang zu Gegenständen, die sie nicht selbst kaufen oder bei sich lagern wollen, sie sind auch Teil einer Gemeinschaft. Wer in den Laden kommt, um etwas zu leihen, bleibt gerne noch auf einen Kaffee oder Tee und ein paar Kekse vom Bäcker nebenan. „Ein mal haben wir auch schon eine Sandwichparty gemacht hier im Laden, mit den Sandwichtoastern aus dem Leihregal“, erzählt Lars. Leihen statt besitzen ist nicht nur praktisch, findet er, es bringt auch Menschen zusammen.

 

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