Nachhaltig reisen – Eine Frage der Anbindung

von Eva Morlang

Pause vom Großstadttrubel, raus ins Grüne, in die Natur. Das ist oft leichter gesagt als getan. Schon mit dem Auto ist es aufwändig einen Ausflug zu planen, aber mit Bus und Bahn? Gerade für Familien erscheint das oft undenkbar. Jeder Umstieg bedeutet Stress. „Habt ihr auch nichts liegen lassen, Kinder? Sind noch alle da?“ Deshalb schlägt die Suchmaschine von naturtrip.org nur Ausflugsziele vor, die gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln angebunden sind, häufig ganz ohne Umsteigen. Seit Mitte 2016 verfolgt das Berliner Startup die Mission, Ausflüge ohne Auto attraktiver zu machen. Wir haben mit Hermann Weiß (45), einem der Gründer, gesprochen.

 

Bis jetzt funktioniert naturtrip.org nur für Berlin und Brandenburg. Sie selbst klingen gar nicht wie ein Berliner. Warum Berlin?

Weiß: Ich komme aus der Nähe von Regensburg, aber lebe seit 15 Jahren in Berlin. Ich wohne im Prenzlauer Berg und habe mal zufällig entdeckt, dass man von der Station Gesundbrunnen bis nach Fürstenberg an der Havel durchfahren kann und direkt an einem See aussteigt, wo man wunderbar paddeln kann. Man fährt eine knappe Stunde, mit dem Auto braucht man eineinhalb. Da kam ich auf die Idee, wie praktisch es wäre, eine Karte zu haben, die einem nur gut erreichbare Ausflugsziele anzeigt. Meine Mitgründerin Judith Kammerer und ich sind schon seit einigen Jahren befreundet. Vom Umweltministerium hatte ich eine Zusage, dass sie uns fördern wollen, wenn jemand als Gründer miteinsteigt, der sich mit Projektmanagement auskennt. Judith hat das schon bei diversen internationalen NGOs gemacht. Sie hatte Lust auf Startup und die Idee, also haben wir zusammen naturtrip.org gegründet.

Und wie funktioniert das, nur gut erreichbare Ziele anzuzeigen?

Weiß: Unsere Technik ist eine andere als zum Beispiel die Suche bei Google Maps von A nach B. Es ist eine Umkreissuche, die sich bei Big Data bedient, eine Technik, die es seit ungefähr zwei Jahren gibt. Unser System arbeitet mit den Rohdaten der Verkehrsbetriebe, bislang haben wir nur die von Berlin und Brandenburg zur Verfügung. Der VBB hat als erster seine Fahrplandaten für Startups freigegeben.

Das heißt es könnten noch mehr werden?

Weiß: Definitiv. Wir wollen es nicht bei der Region belassen. Unser System funktioniert jetzt ganz gut und wir können es auf alle Verkehrsdaten anwenden, die wir bekommen. Wir hoffen, dass wir in absehbarer Zeit auch die Daten von S-Bahnen und Regios der Deutschen Bahn bekommen, dann könnten wir deutschlandweit funktionieren. Schwierig macht es in Deutschland die Kleinstaaterei der Verkehrsverbünde. In der Schweiz stehen die Daten schon zur Verfügung, deshalb werden wir dort wohl als nächstes durchstarten. Auch Belgien und Skandinavien haben wir auf dem Schirm.

 

 

Wie finanziert sich naturtrip.org bisher?

Weiß: Wir bekommen eine Förderung vom Bundesumweltministerium und von der Deutschen Bahn. Unser Büro haben wir im Accelerator der DB in Berlin, wo ganz viele Startups sitzen, die an neuen Ideen für den Schienenverkehr tüfteln. Wir arbeiten unter traumhaften Bedingungen, muss ich sagen.

Und sind seit eurem Start schon weitere Einnahmequellen dazu gekommen?

Weiß: Die Deutsche Zentrale für Tourismus ist zum Beispiel einer unserer ersten Kunden. Für sie haben wir eine Instagram Influencer Kampagne gemacht zum Thema klimafreundlich anreisen in die Natur. An unserem System, das Verkehrsverbindungen anzeigt, sind viele Tourismusregionen interessiert. Für sie ist es am praktischsten, wenn sie die Funktion in ihren eigenen Internetauftritt integrieren können. Dafür bieten wir ihnen jetzt eine White Label-Lösung an. Wir haben schon mehr als zehn Interessenten dafür in Deutschland und Österreich.

Die Anbindung an den ÖPNV ist das wichtigste Kriterium. Aber wenn ich nun einen Kanu-Verleih suche, erfahre ich bei euch auch, welcher gut ist, oder nur, wie ich hinkomme?

Weiß: Bisher geht es bei uns nur um die Erreichbarkeit. Wir haben kein Prüfsystem für die Freizeitangebote und Ausflugsziele. In die Richtung gibt es aber durchaus Ideen, zum Beispiel könnten unsere User selbst die einzelnen Punkte bewerten und Erfahrungsberichte hochladen. Oder auch eine Kooperation mit bereits bestehenden Plattformen wie yelp oder tripadvisor wäre denkbar.

Wenn bei euch nur die gut angebundenen Ziele angezeigt werden, sieht es natürlich für andere düster aus. Könnte euer Projekt vielleicht auch einen Anreiz schaffen, dass der ÖPNV noch besser ausgebaut wird, damit mehr landschaftlich schöne Orte gut angebunden sind?

Weiß: Gewissermaßen können wir da schon etwas bewirken. In Brandenburg gibt es viele kleine Bahnhöfe, die von der Schließung bedroht sind. Sie müssen eine gewisse Zahl an Passagieren vorweisen, um nicht dicht gemacht zu werden. Wenn über diese Bahnhöfe künftig mehr Freizeitverkehr läuft, können sie weiter bestehen.

Wie wollt ihr letztendlich Autofahrer davon überzeugen, auf die Öffentlichen umzusteigen?

Weiß: Neben der Umweltfreundlichkeit ist wirklich oft auch die Zeit ein Aspekt. Man kann in unserer Suchmaske eingeben, wie viel Anreisezeit man höchstens haben möchte. Dann werden häufig schnelle Anbindungen angezeigt, mit denen das Auto nicht mithalten kann. Wir wollen uns im Grunde dahin setzen, wo die Reise geplant wird – am Frühstückstisch oder abends in der Kneipe. Wenn man auf naturtrip.org geht, muss man noch kein Ziel im Kopf haben. Auch ein Autofahrer muss sich ja erst mal ein Ziel überlegen. Bei uns kann man Kategorien anklicken, z.B. Gastlich, Übernachten, Tierisch, Sportlich. Wir zeigen dann Ziele an und lotsen direkt auf die Öffi-Anbindung.

Wie ist bis jetzt das Feedback?

Weiß: Wir haben schon einige richtige Fans. Wir sprechen oft auf Open Data Panels, viele Medien berichten, die Idee finden alle super. Jetzt müssen wir aber noch fleißig an der Usability feilen. Da gibt es noch einiges zu tun.