Marfa – Wild West goes Art

von Dr. Christoph Netta

Mitten in der menschenleeren Einöde von Texas’ Westen liegt Marfa. Nahe dem Big Bend National Park und der Grenze zu Mexiko, entlang des Rio Grande und im Gebiet der Apachen entstand das Städtchen 1883 als Wasserstation der durchfahrenden Eisenbahnlinien.

Heute ist Marfa mit weniger als 2000 Einwohnern das Zentrum der Cattle Rancher im Umkreis von 100 Kilometern. Alles was der Rancher braucht, bekommt er in Marfa: Ersatzteile für seine Fahrzeuge, Futtermittel, Lassos und den vielfältigen Bedarf für seine Pferde. Aber Marfa ist auch der Mittelpunkt des sozialen Lebens des Presidio Countys. Am Wochenende ist das Städtchen Schauplatz von Hochzeiten und Geburtstagen. Reiche Rancher haben für diese Zwecke traditionell ein kleines Wochenendhaus in der Kleinstadt.

Mittelpunkt des sozialen Rancher-Lebens

Durch Marfa verläuft die Bahnstrecke, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet, New Orleans mit Los Angeles. Alle paar Stunden dröhnt und röhrt es von weitem und und dann rumpelt ein Megazug der Union Pacific Railroad durch die Stadt, gezogen von vier Loks, gefolgt von bis zu 125 Waggons. Die Loks sind geschmückt mit einer übergroßen amerikanischen Flagge und der Aufschrift „We build America“. Marfa lieferte im ersten und zweiten Weltkrieg Schafswolle, Stoffe und Lebensmittel an die US Army. Die Zeiten des großen Bahnhofs sind allerdings vorbei. Und dennoch, die Railway gehört dazu. Sie ist laut und ständig präsent, aber man ist stolz auf sie.

Anziehungspunkt der internationalen Kunstszene

Dank dem Künstler Donald Judd ist Marfa aber auch ein Anziehungspunkt für die internationale Kunstszene geworden, insbesondere ein Zentrum für den Minimalismus. Als Judd in den 1970ern nach Marfa zog um hier eine Künstlerkolonie zu gründen, fand er eine sterbende Stadt in großer Depression vor. Er kaufte von der US Army „The Block“, ein altes Offiziersheim, und baute es zu seiner Arbeitsstätte und Wohnhaus um. Später erwarb er auch das Gebäude einer Bank, den Ballroom der Stadt, Lagerhäuser und ein 140 Hektar großes Areal der US Army. Aus dem Munitionslager, dem Flugzeughangar und den 30 Soldatenbaracken wurden großzügige Ausstellungsräume für seine Objekte und die seiner Künstlerfreunde. Die Lichtinstallationen von Dan Flavin, verteilt über sechs Baracken gehören zu den größten der Welt. Judd selbst stellt 100 gleich große, sich aber nicht gleichende, Aluminum Skulpturen in den Flugzeuhangars aus und zeigt Installationen so groß wie Container in der Wüste.

In Marfa glaubt man an den sinnstiftenden Nutzen von Ranching und Art. „After the arrival of Donald Judd (…) there was a convergence of art and ranching cultures that infused even more an magical and somewhat psychedelic quality of the town.“ sagt Liz Lambert, aufgewachsen auf einer Cattle Ranch und heute CEO der lokalen Hotelkette Bunkhouse Hotels.

Die Mischung aus internationaler Kunstszene und der regionalen Rancher-Kultur macht Marfa zu einem Anziehungspunkt ganz unterschiedlicher Menschen und schafft mitten im Nirgendwo einen unerwartet magischen Ort mit ganz eigenem Charme. Landleben einmal anders, im Westen von Texas.