Mobiles Wohnen: Nomaden aus Holz

Immer mehr Menschen träumen vom Eigenheim, das man bei Wohnortwechsel mitnehmen und bei Familienzuwachs ganz einfach ergänzen kann. Wie gut, dass es eine Vielfalt variabler Holzgebäude fürs private oder berufliche Vagabunden-Dasein gibt.

von Sandra Makowski

Dass Han Slawik sich früh auf eine Bauweise konzentrierte, bei der Module zusammengefügt und nicht Stein und Mörtel mit beharrlicher Geduld aufeinandergeschichtet werden, liegt unter anderem an seinen ernüchternden ersten Erfahrungen auf der Baustelle. Zu Beginn seiner Karriere erlebte Slawik, der später Professor für Architektur werden sollte, die kaum zu vermeidenden Nachteile der herkömmlichen Bauweise hautnah mit: Abfälle, die irgendwie entsorgt wurden. Bauschutt, der in der Baugrube landete. Alle Pläne durcheinanderbringende Zwangspausen bei schlechtem Wetter. „Da ist bei mir die Überzeugung gereift, möglichst viele Bauteile im Werk vorzufertigen und auf der Baustelle schnell zu montieren.“

Heute gehört Han Slawik zu den Wegbereitern einer noch jungen Form der Baukunst: der Containerarchitektur. Sie nutzt die Stapelbarkeit genormter Kisten aus Stahl oder Holz. Schichtet ausrangierte Frachtbehälter aufeinander, stellt Quader hochkant. Die Wiederholung der Maße prägt einen durchgängigen Stil, dessen Ästhetik das Rechteck bestimmt. „Es ist sicher schwieriger, mit den gegebenen Restriktionen gute Architektur zu realisieren“, räumt  der Professor ein. Schließlich sei man bei der Wahl der Materialien und Formen eingeschränkt. „Aber es geht.“ Es geht, wenn man es macht wie er – also nicht einfach nur reiht und stapelt, „sondern mit architektonischen Mitteln auch erlebbare Außen- und Innenräume schafft“.

Bei seinen Entwürfen setzt Slawik, der bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten mit stählernen Frachtbehältern experimentiert und schon 1986 in den Niederlanden einen Wettbewerb zum Thema Temporäres Wohnen gewann, auch auf jenes Material, bei dem viele eher an zünftige Hütten, an Fachwerk oder an rote Häuschen in schwedischen Kriminalfi lmen denken: Holz. „Ein Stahlcontainerbau lässt sich natürlich leichter realisieren, aber in einem Holzhaus lässt es sich angenehmer wohnen und leben.“

Mobile Systeme wie die „HomeBox“, die in Kooperation mit der Leibniz Universität Hannover entstand, wo Slawik Entwerfen und Konstruieren lehrt, verbinden die international genormten Maße eines Frachtcontainers mit den ansprechenden Eigenschaften des nachwachsenden Rohstoffs Holz und den Vorteilen einer Nomadenbehausung.

So entsteht ein schlichter Turm, der mit seinen gerade mal 290 x 240 Zentimetern wenig Platz braucht und sich mit gewöhnlichen Hebe- und Transportmitteln ohne großen Aufwand versetzen lässt. Als der Bund Deutscher Architekten das Minihaus mit dem „BDA Preis Niedersachsen“ auszeichnete, stand in der Projektbeschreibung bezeichnenderweise „ortlos“. Slawik, der in dem Buch „Container Atlas“ herausragende Container- Bauwerke aus aller Welt zusammengetragen hat, schuf mit dieser hölzernen Box ein transportables Gebäude für verschiedenste Bedarfssituationen: Als einzelnes Modul bietet es Menschen, die Hausbesitz nicht mit Sesshaftigkeit verbinden wollen oder können, ein bequemes Eigenheim. Zu beliebig großen Gruppen zusammengestellt bildet es temporäre Herbergen bei Großveranstaltungen.

CABRIO- UND SCHLITTENHÄUSER

Auch andere Architekten und Designer experimentieren mit einer neuen, mobilen Form von Holzbauten: Sie setzen Bretter, Leisten und Balken zu Häusern zusammen, die fast so leicht zu verschieben sind wie ein Seefrachtcontainer und viel einfacher umzubauen oder zu reparieren als mobile Pendants aus Stahl. Sie entwerfen kubusförmige Nomadenhäuser. Drehbare Gebäude, die sich nach der Sonne richten und durch die Fenster ein Maximum an Tageslicht hereinlassen. Cabrio-Häuser, deren Bedachungen sich auf Knopfdruck öffnen und schließen.

Oder Schlittenhäuser, die bei Bedarf auf ihren Kufen zu neuen Standorten gleiten – wie zum Beispiel „Sled House“, das Feriendomizil einer fünfköpfigen Familie vor der Küste der neuseeländischen Halbinsel Coromandel, erbaut vom Architekturbüro Crosson Clarke Carnachan. Schottendicht gegen die raue See. Mit schlichter, variabel aufklappbarer Holzfassade. Der Clou: Die Baumaterialien sind nachhaltig, die Abfallentsorgung übernehmen Würmer in einem Tank, die im Lauf der Jahre ergrauenden Bretter fügen sich auch optisch in die Dünenlandschaft ein. Und droht zum Beispiel mal ein gefährlicher Sturm, kann das auf zwei mächtigen hölzernen Kufen ruhende Haus einfach weggezogen werden. Hinter die Düne oder auf einen Lastkahn.

WOHNWURM

Auch für den schwedischen Architekten Torsten Ottesjö sind das Gründe genug, sich mit Holz zu befassen und es in mobilen Bauwerken neu zu interpretieren. Wie bei dem spektakulären „Hus1“, einem wurmförmigen Gebilde, das gut in die Landschaft des westlichen Schwedens passt. Mit gewölbten Wänden, einem zweistufigen Boden im Inneren, einer eindrucksvollen Fensterfront nach vorne. Ottesjös Ziel war es, einen Raum zu schaffen, der sich harmonisch in die Umgebung einfügt, einen freistehenden Bau, der sich problemlos verschieben lässt. „Das Haus kann überallhin versetzt werden“, erklärt der Architekt, „und trotzdem soll es das Gefühl vermitteln, als sei es einfach hier gewachsen.“

PALETTEN-KONZEPT

Eine gerade unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit besonders bemerkenswerte Idee hatten die Architekten Gregor Pils und Andreas Claus Schnetzer (damals noch Studenten an der TU Wien): Aus 800 ausrangierten Transportpaletten entwickelten sie eine selbsttragende Holzkonstruktion, die, gedämmt mit Materialien wie Zellulose, Stroh und Sand, eine im Grundriss flexible, einfach auf- und abbaubare Behausung ergibt. Der spröde, aber eindrucksvolle Entwurf, erstmals 2008 bei der Architekturbiennale in Venedig vorgestellt, fand international Beachtung – auch weil es sich hier um ein multiplizierbares, sowohl in Industriestaaten als auch in armen Ländern nutzbares Konzept handelt: Mit Wärmeschutzverglasung dient das Palettenhaus zum Beispiel als Feriendomizil in Österreich und mit einfachen Kunststoffelementen versehen als vergleichsweise komfortabler Wohnraum in einem Kairoer Slum. Und stets punktet es dabei mit den Vorteilen eines standardisierten Materials, das bei jeder Erweiterung eine gewisse Symmetrie ermöglicht.

EIN-RAUM-BEHAUSUNG – ODER HAUSBOOT

Das Prinzip einer flexibel an veränderte Bedürfnisse anpassbaren Behausung, die zunächst nur aus einem Raum besteht, übernimmt auch das Konzept „add a room“, gestaltet von dem dänischen Architekten Lars Frank Nielsen, gefertigt von Zimmermännern. Dieses Bauwerk aus skandinavischem Holz kommt als Ganzes (mit Veranda und Pergola). Und geht auch als Ganzes. Zu einem neuen Wohnort, einem neuen Besitzer – der es dann vielleicht auf ein Floß setzt (auch das ist möglich) und als Hausboot nutzt.

SPIELVERDERBER BAUBEHÖRDE

Einfach mitnehmen. Das ganze Haus. Nicht Abschied nehmen müssen von den vertrauten vier Wänden, keinen Käufer finden müssen für die Immobilie, wenn einen das Leben in eine andere Stadt, ein anderes Land verschlägt. An geeigneten Behausungen für die Verwirklichung dieses Traums mangelt es nicht, wie man sieht. Dennoch dürfte die Zahl derer, die ein potenziell bewegliches Eigenheim besitzen und diese Mobilie auch wirklich als solche nutzen, zumindest in Deutschland noch gering sein. „Viele Menschen finden mobile Häuser, die auch tatsächlich mit umziehen können, sehr spannend“, sagt der Pionier der Containerarchitektur, Han Slawik. „Den Schritt zur echten Mobilität tun allerdings die wenigsten.“ Wohl auch weil die Bürokratie hierzulande vor einen schwunghaften Ortswechsel die Bauordnung gesetzt hat, die rigoros auch mobile Gebäude erfasst. Andernorts eine Aufstellgenehmigung zu bekommen, sei meist ein langwieriger Prozess, weiß Slwawik. „Da spielen die Behörden nicht mit.“