Pilzzucht auf dem Küchentisch

von Eva Morlang

Selbermachen liegt im Trend und das gilt auch für’s Essen. Mehl kann man selbst mahlen, Brot backen, Marmelade und Aufstriche herstellen, Obst einmachen. Doch Lebensmittel wirklich selbst herzustellen oder zu züchten ist aufwendig und braucht viel Platz. Schon mit ein paar Tomaten und Erdbeeren wird es ohne Balkon eng. Ralph Haydl aus Nürnberg hat eine Möglichkeit gefunden, wie man auch in der kleinsten Stadtwohnung selbst Lebensmittel erzeugen kann: Pilze züchten. Er hat ein Pilzpaket entwickelt, eine Pappschachtel kaum größer als ein Buch, aus der verschiedene Sorten von Austernpilzen und Seitlingen wachsen. Der Karton enthält nicht mehr als Kaffeesatz als Nährboden, versetzt mit Pilzbrut, die beginnt zu sprießen, wenn man den Kaffeesatz befeuchtet.

Haydl stieß 2012 zufällig auf ein Video, das zeigte, wie Pilze aus Kaffeesatz wachsen. Damals fand er im Handel kein entsprechendes Set und machte sich dann daran, zu experimentieren. Die sogenannte Pilzbrut konnte er im Handel kaufen, sie wird auch in der industriellen Lebensmittelherstellung verwendet. Die Kulturpilze, die wir im Supermarkt kaufen können, werden meist auf Stroh oder Sägespähnen gezogen.

Die Müllabfuhr des Waldes

Mit Pilzen im Wald kannte sich Haydl nicht besonders gut aus und bis heute ist er kein Pilzsammler. „Die Pilzzucht ist etwas völlig anderes“, sagt der 37-Jährige. „Die meisten Pilzsorten, die man im Wald findet, kann man gar nicht züchten“. Die Sorten, die aus seinen Paketen wachsen, sind solche, die in der Natur aus alten und kranken Bäumen herauswachsen und sie zersetzen, sie sind quasi die Müllabfuhr des Waldes. Deshalb können sie auch auf anderem Nährboden wachsen, während zum Beispiel Steinpilze in einer komplexen Symbiose mit anderen Pflanzen leben.

Haydl hat die Maße des Pakets genau so optimiert, dass er sie als Maxibrief verschicken kann. Seine Kunden leben auf der ganzen Welt, er verschickt die Pakete bis nach Mallorca und Brasilien. Nachdem er etwa anderthalb Jahre an dem Produkt tüftelte und ausprobierte, wie die Pilze optimal gedeihen, wurde das Pilzpaket 2014 zu seinem Hauptberuf. Nach seinem BWL-Studium hatte er im Einzelhandel gearbeitet.

Das Pilzpaket kann wunderbar in der Wohnung stehen, bei einer Temperatur zwischen 15 und 25 Grad fühlen sich die Seitlinge wohl. Sie brauchen etwas Licht, es muss aber keine direkte Sonneneinstrahlung sein. Ein- bis zweimal am Tag sollte der Kaffeesatz angefeuchtet werden. Schon nach zwei Wochen kann man üppige Pilze ernten. Danach kann man das Paket erneut befeuchten und noch zwei bis drei weitere Male ernten.

Viel Ertrag mit wenig Ressourcen

Wer auf den Geschmack gekommen ist und selbst sowieso Kaffee trinkt, muss nicht jedes Mal ein neues Pilzpaket bestellen. Man kann auch den eigenen Kaffeesatz als Nährboden verwenden und sich bei pilzpaket.de eine Pilzbrut bestellen, die man dann in den eigenen Kaffeesatz einimpfen kann. Die Pilzzucht bringt enorm viel Ertrag mit wenig Ressourcen. Für 500 g Pilze benötigt man etwa 1 kg Kaffeesatz und nicht mal einen halben Liter Wasser. Außerdem wachsen sie extrem schnell. „Das wird in Zukunft ein wichtiger Faktor werden“, sagt Haydl, „gut möglich, dass dann die Pilze eine größere Bedeutung bekommen in der Ernährung“. Gesund sind sie obendrein: Pilze enthalten viele Mineralstoffe und wertvolle Aminosäuren. Haydl macht aus seinen Pilzen besonders gerne vegetarische Schnitzel. Die Pilze bilden teilweise handgroße Teller, die er dann mit Ei und Mehl paniert. Online hat er eine ganze Sammlung an Rezepten zusammengestellt.

In einigen wenigen Läden in Bayern ist das Pilzpaket erhältlich, hauptsächlich läuft der Vertrieb aber online. Das Paket sollte nach zwei Wochen spätestens geöffnet werden, weil die Pilze dann beginnen, zu sprießen. Deshalb eignet es sich nicht gut dazu, längere Zeit im Regal zu stehen. Wer ein Paket bestellt und gerade verreist ist, darf sich also nicht wundern, wenn bei der Heimkehr plötzlich Pilze aus dem Briefkasten wuchern.