„Das Blaue vom Himmel versprechen“

In wenigen Branchen wird so viel getrickst und geschummelt wie in der Lebensmittelindustrie. Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch E.V., über ganz legalen Etikettenschwindel und Denkweisen der Lebensmittelindustrie.

von Dr. Thomas Hauer

[Dieses Interview wurde für die Ausgabe 04/2013 des Magazins PURE by premiumpark geführt]

Warum ist die Lebensmittelbranche für Täuschungsmanöver so besonders an- und auffällig?

Sie hat ein Problem – wir Kunden können nicht einfach immer mehr essen. Um im gesättigten Markt dennoch ihre Profite steigern und wachsen zu können, müssen Unternehmen ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz übertrieben stark abheben und einen Anreiz bieten, damit wir ihnen billig Herzustellendes für übertrieben viel Geld abkaufen. Dies führt zu immer größeren, oft haltlosen Werbeversprechen: Alles ist irgendwie gesund, handwerklich hergestellt, hat angeblich Wunderwirkungen. So werden aus einfachen Joghurts teure Luxusprodukte. Die Folge: Im Supermarkt muss man damit rechnen, systematisch getäuscht zu werden.

Es gibt doch im Lebensmittelgesetz eine Unmenge von Vorschriften gegen solche Fallstricke. Warum bieten diese Regeln keinen wirksamen Schutz?

Der Grundsatz im Lebensmittelrecht lautet: Täuschung ist verboten. Doch was im Einzelfall Täuschung bedeutet, ist oft nicht so genau definiert. Hinzu kommt, dass das Täuschungsverbot durch viele Spezialgesetze unterlaufen wird, der Etikettenschwindel ganz legal möglich macht. Eine hefeextrakthaltiges Produkt als frei von Geschmacksverstärkern zu bewerben, ist ebenso erlaubt wie ein Bier mit geringem, aber vorhandenem Alkoholgehalt als „alkoholfrei“ zu kennzeichnen.

foodwatch vergibt jedes Jahr den „Goldenen Windbeutel“ – einen in der Branche gefürchteten Antipreis für besonders dreiste Werbe- oder Produktlügen. Glauben Sie, dass die Aktion langfristig ein Umdenken auf Seiten der Konzerne bewirken kann?

Wir konnten tatsächlich schon erreichen, dass einige Hersteller ihre Produkte verändert oder vom Markt genommen haben. Vor allem aber dient der „Goldene Windbeutel“ dazu, auf Folgen dieser Werbeexzesse hinzuweisen und damit auch die Frage politischer Regulierung aufzuwerfen. Seit einiger Zeit wird bis hinauf zur Bundesregierung über Maßnahmen gegen den Etikettenschwindel beraten… Wir bleiben auf jeden Fall dran.

Wie steht’s mit der Verantwortung von uns Konsumenten? Ist es nicht unheimlich naiv zu glauben, es gäbe handwerklich erzeugte Produkte von artgerecht gehaltenen Tieren zum Nulltarif?

Es geht nicht um Glauben, sondern um Informationen. Wenn auf dem Gebäck nicht steht, ob die Eier aus Käfig- oder Freilandhaltung stammen, können Sie dem Kunden auch nicht vorwerfen, dass er Käfighaltung unterstützt. Viele Hersteller leben gut von dieser Intransparenz und schieben die Verantwortung komplett auf den Verbraucher ab. Unserer Vorstellung entspricht es aber nicht, dass uns die Unternehmen das Blaue vom Himmel versprechen dürfen, das sich dann bestenfalls im Kleingedruckten hinten, auf einer versteckten Internetseite oder vielleicht auch gar nicht als Schwindel auflöst. Die Verbraucher haben ein Recht, zu erfahren, was in ihren Lebensmitteln steckt – das ist eine Bringschuld der Hersteller.

Wie beurteilen Sie die Rolle des Verbraucherschutzministeriums – steht dort tatsächlich immer das Wohl der Konsumenten im Mittelpunkt?

Das Verbraucherschutzministerium ist ja auch ein Ministerium für die Landwirtschaft und die Ernährungsindustrie – übrigens die einzige Branche, die einen eigenen Sitz am Kabinettstisch hat! Leider fallen die Entscheidungen sehr viel häufiger zugunsten der Interessen dieser Branche als zugunsten der Verbraucher.


Martin Rücker ist seit April 2017 der Geschäftsführer von foodwatch. Zuvor leitete er die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der gebürtige Stuttgarter studierte an der Fachhochschule Hannover Journalistik und arbeitete dann zunächst als freier Journalist für das dpa-Landesbüro Niedersachsen/Bremen sowie für verschiedene Tageszeitungen, Magazine und Hörfunksender.