Gute Ideen für guten Stoff

von Eva Morlang

Plastiktüten können im Notfall als Kopfbedeckung vor Regen schützen oder zu einem Kostüm zusammengeklebt werden. Wirklich einkleiden möchte sich aber wahrscheinlich niemand damit. Das könnte sich bald ändern, denn immer mehr Designer spinnen Ideen, wie aus Plastikmüll Kleidung werden kann.

Rund 13 Millionen Tonnen Kunststoff gelangen jährlich in die Weltmeere, schätzt Greenpeace. Dadurch sterben nicht nur tausende Meerestiere, die die Abfälle verschlucken oder sich darin verfangen. Das Mikroplastik aus den Meeren gelangt letztendlich auch in unseren Körper.

 


Nach Papier und Pappe macht Kunststoff in Deutschland den größten Anteil aller Abfälle aus. Durch den wachsenden Internetversandhandel und die to-go-Kultur ist die Menge an Verpackungsmüll in den letzten zehn Jahren um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Wie viel Kunststoff weltweit produziert wird, ist schwer festzustellen. Die Schätzungen reichen von 200 bis 300 Millionen Tonnen pro Jahr.
Etwa ein Viertel davon wird in Europa produziert. Deutschland ist der größte europäische Abnehmer.
Kunststoff steckt in fast allem, ob in Waschmittel, Autositzen, Wandfarbe oder Kleidung. 
Etwa die Hälfte aller Textilfasern werden synthetisch hergestellt,

aus dem Grundstoff Erdöl.


 

Designideen für saubere Weltmeere

Es klingt utopisch, all den Müll aus den Meeren zu fischen und ihn dann auch noch zu verwerten. Mehrere Initiativen aus der Modebranche machen nun aber vor, wie das gehen könnte.
Das prominenteste Beispiel ist der deutsche Sportartikelhersteller Adidas. Im Sommer 2015 stellte das Unternehmen erstmals den Prototypen eines Sportschuhs vor, der aus Plastikmüll aus den Weltmeeren hergestellt wird.

Zusammen mit der Organisation ‚Parley for the Oceans‘ präsentierte Adidas den Schuh dann einige Monate später auf der UN-Klimakonferenz in Paris.
‚Parley for the Oceans‘ ist eine Organisation mit Sitz in New York, die sich für gesunde und plastikfreie Weltmeere einsetzt. Ihr Ziel ist vor allem: Unternehmen, zum Beispiel aus der Bekleidungsindustrie, anregen, über andere Materialien nachzudenken.

Der Gründer Cyril Gutsch formte sein Design-Unternehmen in ‚Parley for the Oceans‘ um, nachdem er sich mehr mit der Problematik des Kunststoffs beschäftigt hatte. Er findet, die Branche hat versagt, in dem sie noch keine Alternative zu Plastik gefunden hat. Letztendlich ist das Ziel, ’neues‘ Plastik in der Industrie völlig zu vermeiden.
Schicker Sportschuh aus Meeresplastik

Der Obermaterial des Adidas-Schuhs ‚UltraBOOST Uncaged Parley‘ besteht aus sogenanntem ‚Parley Ocean Plastik‘, einer Mischung aus allen möglichen Plastikabfällen, die aus den Meeren gefischt werden. 95 Prozent dieses Materialmixes wurden an Stränden auf den Malediven eingesammelt, die restlichen fünf Prozent sind recycelter Polyester. Insgesamt stecken in jedem Paar Schuhe umgerechnet elf Plastikflaschen.

Die erste limitierte Auflage des Schuhs von 7000 Paaren war 2016 schnell vergriffen. Für dieses Jahr hat Adidas angekündigt, eine Million Schuhpaare aus Parley-Kunststoff herzustellen.
Auch in Fußballtrikots von Adidas steckt mittlerweile Meeresplastik: Der FC Bayern München ist im November 2016 erstmals damit in ein Stadion eingelaufen. Weitere Vereine sollen schon Interesse geäußert haben.

 

 

Geisternetze belasten die Meere

Von den 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren verursacht laut Greenpeace-Schätzungen ein Zehntel die Fischerei. Dabei ist gerade dieser Wirtschaftszweig auf gesunde Meere angewiesen. Laut einer Studie der Welternährungsorganisation (FAO) landen jährlich rund 25.000 Fischernetze in den europäischen Meeren. Die Netze reißen ab oder werden absichtlich im Meer entsorgt.
Plastiknetze brauchen bis zu 600 Jahre, bis sie sich zersetzt haben. Auch wenn sie zerfallen, belasten sie als Mikroplastik weiter die Umwelt. In der EU-Fischereikontrollverordnung ist die Entsorgung von Netzen seit 2009 geregelt. Demnach müssen Fischerboote verloren gegangene Netze den Behörden melden. Dies wird bisher aber offenbar unzureichend umgesetzt.

Auch aus diesen Netzen, die das Meer verschmutzen, werden jetzt kreative Ideen und neues Garn gesponnen. Die Initiative ‚Healthy Seas‘ birgt mit freiwilligen Tauchern ‚Geisternetze‘ aus der Nordsee, der Adria und dem Mittelmeer. Was sie bergen ist wertvoller Abfall – die Netze bestehen meist aus Nylon, einer komplett synthetisch hergestellten Faser aus Polyamiden auf Erdölbasis.

Die italienische Firma ‚Aquafil‘ recycelt das Nylon aus alten Netzen und stellt daraus die Faser ‚Econyl‘ her. Bei dem Prozess wird das Nylon zuerst von anderen Bestandteilen der Netze getrennt und in seine Einzelteile zerlegt (Depolymerisation). Im nächsten Schritt, der Polymerisation, werden die Bausteine wieder zusammengefügt.

Natürlich verbraucht auch dieser Recycling-Prozess Energie und Wasser. Der große Vorteil gegenüber der Produktion neuen Nylons ist aber, dass auf Erdöl verzichtet wird.

Aus alten Fischernetzen werden Socken

Aus Econyl fertigt zum Beispiel das niederländische Unternehmen ‚Star Sock‘ Socken. In Deutschland sind sie seit einigen Monaten bei Kaufland erhältlich. Beim Innovationspreis des ‚Greentec Awards 2013‘ zierte statt eines roten Teppichs ein grüner aus Econyl den Boden. Auch Bademode aus dem Fischernetz-Material gibt es bereits zu kaufen.

Sportschuhe, Socken, ein Trikot – noch sind es vereinzelte nachhaltige Kollektionen in einem Meer von Millionen herkömmlichen Modeartikeln. Gehen sie darin nicht in Bedeutungslosigkeit unter? Bisher sind die einzelnen Produkte aus Meeresplastik Vorzeigeteile, gut für das Image der Unternehmen. Natürlich geht es letzten Endes auch hier nicht nur um ‚Werte‘ sondern um Marketing und Geld. Welche Motivation auch dahinter steckt: sobald sich zeigt, dass die nachhaltigen Produkte Anklang finden, werden die Kollektionen größer werden und Konkurrenzfirmen werden motiviert, ebenfalls im Recycling-Strom mitzuschwimmen.