Auf gutem Grund

von Henrik Pfeiffer

Der deutsche Fußbodenhersteller Parador verbraucht für seine Parkettböden eine Menge Holz. Ein guter Grund für das Unternehmen, in der Produktion von Anfang an auf nachhaltige Spitzentechnologien zu setzen – und das schon lange, bevor „Öko“ zum Verkaufsschlager wurde

Im äußersten Südosten Österreichs, etwa 40 Autominuten östlich der Südautobahn und nahe der ungarischen Grenze, steht auf einem grünen Vulkansteinhügel die Ruine der Burg Güssing. Es ist die älteste Festung des Burgenlands, und blickt man an einem sonnigen Tag von ihren Zinnen herab auf den Ort und die umliegende Landschaft, wähnt man sich für Augenblicke in der Toscana. Hier ticken die Uhren langsam, die Schwalben fliegen hoch am Himmel über Wiesen und Wälder, in der Ferne hört man die alte Glocke von Maria Heimsuchung, Güssings Kirche. Nicht im Traum würde man darauf kommen, dass das rund 4500 Einwohner zählende Städtchen ein international renommierter Green-tech-Innovationsstandort ist, der jährlich tausende Besucher anlockt. Maßgeblich getragen wurde dieser Erfolg zum einen von den Güssingern selbst, zum anderen von Unternehmern mit Weitblick, die hier, mitten im malerischen Nirgendwo, Standorte eröffneten. Zu den wichtigsten unter ihnen gehört die deutsche Parador GmbH & Co KG. Parador existiert seit 1977 und ging seinerzeit ein 50:50-Produktions-Joint-Venture mit der Gebrüder Meyer Parkettindustrie GmbH ein, die bis dato Eigentümerin des Werks gewesen war. 2007 übernahm Parador das Güssinger Werk nach Jahren gemeinsamer Parkettfertigung und stetigem Standortausbau schließlich komplett.

Wie bereits erwähnt, ist die Gegend um das Werk traumhaft, aber sie strotzt nicht gerade vor Infrastruktur. Tatsächlich gehörte die Region sogar lange Zeit zu den strukturschwächsten Europas. Warum also ausgerechnet Güssing? Ein Blick in die direkte Nachbarschaft erklärt es. Nur wenige hundert Meter vom Parador Parkettwerk entfernt steht eins der modernsten Biomasse-Kraftwerke der Welt. Hier werden Holz- und Pflanzenabfälle zu Energie verarbeitet, die das Parador-Werk als einer von vielen Betrieben in dieser Gegend für die Parkettproduktion nutzt. Und die Holzabfälle für das Kraftwerk wiederum stammen unter anderem aus Paradors Parkettfertigung. So entsteht eine Symbiose, sichtbar an schlanken Rohrleitungen, die beide Werke miteinander verbinden. Legt man sein Ohr auf eines der oberirdisch verlaufenden Rohre, kann man die Hackschnitzel hören, die als Produktionsüberrest vom Parkettwerk zum Kraftwerk rauschen. Abfälle, die Parador nicht aufwendig entsorgen muss, sondern als Energiequelle an die Gemeinde verkauft. Schlanke Industrieprozesse einerseits, günstige Rohstoffpreise andererseits – ein perfektes Beispiel für das, was gemeinhin als „Win-win-Situation“ bezeichnet wird.

Verwurzelt in Güssing

Den Grundstein dafür legte die Güssinger Gemeindeverwaltung bereits 1992. Als eines der wirtschaftlichen Schlusslichter Europas sah sich die Region mit hoher Arbeitslosigkeit und einer noch höheren Abwanderungsquote konfrontiert. Güssings Bürgermeister Peter Vadasz, damals frisch im Amt, suchte nach Lösungen aus der Misere und fand sie – beim Blick auf Güssing von ihrem Wahrzeichen aus, der Burg. Von dort sieht man nämlich vor allem eines: Holz, soweit das Auge reicht. „Machen wir was daraus“, sagte sich Vadasz und startete eine Ärmelhochkrempel-Kampagne, die für einen Kommunalpolitiker fast eine Nummer zu groß wirkt. Investoren wurden überzeugt, ein Fernwärmekraftwerk wurde errichtet, Rathaus, Kindergarten und Schulen daran angeschlossen, und schon schrumpften die Energiekosten so rapide, dass bereits 1998 ein zweites Werk errichtet wurde, das neben Wärme auch noch Gas produziert. Zuvor hatte es nämlich noch zahlreiche Güssinger Haushalte ganz ohne Gasanschluss gegeben.
Heute liefern die umliegenden Forstbetriebe und Industrien rund 35000 Tonnen Holzabfälle pro Jahr an die Güssinger Kraftwerke. Die dabei entstehende Asche dient den Bauern in der Region als Dünger für ihre Felder. Mit 60 Millionen Kilowattstunden Heizenergie und 20 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt Güssing heute weitaus mehr Energie als die Haushalte und Betriebe verbrauchen. Und die Einnahmen daraus kommen nicht großen Energiekonzernen zugute, sondern den Einwohnern.

Eine Besonderheit des Biomasse-Kraftwerks direkt neben dem Parador-Werk ist, dass das Holz dort nicht wie sonst üblich mit sehr heißer Luft verbrannt wird, sondern unter Wasserdampf vergast. Wirbelschichtvergasung wird dieser Prozess genannt. Dessen Entwickler, der Wiener Verfahrenstechnik-Professor Hermann Hofbauer, war Ende der Neunzigerjahre an die Güssinger herangetreten, nachdem die Region als erfolgreicher Energie-Selbstversorger vom europäischen Sorgenkind zum Musterschüler geworden war. Eine glückliche Fügung, denn durch die innovative Technik verfügt Güssing heute nicht nur über eine einzigartige Technologie, sondern zudem über ein Kraftwerk, das einen Wirkungsgrad von 25 gegenüber den sonst üblichen 15 Prozent aufweist.

Längst ein Öko-Unternehmen

„Hier haben wir ideale technische Voraussetzungen, nach denen man lange suchen muss“, schwärmt Werksleiter Egon Marin. Er steht vor einem der zahllosen gigantischen Holzstapel, die in den Hallen des Parkettwerks lagern. Von ihm kann man lernen, dass Holz kein einfaches Material ist. Wie Spargel oder Erdbeeren ist es Saisonware, das heißt, es lassen sich bestimmte Sorten nur zu bestimmten Zeiten transportieren und verarbeiten. Buche etwa muss über den Winter unbedingt trocken und warm lagern, sonst verzieht sie sich und kann nicht mehr verarbeitet werden. Deshalb kann man es im frisch gefällten Zustand nur in den Sommermonaten transportieren. Ehe die Verarbeitung zu Bodenpaneelen, Terrassendielen oder Sichtblenden beginnen kann, muss das Holz für mehrere Monate in großen Trockenkammern lagern. Die Herstellung der richtigen klimatischen Bedingungen dafür ist eine Wissenschaft für sich. „Wir haben unsere Trocknungsprozesse und die Konstruktion unserer Paneele ständig verbessert“, erklärt Produktionsleiter Harald Nielsen. „So konnten wir in den letzten Jahren die Ausbeute erhöhen und die Effektivität um 20 Prozent steigern.“ Im Zusammenspiel mit dem quasi rückstandslosen Herstellungsprozess auf der Basis erneuerbarer Energien wird schnell deutlich, dass die Parador-Unternehmensleitung die Entscheidung für das Güssinger Werk nicht bereut.

„Der Standort Güssing passt perfekt zu Parador“, so Volkmar Halbe, Vorsitzender der Geschäftsführung von Parador. Und spielt damit nicht nur auf die direkte Nähe zum Rohstoff Holz in der waldreichen Region und die Aussicht auf günstige Energiepreise an, sondern vor allem auf den ökologischen Aspekt. „Im Grunde sind wir schon längst ein ,Öko‘-Unternehmen“, sagt er. „Wenn man so wie wir auf einen nachwachsenden Rohstoff angewiesen ist, bleibt einem gar nichts anderes übrig. Nicht umsonst stammt ja der Begriff Nachhaltigkeit ursprünglich aus der Forstwirtschaft: Wir können nicht mehr Holz verbrauchen als nachwächst, sonst sitzen wir schnell auf dem Trockenen.“ Dass sich Parador aktiv um die Sicherung des Rohstoffnachschubs kümmert, wird nicht nur an der Allianz mit der Güssinger Fernwärme deutlich. Der Strom für das Güssinger Werk stammt zu 100 Prozent aus Wasserkraft, offiziell zertifiziert und von der EAA-Energieallianz Österreich bestätigt.

Tropenhölzer? Nicht bei Parador!

Alle verarbeiteten Hölzer stammen aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern und kontrollierten Bezugsquellen, vorwiegend aus der mittelbaren Umgebung. Dass Tropenhölzer ein Tabu sind, ist für den Werksleiter Marin ohnehin eine Selbstverständlichkeit. „Schauen Sie sich hier mal um. Hier gibt es so viele wunderbare Hölzer, direkt vor unserer Tür. Hier in der Gegend ist sehr viel holzverarbeitende Industrie ansässig, und wir verbrauchen die Abfälle sogar obendrein zur Energieversorgung. Trotzdem wird derzeit nur rund ein Drittel des umliegenden Wald- und Forstbestands genutzt. Es gibt also sogar noch Luft nach oben.“ Und das gilt nicht nur für den Holzverbrauch, sondern auch für die Energieerzeugung. Denn während die Atomlobby von Stromausfällen unkt, die durch den Umstieg auf erneuerbare Energien entstünden, hat Güssing ein ganz anderes Problem: zu wenig Verbraucher. Obwohl bereits über 4000 Haushalte und rund 50 Unternehmen an das Netz angeschlossen sind. Das Zehnfache wäre möglich.

Parador profitiert indes von der umweltfreundlichen Energieversorgung durch ideale Voraussetzungen für ein schlankes Unternehmensmanagement. Vorteile, die – nicht minder vorbildlich – an Partner, Mitarbeiter und Kunden weiter gereicht werden. Parador pflegt einen ausgeprägten Bildungsaustausch mit Partnerunternehmen, bei dem Werksmitarbeiter Erfahrungen bei Lieferanten sammeln können und umgekehrt. „Nachhaltig wirtschaften, Produktion steigern, Mitarbeiter halten“, fasst Volkmar Halbe sein inoffizielles Werkscredo zusammen. Das funktioniert. Die Personalfluktuation ist gering, wer bei Parador landet, der bleibt in der Regel auch.

Design und die „Krombacher-Methode“

Gegenüber den Kunden nimmt das Unternehmen heute die Rolle des Designführers ein, und das nicht nur aufgrund ihrer Kompetenz für hochwertige Parketthölzer, sondern auch für die unverwechselbaren Designs der Laminatböden, die in der hauseigenen Designabteilung entstehen. Darüber hinaus arbeitet Parador auch mit den wichtigsten Gestaltern unserer Zeit zusammen. Unter dem Namen „Edition 1“ werden seit 2009 Kollaborationen mit namhaften Designern eingegangen, die das Parador Portfolio mit Eigenkreationen bereichern. Dafür wird Parador regelmäßig der Red Dot Award in der Kategorie Produktdesign verliehen. Zaha Hadids Entwurf „Krystal“ aus dem Jahr 2011 gewann obendrein den Interior Innovation Award des Rats für Formgebung.

Den ökologischen Schulterschluss mit dem Naturprodukt Holz geht Paradors Programm schließlich mit den „Eco-Balance“-Böden. Mit einem cleveren Marketingargument unterstreicht Parador, dass man dort verstanden hat, dass nachhaltiges Wirtschaften heute auch bedeutet, die Spielregeln zu beherrschen – und bedient sich der „Krombacher-Methode“. Nur dass die im Zusammenhang mit einem holzverarbeitenden Unternehmen eine völlig neue Bedeutung bekommt: Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Klimaschutzorganisation Plant-for-the-Planet wird für den Kauf eines Pakets Laminat Eco Balance ein Baum gepflanzt.